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Krypto > Größter Kryptodiebstahl aller Zeiten

6,3 Milliarden mal eben weg: Was ist der Bitcoin wirklich wert?

| Oliver Stock

Person hält Smartphone mit Binance Kryptowährung Exchange Logo auf dem Bildschirm.
Bei Binance wurden innerhalb kürzester Zeit Kryptowährungen im Wert von mehreren Milliarden gestohlen. (Foto: picture alliance / imageBROKER | Sk Mijanur Rahaman)

6,3 Milliarden Dollar verschwinden bei der Kryptobörse Binance. Die Täter brauchen dafür gerade einmal 20 Minuten. Ausgerechnet zentrale Kontrollstellen retten einen Teil des Geldes. Für die Kryptowelt ist das peinlich.

Es gibt Bankräuber, die brauchen einen Bagger, um einen Geldautomaten aus der Wand zu reißen. Andere graben einen Tunnel, um in den Tresorraum einer Bank zu gelangen. Die Täter, die jetzt bei der weltgrößten Kryptobörse Binance zugeschlagen haben, brauchten offenbar nur einen Computer und Zugang zu den richtigen digitalen Unterschriften. Dann ging alles rasend schnell.

Innerhalb von rund 20 Minuten verschwanden am Donnerstagabend Kryptowährungen im Wert von mehr als sechs Milliarden Dollar aus den digitalen Geldbörsen von Binance. Genau genommen waren es nach Berechnungen der Blockchain-Analysten von TRM Labs 6,36 Milliarden Dollar. Der größte Kryptodiebstahl aller Zeiten. Viermal so viel wie beim bisherigen Rekordraub bei der Kryptobörse Bybit im Februar 2025. Und nun?

Die gute Nachricht für Bitcoin-Besitzer: Der Bitcoin selbst funktioniert weiterhin. Niemand hat seinen Programmcode geknackt, niemand hat die Blockchain manipuliert. Die gestohlenen Bitcoins sind genauso viel oder wenig wert wie alle anderen Bitcoins auch. Wer einen Tresor knackt, macht schließlich die Geldscheine darin nicht ungültig.

Ein Laptop, zehn Netzwerke, Milliarden Dollar

Die schlechte Nachricht: Was hilft das sicherste Geld, wenn der Tresor offensteht? Um zu verstehen, was bei Binance passiert ist, muss man wissen, wie Kryptowährungen aufbewahrt werden. Bitcoins liegen nicht wie Goldmünzen in einem Tresor. Sie existieren als Einträge in einer öffentlichen Datenbank, der Blockchain. Wer über den passenden geheimen digitalen Schlüssel verfügt, kann sie an eine andere Adresse übertragen. Die Blockchain prüft, ob die Überweisung gültig unterschrieben wurde. Ist das der Fall, wird sie ausgeführt.

Diesen Schlüssel müssen die Eigentümer und die Verwahrer der Währungen schützen wie die Kombination eines Tresorschlosses. Wer ihn oder die Möglichkeit zum Unterschreiben in die Hände bekommt, kann das Geld bewegen. Genau dort haben die Angreifer offenbar angesetzt.

Nach ersten Angaben von Binance könnte ein Laptop eines IT-Ingenieurs gehackt worden sein. Über diesen Rechner sollen die Täter Zugang zu internen Systemen erhalten haben. Das amerikanische Unternehmen TRM Labs, das für Banken, Kryptobörsen und Ermittlungsbehörden die Spuren digitaler Geldströme verfolgt, hat den Raub rekonstruiert. Die Sicherheitsforscher v vermuten, dass die Angreifer Zugriff auf die Technik bekamen, mit der Binance Überweisungen digital freigibt.

