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Märkte > US-Midterms

Folgt auf den „Blauen Tsunami“ ein Börsenbeben?

| Oliver Götz

Börsenhändler blickt auf Bildschirme.
Bedroht die krachende Niederlage für die Republikaner bei den Midterms die KI-Rally? (Foto: picture alliance / newscom | JOHN ANGELILLO)

Die Demokraten gewinnen die US-Zwischenwahlen haushoch. Die Märkte reagieren in einer ersten Reaktion nervös. Doch die Historie verspricht steigende Kurse.

Umfrageergebnisse im unmittelbaren Vorfeld der Wahlen hatten teils deutliche Zugewinne für die Demokraten angedeutet. Den „Blauen Tsunami“, wovon viele politische Beobachter am Tag nach den US-Midterms sprechen, hatten jedoch die Wenigsten so erwartet. Die Demokraten haben bei den Zwischenwahlen nicht nur im Repräsentantenhaus, sondern auch im Senat klare Mehrheiten erreicht und den Republikanern dabei empfindliche Niederlagen in konservativen Hochburgen wie Texas, Kansas, Iowa, Georgia oder Ohio beigebracht. Insbesondere für Donald Trump, der im Wahlkampf immer wieder dazu aufgerufen hatte so zu wählen, als stünde er selbst auf dem Wahlzettel, ist das eine böse Klatsche. Praktisch bedeutet das für den amtierenden US-Präsidenten einen maximal unbequemen Kongress für die zweite Hälfte seiner Amtszeit und unter Umständen ein politisches Patt, womit Trump selbst zur „Lame Duck“ würde, sprich kaum noch Mehrheiten für seine Vorhaben gewinnen könnte.

An den Finanzmärkten fielen die ersten Reaktionen entsprechend nervös aus. Die Futures auf den Nasdaq 100 verloren zeitweise bis zu 2,4 Prozent, jene auf den S&P 500 bis zu 1,4 Prozent. Im weiteren Handelsverlauf erholten sich die Kontrakte allerdings wieder. Das zeigt: Der Wahlausgang sorgt für Unsicherheit, ein anhaltender Ausverkauf erscheint derweil unwahrscheinlich.

KI-Aktien im Fokus

Im Zentrum der Sorgen steht die Frage, ob der politische Erfolg der Demokraten zu strengeren Auflagen für neue Rechenzentren führt. Die Infrastruktur bildet das Fundament des KI-Booms, der die US-Wirtschaft und die US-Aktienmärkte seit Monaten trägt. Cloud-Anbieter und Technologiekonzerne investieren enorme Summen in Server, Chips und Stromversorgung, um die steigende Nachfrage nach Rechenleistung bedienen zu können. Doch vielerorts wächst der Widerstand gegen die Anlagen. Anwohner beklagen steigende Stromkosten, hohen Wasserverbrauch und Umweltbelastungen. Investoren dürften daher besonders aufmerksam nach Texas und Georgia blicken. In beiden Bundesstaaten errangen die Demokraten historische Wahlsiege. Texas dürfte nach Schätzungen von GLJ Research rund ein Viertel der US-Rechenzentrumskapazität beherbergen, die bis 2030 ans Netz gehen soll. Auch die Hauptstadt Georgias, Atlanta, zählt zu den wichtigsten Standorten für den Bau neuer Anlagen. Wahlkämpfer, die sich für Einschränkungen oder zeitweise Baustopps ausgesprochen hatten, erhalten durch die Ergebnisse nun politischen Rückenwind. Für die Börse ist das eine heikle Entwicklung. Schon vor der Wahl hinterfragten Anleger zunehmend, ob die gigantischen KI-Investitionen in angemessener Zeit die erhofften Erträge abwerfen. Wenn Genehmigungsverfahren länger dauern, Bauprojekte verzögert oder Stromanschlüsse teurer werden, könnte sich die Amortisation weiter nach hinten verschieben. Das träfe nicht nur Betreiber von Rechenzentren, sondern potenziell auch Chiphersteller und andere Zulieferer.

Allerdings wäre es voreilig, strengere Regeln automatisch mit einem Ende des KI-Booms gleichzusetzen. Die Nachfrage nach Rechenleistung kann weiter steigen, auch wenn der Ausbau einzelner Standorte langsamer vorankommt. Zudem könnten etablierte Betreiber mit bereits genehmigten Anlagen von höheren Eintrittshürden profitieren. Entscheidend wird sein, ob die Politik gezielt einzelne Projekte beschränkt oder den Ausbau insgesamt erschwert.

