Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Aktien > Quartalsbericht

Alphabet-Albtraum: Zwei Zahlen sorgen für den größten Tagesverlust in der Konzerngeschichte

| Oliver Götz

Alphabet Corporate Branding auf dem Smartphone Bildschirm vor rotem, sinkendem Börsendiagramm.
Alphabet-Aktien rauschen nach Quartalszahlen ab. (Foto: picture alliance / imageBROKER | Sk Mijanur Rahaman)

Binnen eines einzigen Handelstages verliert der Google-Konzern an der Börse fast 500 Milliarden US-Dollar. Anlegern missfallen in der Quartalsbilanz zwei Dinge.

Für Alphabet endet der jüngste Quartalsbericht an der Börse in einem Desaster. Die Aktie der Google-Mutter brach am Donnerstag um 12,6 Prozent ein, womit sich innerhalb kürzester Zeit fast 500 Milliarden US-Dollar an Marktkapitalisierung in Luft auflösten – der größte Tagesverlust in der Unternehmensgeschichte. Ausschlaggebend dafür waren nicht die in Gänze überzeugenden Dreimonatsergebnisse, sondern das Geschäft, das bis dato als schier unerschöpfliche Geldquelle galt: die Google-Suche. Dort wächst das Werbegeschäft, Googles nach wie vor wichtigster Gewinnlieferant, langsamer als erwartet.

Google verdient sein Geld maßgeblich damit, Werbung neben Suchergebnissen zu verkaufen. Dieses Geschäftsmodell gerät durch den Wandel hin zu KI-gestützten Antworten unter Druck. Investoren sorgen sich davor schon länger, zuletzt jedoch konnte Google mit der erfolgreichen Implementierung des eigenen Chatbots Gemini in seine Suche zumindest die Zweifel darüber zerstreuen, dass immer mehr Menschen direkt über ChatGPT oder Claude, die Bots der KI-Konzerne OpenAI und Anthropic, suchen. Offenbar reicht diese Feststellung Anlegern nun aber nicht mehr. Dass die Werbeerlöse aus der Google-Suche im vergangenen Quartal lediglich um rund zwölf Prozent auf 63,35 Milliarden Dollar zulegten und damit deutlich langsamer als erwartet, sowie weniger schnell als in den Quartalen zuvor, als das Wachstum noch bei 19 und 17 Prozent gelegen hatte, verschreckte viele.

Ins Bild passt das, was Philipp Schindler, bei Google für das operative Geschäft zuständig, berichtet. Das Wachstum bei den Suchanfragen sei so stark ausgefallen wie seit fünf Jahren nicht mehr. Auch der KI-Modus, der Fragen direkt beantwortet, werde zunehmend genutzt. Doch mehr Suchanfragen bedeuten eben nicht automatisch mehr Werbeeinnahmen. Die klassischen Suchergebnisse bieten zahlreiche klar platzierte Werbeflächen. KI-Antworten funktionieren anders – und sind bislang weniger gut zu monetarisieren. Google will zwar künftig stärker Werbung in den KI-Modus integrieren und das Angebot international ausbauen. Wie schnell sich damit ähnliche Erlöse erzielen lassen, bleibt aber offen. Anlegern fehlt also für den Moment eine zukunftsfähige Strategie, die einleuchtend darlegt, wie sehr wahrscheinlich wegbrechende Werbeeinnahmen aus der klassischen Suche über neue Erlösquellen mindestens ausgeglichen werden können.