Das wäre so, als hätte ein Bankräuber nicht nur den Tresorschlüssel erbeutet, sondern gleich die Maschine unter seine Kontrolle gebracht, die neue Schlüssel ausstellt. Die Täter schlugen gleichzeitig auf zehn verschiedenen Blockchain-Netzwerken zu. Bitcoin, Ethereum, Solana und andere waren betroffen. Bei Ethereum nutzten sie eine besondere technische Funktion, mit der eine digitale Geldbörse einem Computerprogramm die Kontrolle über ihre Transaktionen übertragen kann. Dafür hatten sie 50 digitale Genehmigungen vorbereitet. Eine

davon passte. Anschließend konnte ein von den Tätern gesteuertes Programm die Geldbörse leerräumen. Bei anderen Kryptowährungen liefen die Überweisungen mit regulär aussehenden digitalen Unterschriften. Für die Blockchain waren es gültige Transaktionen. Sie konnte nicht erkennen, dass dahinter Kriminelle standen. Die Technik hat demnach getan, was sie sollte. Sie hat das Geld zuverlässig überwiesen -nur eben an die falschen Leute.

Die Ermittler von TRM Labs sind überzeugt, dass die Hackergruppe TraderTraitor hinter dem Angriff steckt. Sie wird Nordkorea zugerechnet. Auch die amerikanische Bundespolizei FBI hatte die Gruppe bereits für den Milliardenraub bei der Kryptobörse Bybit verantwortlich gemacht. Nach dem Raub begann ein Wettlauf. Auf der einen Seite die Hacker, die ihre Beute möglichst schnell in andere Kryptowährungen tauschten. Auf der anderen Seite die Sicherheitsabteilungen der Kryptounternehmen, die versuchten, das gestohlene Geld zu blockieren.

Plötzlich sind zentrale Kontrollstellen gefragt

Und hier wird die Geschichte besonders spannend. Die Kryptowelt verspricht seit Jahren ein Finanzsystem ohne private oder öffentlic-rechtliche Banken, ohne staatliche Notenbanken und ohne zentrale Instanzen, die darüber bestimmen, wer über sein Geld verfügen darf. Ausgerechnet solche zentralen Instanzen haben aber nun immerhin einen Teil der Beute gerettet.

Tether und Circle heißen zwei Unternehmen, die sogenannte Stablecoins herausgeben. Das sind digitale Dollar, deren Wert möglichst stabil bei einem amerikanischen Dollar liegen soll. Anders als Bitcoin werden diese digitalen Währungen von Unternehmen verwaltet, die bestimmte Adressen sperren können. Tether blockierte nach Angaben von TRM Labs rund 1,77 Milliarden Dollar, Circle weitere 825 Millionen. Auch Ripple und andere griffen ein. Insgesamt wurden nach der ersten Auswertung rund 2,7 Milliarden Dollar eingefroren. Hinzu kamen Eingriffe in das Blockchain-Netzwerk Arbitrum. Die Hacker hatten zwar das Geld gestohlen. Aber einen erheblichen Teil konnten sie nicht mehr ausgeben. „Die Blockchain vergisst nichts. Jede einzelne Transaktion der Täter ist öffentlich einsehbar – und damit nachverfolgbar“, sagt David Lüdtke, Kryptoforensiker beim Jungunternehmen Finanz Forensik aus Hanau. „Diese Spuren kann nicht nur Binance auswerten. Auch Geschädigte können den Weg ihres Geldes mit forensischer Unterstützung verfolgen. Sobald gestohlene Werte bei einer Börse oder einem Stablecoin-Herausgeber landen, gibt es einen Punkt, an dem man sie sperren lassen kann.“

Bei Bitcoin ist das schwer. Dort gibt es keinen Vorstand, den man anrufen kann, damit er eine Überweisung stoppt. Wer die Schlüssel kontrolliert, kontrolliert das Geld. Genau das gilt als eine der größten Stärken dieser Währung. Jetzt zeigt sich die Kehrseite. Die Täter besitzen nach der ersten Analyse unter anderem mehr als 18.000 Bitcoins und Hunderttausende Ether, auf die kein Stablecoin-Herausgeber zugreifen kann. Sie können diese Werte weiterbewegen, solange sie über die entsprechenden Schlüssel verfügen.