Trump bleibt handlungsfähig – doch der Kongress wird unbequemer

Die Demokraten verfügen nun über mehr Möglichkeiten, Trumps Vorhaben zu kontrollieren und politische Initiativen zu blockieren. Auch bei Personalentscheidungen und der parlamentarischen Aufsicht über die Regierung dürfte der Kongress an Gewicht gewinnen. Ein vollständiger Kurswechsel ist damit allerdings nicht automatisch verbunden. Trump kann Gesetze mit einem Veto stoppen und besitzt weiterhin Spielraum, über Verordnungen zu regieren. Anleger müssen deshalb zwischen politischem Signal und tatsächlicher Gesetzgebung unterscheiden. Noch ist offen, welche konkreten Vorschriften kommen, wie weit sie reichen und wann sie greifen könnten. Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, dürfte die Unsicherheit vor allem bei hoch bewerteten Technologieunternehmen anhalten. Hinzu kommt, dass die KI-Aktien nicht erst seit dem Wahltag unter Druck stehen. Der Nasdaq 100 hatte bereits zuvor deutlich von seinem Rekordhoch verloren. Die Wahl trifft damit auf einen Markt, in dem die Ansprüche an Wachstum und Rendite ohnehin hoch sind. Neue politische Risiken können die Korrektur verschärfen – sie erklären aber nicht allein, warum Investoren ihre KI-Positionen überprüfen.

Die Geschichte spricht für eine Erholung

So bedrohlich die politische Wende kurzfristig wirken mag: Ein Blick auf frühere Zwischenwahlen liefert ein deutlich freundlicheres Bild. Historisch waren die Monate nach den Midterms häufig eine starke Phase für US-Aktien. Eine Auswertung von 31 Zwischenwahlen seit 1900 zeigt, dass der S&P 500 in den zwölf Monaten nach dem Urnengang durchschnittlich 12,4 Prozent gewann. In den zwölf Monaten davor hatte das Plus im Schnitt lediglich 2,9 Prozent betragen. Der Grund für das historische Muster könnte weniger in den Wahlsiegern als in der nachlassenden Unsicherheit liegen. Vor einer Wahl wissen Investoren nicht genau, welche politischen Mehrheiten entstehen und welche Folgen daraus resultieren. Sobald das Ergebnis feststeht, können sie ihre Erwartungen anpassen und sich wieder stärker auf Unternehmensgewinne, Konjunktur und Zinsen konzentrieren. Diese Faktoren bestimmen auf lange Sicht den Wert von Aktien stärker als der politische Kalender.

Dass ein demokratischer Wahlerfolg nicht zwangsläufig eine schlechte Börsenphase einleitet, zeigt auch das Jahr 2018. Damals eroberten die Demokraten in Trumps erster Amtszeit das Repräsentantenhaus. In den zwölf Monaten nach der Wahl gewann der S&P 500 rund zwölf Prozent. Der Vergleich ist zwar nur bedingt übertragbar, weil sich Konjunktur, Bewertungen und geldpolitische Bedingungen unterscheiden. Er verdeutlicht aber, dass ein Präsident mit einem oppositionell kontrollierten Kongress und steigende Aktienkurse durchaus zusammenpassen können.

Am Ende zählen Gewinne und Bewertungen

Die historischen Daten liefern also Argumente gegen überstürzte Verkäufe. Sie sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ausgangslage diesmal anspruchsvoll ist. Viele Technologiekonzerne müssen erst beweisen, dass ihre enormen KI-Ausgaben langfristig ausreichend hohe Erträge generieren. Sollten die Investitionen weiter steigen, während sich die Monetarisierung verzögert, könnten Aktien auch unabhängig von der Politik unter Druck bleiben.

Der „Blaue Tsunami“ ist damit vor allem ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor für einen Markt, der ohnehin zwischen KI-Euphorie und Zweifeln an den Investitionsrenditen schwankt. Kurzfristig könnten neue Schlagzeilen über Rechenzentren und Regulierung für heftige Ausschläge sorgen. Langfristig werden aber die Gewinne der Unternehmen, die wirtschaftliche Entwicklung und die Frage, ob sich der KI-Boom bezahlt macht, entscheidend bleiben.

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