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KI-Boom verändert die Börsenwelt: Deutschland verliert den Anschluss

| Oliver Götz

ine blaue Platine mit diversen Halbleitern und zwei Chips.
Big Tech dominiert die Börsen mehr denn je. (Foto: picture alliance / SULUPRESS.DE | Torsten Sukrow / SULUPRESS.DE)

Die größten Börsenkonzerne der Welt werden dank KI immer wertvoller. Eine EY-Analyse zeigt, wie stark vor allem US-Technologiekonzerne profitieren.

Die globale Börsenlandschaft erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel. Während geopolitische Krisen, hohe Inflation und ein nur verhaltenes Wirtschaftswachstum eigentlich für Unsicherheit sorgen, kennt die Entwicklung der größten börsennotierten Unternehmen weiterhin nur eine Richtung: nach oben. Hauptverantwortlich dafür ist der anhaltende Boom rund um künstliche Intelligenz.

Wie eine aktuelle Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY zeigt, stieg der gemeinsame Börsenwert der 100 wertvollsten Unternehmen der Welt im ersten Halbjahr 2026 auf rund 61,9 Billionen US-Dollar. Das entspricht einem Plus von 18 Prozent gegenüber dem Jahresbeginn.

Technologie bleibt der große Gewinner

Besonders stark profitierten erneut Technologieunternehmen. Ihr kumulierter Börsenwert legte innerhalb von sechs Monaten um rund 30 Prozent auf mehr als 35 Billionen US-Dollar zu. Damit stellen Tech-Konzerne inzwischen deutlich mehr als die Hälfte des gesamten Börsenwertes der weltweit 100 größten Unternehmen.

Neben klassischen Software- und Plattformanbietern gehören inzwischen auch Halbleiterhersteller, Cloud-Anbieter sowie Unternehmen, die Infrastruktur für Rechenzentren liefern, zu den größten Gewinnern des KI-Zeitalters. Ebenfalls kräftig zulegen konnten Industrieunternehmen, die vom Ausbau der KI-Infrastruktur profitieren, sowie Rohstoffkonzerne, deren Produkte für Rechenzentren, Chips und Energieversorgung benötigt werden.

Deutlich schwächer entwickelte sich dagegen der klassische Konsumgütersektor. Auch Finanzunternehmen legten nur geringfügig zu, während Kommunikations- und Medienunternehmen im Durchschnitt sogar an Börsenwert verloren.

Nvidia bleibt die Nummer eins

An der Spitze des weltweiten Rankings steht weiterhin der Chipkonzern NVIDIA. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 4,8 Billionen US-Dollar bleibt das Unternehmen der wertvollste börsennotierte Konzern der Welt.

Dahinter folgen Alphabet, Apple und Microsoft. Neu in den Top Ten vertreten ist zudem SpaceX. Nach seinem spektakulären Börsengang wird das Raumfahrtunternehmen inzwischen mit rund 2,25 Billionen US-Dollar bewertet und zählt damit auf Anhieb zu den wertvollsten Unternehmen der Welt.

Auffällig ist dabei die geografische Verteilung: Acht der zehn höchstbewerteten Konzerne stammen aus den USA. Komplettiert werden die Spitzengruppe lediglich durch den taiwanischen Chipfertiger TSMC und den saudi-arabischen Ölkonzern Saudi Aramco.

Europa verliert an Bedeutung

Während die USA ihre Dominanz weiter ausbauen, schrumpft der Einfluss Europas kontinuierlich.

Aktuell stammen nur noch 16 der 100 wertvollsten Unternehmen aus Europa. Zum Jahresbeginn waren es noch 18, vor knapp zwanzig Jahren sogar 46. Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Technologiesektor: Von den 38 Tech-Unternehmen innerhalb der Top 100 sitzen 26 in Nordamerika, zehn in Asien – aber lediglich zwei in Europa.