Unauffindbar sind aber auch diese Werte nicht. „Die Täter werden versuchen, die Beute über Mixer, Brücken zwischen verschiedenen Blockchains und Händler außerhalb der Börsen zu waschen“, sagt Lüdtke. „Aber irgendwann muss das Geld zurück in Dollar oder Euro. Das geht in aller Regel nur über Börsen, die ihre Kunden identifizieren müssen. Ein forensisches Gutachten macht diesen Weg Schritt für Schritt nachvollziehbar. Es ist der Schlüssel dafür, dass Anwälte und Staatsanwaltschaften überhaupt ansetzen können.“

Die Kryptowelt muss sich dennoch eine Frage gefallen lassen: Wie viel ist das Versprechen einer sicheren, unabhängigen Währung wert, wenn gestohlenes Geld praktisch nur sehr schwer zurückgeholt werden kann? Und wenn ausgerechnet die Unternehmen, deren Macht man mit Kryptowährungen überwinden wollte, beim Schutz der Anleger helfen müssen?

Binance verspricht, den Schaden zu bezahlen

Für die Kunden von Binance soll der Angriff nach Angaben des Unternehmens keine finanziellen Folgen haben. Mitgründerin Yi He versprach, sämtliche Verluste aus dem Hackerangriff zu decken. Dafür gibt es einen Sicherheitsfonds, der zuletzt aber nur rund eine Milliarde Dollar wert war. Der Rest müsste aus anderen Mitteln des Unternehmens kommen.

Das ist ein gewaltiges Versprechen. Denn selbst nach dem Einfrieren eines Teils der Beute bleibt ein Schaden in Milliardenhöhe.Die Kunden müssen also darauf vertrauen, dass Binance zahlungsfähig bleibt und seine Zusage einhält. Sie sind damit in einer ganz ähnlichen Lage wie Kunden einer herkömmlichen Bank, deren Sicherheit von der Solidität des Instituts abhängt. Nur gelten für Kryptobörsen nicht automatisch dieselben Einlagensicherungen wie für klassische Bankkonten.

„Die Zusage von Binance ist ein Versprechen – keine Einlagensicherung. Geschädigte sollten sich darauf nicht allein verlassen“, sagt Marco Rogert, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht aus Düsseldorf, der sich auf Kryptobetrugsfälle spezialisiert hat. „Wer selbst aktiv wird, verbessert seine Position deutlich: Kontostände und Transaktionen dokumentieren, Strafanzeige erstatten und den Weg der Gelder forensisch nachverfolgen lassen. Mit einem solchen Gutachten in der Hand können wir bei Börsen, auf denen Teile der Beute landen, die Sperrung von Konten anstoßen, Auskünfte über die Inhaber einfordern und Ansprüche gegen die Empfänger durchsetzen.“ Zugleich warnt der Anwalt vor Trittbrettfahrern. „Nach jedem großen Hack geben sich Betrüger als Binance-Support, als Ermittler oder als sogenannte Recovery-Firmen aus und versprechen, verlorene Kryptowerte gegen Vorkasse zurückzuholen“, sagt Rogert. „Seriöse Hilfe verlangt niemals Zugangsdaten oder die Wiederherstellungsphrase einer Wallet.“

Der Bitcoin-Kurs reagierte den Angriff prompt. Er fiel zeitweise auf rund 76.500 Dollar. Auch andere Kryptowährungen und Aktien von Kryptounternehmen gerieten unter Druck. Der Angriff ist deshalb ein Rückschlag für die gesamte Branche. Die Kryptowelt erlebt, dass zwischen einem sicheren Zahlungssystem und sicher verwahrtem Geld ein gewaltiger Unterschied besteht.

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