51 Milliarden Dollar für KI – und ein negatives Ergebnis

Investoren sorgt aber noch eine weitere Zahl im jüngsten Quartalsbericht der Silicon Valley-Riesen. Alphabet investierte im dritten Quartal rund 51,4 Milliarden Dollar in Sachanlagen, darunter Rechenzentren, Server und technische Infrastruktur. Im Vorquartal waren es knapp 45 Milliarden Dollar. Der freie Cashflow rutschte dadurch auf minus 9,1 Milliarden Dollar. Das Unternehmen gab also mehr Geld für Investitionen aus, als ihm nach den operativen Ausgaben an frei verfügbarem Mittelzufluss blieb. Das ist für einen Konzern, der lange zu den zuverlässigsten Cashflow-Lieferanten der Technologiebranche gehörte, ein Einschnitt. Bereits zuvor hatte Alphabet seine Investitionsplanung für 2026 auf 195 bis 205 Milliarden Dollar angehoben. Nun kündigte Finanzchefin Anat Ashkenazi an, dass die Ausgaben 2027 nochmals deutlich steigen dürften. Eine konkrete Summe nannte sie noch nicht. An der Börse kursieren bereits Szenarien von mehr als 300 Milliarden Dollar. Damit wächst die Sorge, dass der KI-Ausbau immer größere finanzielle Ressourcen verschlingt, bevor sich die Rendite der Investitionen zuverlässig abschätzen lässt. „Der Markt belohnt Ausgabendisziplin und bestraft Investitionen ohne Cashflow-Deckung“, schrieb Jochen Stanzl von der Consorsbank. Das operative Geschäft erwirtschaftet weiterhin hohe Gewinne. Doch Anleger fragen zunehmend, wie viel davon nach dem Ausbau der KI-Infrastruktur tatsächlich übrigbleibt und ob die künftigen Erträge die heutigen Ausgaben rechtfertigen.

Cloud boomt, doch das reicht nicht

Einen Lichtblick gibt es aber: Google Cloud. Der Umsatz der Sparte verdoppelte sich auf rund 30,7 Milliarden Dollar und übertraf damit die Erwartungen. Unternehmen buchen Rechenleistung und KI-Dienste, während Alphabet zugleich eigene Modelle wie Gemini und selbst entwickelte KI-Chips anbietet.

Die Analysten von JPMorgan reagierten auf die Zahlen mit einer Senkung ihres Kursziels für die A-Aktie von 425 auf 375 Dollar, beließen die Einstufung aber auf „Overweight“. Analyst Doug Anmuth verwies auf die geringe Toleranz des Marktes gegenüber hohen KI-Investitionen, wenn zugleich das Kerngeschäft enttäuscht und der Cashflow ins Minus rutscht. Positiv bewertete er das starke Wachstum der Suchanfragen. Auch Goldman Sachs senkte das Kursziel – von 435 auf 385 Dollar – hielt aber an der Kaufempfehlung fest. Die Dynamik im Suchgeschäft lasse angesichts hoher Vergleichswerte nach, während die Investitionen in Rechenkapazitäten weiter enorm bleiben dürften, hieß es.

Die Analysten von Morningstar bleiben derweil ausgesprochen optimistisch und erhöhten den fairen Wert für Alphabet-Papiere von 433 auf 450 Dollar. Der Markt unterschätze die Möglichkeiten, KI über verschiedene Geschäftsbereiche hinweg zu monetarisieren, sowie das Wachstumspotenzial von Google Cloud, schrieben die Experten in einem ersten Beitrag nach der Zahlenvorlage. Die vertikale Integration – von eigenen Chips über Modelle bis zur Software – könne zudem helfen, die Kosten langfristig zu kontrollieren.

Wie es scheint, muss Alphabet dies aber dem Markt neu beweisen. Hohe KI-Ausgaben werden nicht mehr allein als Zeichen von Zukunftsorientierung gefeiert. Sie müssen sich in zusätzlichen Umsätzen, steigenden Margen und belastbarem Cashflow niederschlagen. Und KI in der Internetsuche muss für Google mehr werden als ein Klickfänger. Es braucht neue Möglichkeiten der Monetarisierung.

bevorzugte Quelle 

Börse am Sonntag als bevorzugte Quelle festlegen

Sie möchten Finanz- und Wirtschaftsnachrichten von Börse am Sonntag häufiger bei Google sehen?

Bei Google bevorzugen

Ähnliche Artikel