Henrik Ahlers, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY, sieht darin eine strukturelle Entwicklung: „Der KI-Boom treibt die Börsen weltweit an und verändert die globale Unternehmenslandschaft nachhaltig. Die größten Player sitzen weiterhin vor allem in den USA und zunehmend auch in Asien. Europa hingegen spielt bei der Entwicklung bislang nur eine Nebenrolle – und der Abstand droht weiter zu wachsen.“

Nach Einschätzung von EY fließen derzeit sowohl Kapital als auch Wachstumserwartungen vor allem in Unternehmen, die entlang der KI-Wertschöpfungskette tätig sind. Dazu zählen Chipentwickler, Cloud-Anbieter, Plattformunternehmen und Betreiber großer Rechenzentren.

Deutschland rutscht weiter ab

Aus deutscher Sicht fällt die Entwicklung besonders ernüchternd aus. Nur noch Siemens gehört zu den 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen weltweit. Vor einem halben Jahr waren mit Siemens, SAP und Allianz noch drei deutsche Unternehmen vertreten. Noch deutlicher wird der langfristige Trend: Im Jahr 2007 zählten sogar sieben deutsche Konzerne zu den weltweiten Top 100.

Für Ahlers ist diese Entwicklung ein Warnsignal. „Das Missverhältnis zwischen der realwirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands und der geringen Sichtbarkeit deutscher Unternehmen an den Weltbörsen muss Sorgen bereiten.“ Als Ursachen nennt EY unter anderem das schwache Wirtschaftswachstum, hohe Transformationskosten sowie den Mangel an großen Technologieunternehmen mit internationaler Strahlkraft. Gleichzeitig gelinge es deutlich seltener als in den USA, junge Wachstumsunternehmen an die Börse zu bringen und anschließend zu globalen Marktführern auszubauen.

Autoindustrie bremst den Standort

Besonders stark belastet die anhaltende Transformation der Automobilbranche den deutschen Kapitalmarkt. Die großen Hersteller investieren zwar Milliarden in Elektromobilität, Software und Batterietechnologien, gleichzeitig drücken hohe Investitionen, intensiver Wettbewerb und Unsicherheit auf die Börsenbewertungen. Inzwischen gehört kein deutscher Autobauer mehr zu den 500 wertvollsten börsennotierten Unternehmen weltweit. Während klassische Industrieunternehmen an der Börse zunehmend an Bedeutung verlieren, werden digitale Plattformen, Softwareanbieter und KI-Spezialisten mit deutlichen Bewertungsaufschlägen gehandelt.

Ganz ohne positive Nachrichten kommt die Studie allerdings nicht aus. So konnte sich Siemens Energy deutlich verbessern und rückte im weltweiten Ranking von Platz 168 auf Rang 128 vor. Auch Infineon Technologies machte einen großen Sprung und verbesserte sich von Rang 401 auf Platz 185. Beide Unternehmen profitierten unter anderem vom steigenden Investitionsbedarf im Bereich Energieversorgung und Halbleiter.

Der KI-Boom dürfte weitergehen

EY geht davon aus, dass sich die aktuelle Entwicklung in den kommenden Monaten sogar noch beschleunigen könnte. Weitere Börsengänge großer KI-Unternehmen würden die Dominanz der USA zusätzlich stärken und den Abstand Europas weiter vergrößern.

Henrik Ahlers warnt deshalb vor den Folgen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit: „Es reicht nicht, gute Forschung und starke industrielle Anwender zu haben. Entscheidend ist, ob aus technologischer Kompetenz auch skalierbare Geschäftsmodelle, große Kapitalmarkterfolge und weltweit führende Unternehmen entstehen.“

Fazit

Die aktuelle EY-Studie zeigt eindrucksvoll, wie stark künstliche Intelligenz inzwischen die Bewertung an den Börsen beeinflusst. Während US-Technologiekonzerne und zunehmend auch asiatische Unternehmen Milliarden an Börsenwert gewinnen, verliert Europa weiter an Boden.

Für Deutschland ist die Entwicklung besonders kritisch. Die größte Volkswirtschaft Europas spielt an den internationalen Kapitalmärkten inzwischen nur noch eine Nebenrolle. Soll sich das ändern, braucht es nach Ansicht von EY bessere Finanzierungsbedingungen, mehr Risikokapital und deutlich attraktivere Rahmenbedingungen für innovative Wachstumsunternehmen. Andernfalls dürfte die Lücke zwischen wirtschaftlicher Stärke und Börsenbedeutung weiter wachsen.

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