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Yen so schwach wie 1986: Die Billionen-Wette, die die Börsen bedroht

| Thomas Behnke | Lesezeit: 7 Min.

Eine japanische 10.000-Yen-Banknote liegt in der Mitte, kreisförmig umgeben von aufgefächerten 100-US-Dollar-Scheinen.
Eine japanische 10.000-Yen-Banknote inmitten von US-Dollar-Scheinen. Ende Juni 2026 kostete ein US-Dollar erstmals seit 1986 mehr als 162 Yen. (Foto: Shutterstock)

Der Yen ist so schwach wie zuletzt 1986, am Devisenmarkt läuft eine Billionen-Wette gegen Japans Währung. Warum der Carry Trade die Börsen weltweit bedroht und was Anleger jetzt darüber wissen sollten.

Als der Yen zuletzt so wenig wert war wie heute, bestaunte Japan gerade den Halleyschen Kometen, und Fujifilm brachte die erste Einwegkamera der Welt auf den Markt. Es war das Jahr 1986. Japans Wirtschaft galt als unaufhaltsam, das Land stand am Beginn seiner legendären Boom-Jahre. Vier Jahrzehnte später ist der Yen wieder an diesem Punkt angekommen: Ende Juni 2026 musste man erstmals seit den goldenen 80ern über 162 Yen für einen US-Dollar aufbringen. Die japanische Währung hat damit bereits das vierte Quartal in Folge gegenüber der US-Währung abgewertet, und die Folgen der Schwäche reichen weit über Japan hinaus. Genau deshalb geht das Thema auch Anleger in Deutschland oder den USA etwas an.

Billig leihen, teuer anlegen: So funktioniert der Carry Trade

Die Erklärung beginnt mit den dramatischen Veränderungen in Japans Zinswelt. Im Mittelpunkt steht eine unscheinbare Zahl: die Rendite japanischer Staatspapiere mit drei Monaten Laufzeit. Sie gilt als Preis des schnellen Geldes, denn an ihr orientiert sich, was Banken und Großinvestoren zahlen müssen, wenn sie sich kurzfristig Yen leihen. Vor genau zwei Jahren lagen diese Kosten bei 0,008 Prozent, Geld gab es praktisch geschenkt. Heute sind es 0,945 Prozent, mehr als das Hundertfache. Und trotz dieser Vervielfachung liegen die 3-Monatszinsen nach wie vor deutlich unter dem Niveau in den USA von derzeit rund 3,79 Prozent. Der aktuelle Zinsunterschied beträgt damit rund 2,85 Prozentpunkte, und diese Lücke ist eine Einladung an Investoren weltweit: Sie leihen sich günstig Geld in Yen, tauschen es in US-Dollar und legen es dort zu deutlich höheren Zinsen an. Die Differenz streichen sie als Gewinn ein. Carry Trade nennt sich diese Strategie, und sie funktioniert umso besser, je schwächer der Yen wird. Denn wer seinen Kredit später in einer billigeren Währung zurückzahlt, verdient doppelt.

Das Tückische daran: Der Carry Trade verstärkt sich selbst. Jeder neue Trade bedeutet, dass Yen verkauft und US-Dollar gekauft werden. Das schwächt den Yen weiter, macht die Strategie noch attraktiver und lockt weiteres Kapital an. Wie viel Geld weltweit in solchen Positionen steckt, weiß niemand genau. Die Schätzungen reichen je nach Abgrenzung von einigen Hundert Milliarden bis zu mehreren Billionen US-Dollar. Eine gewaltige Wette.

Milliarden verpuffen: Tokios Kampf gegen die Abwertung

Für eine große Exportnation wie Japan ist eine schwächere eigene Währung zwar grundsätzlich positiv, weil japanische Produkte auf dem Weltmarkt dadurch vergleichsweise günstiger werden. Die Kehrseite der Yen-Abwertung sind jedoch die dadurch verteuerten Importe. Für Japan ist das vor allem deshalb relevant, weil das Land den Großteil seiner Rohstoffe aus dem Ausland einkaufen muss. Ein schwacher Yen erhöht damit den Inflationsdruck.

Japans Regierung stemmt sich daher längst gegen den Verfall des Yen. Zwischen April und Mai kaufte sie für umgerechnet rund 72 Milliarden US-Dollar die eigene Währung, so viel wie nie zuvor. Der Effekt verflog binnen Wochen. Auch die Erhöhung des Leitzinses im Juni von 0,75 auf 1,00 Prozent, immerhin das höchste Niveau seit 1995, bremste den Absturz nur kurz. Die entscheidende Frage ist daher, ob es Notenbank und Regierung in Japan gelingt, den Abwertungsdruck aufzuhalten, oder ob nun sämtliche Dämme brechen und als Nächstes die runde Marke von 170 Yen je US-Dollar angesteuert wird. Mitglieder der japanischen Regierung wie Finanzministerin Satsuki Katayama bekräftigen zwar immer wieder, mit geeigneten Maßnahmen zur Stabilisierung der Währung bereitzustehen. Allein den Märkten fehlt aktuell der Glaube daran. Solange die Zinslücke zu den USA so groß bleibt, wird es kaum gelingen, den Yen dauerhaft zu stützen. Zumal die Dollarstärke der vergangenen Monate auch Ausdruck der gestiegenen Zinserwartungen in den USA ist. So hält es der Markt derzeit für möglich, dass die US-Notenbank die Leitzinsen in diesem Jahr weiter anhebt.

Warum Japans Anleiherenditen immer weiter steigen

Zeitgleich braut sich am japanischen Anleihemarkt etwas zusammen. Die Renditen der langlaufenden Papiere ziehen nach der im Mai begonnenen Korrektur wieder an. So kletterte die zehnjährige Rendite zuletzt über ihr Maihoch und erreichte mit mehr als 2,83 Prozent das höchste Niveau seit 1996.

Der Grund liegt in der Politik: Premierministerin Sanae Takaichi setzt auf massive Ausgabenprogramme, von der Aussetzung der Lebensmittelsteuer bis zu einem Investitionsplan über mehrere Hundert Billionen Yen. Da Japan seit Jahren Haushaltsdefizite schreibt, geht das nur über neue Schulden. Weil der Schuldenberg aber schon jetzt immens ist, verlangen Investoren höhere Zinsen als Ausgleich für das gestiegene Risiko. Die Regierung selbst rechnet für das Jahr 2026 mit einer Verschuldungsquote von 194 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Allerdings ist darin nicht alles berücksichtigt, inoffizielle Zahlen gehen von deutlich über 200 Prozent aus. Japan ist damit die am stärksten verschuldete Industrienation. Zum Vergleich: Die USA und Deutschland weisen Quoten von rund 126 Prozent und 65 Prozent auf.

Angesichts dieser Verschuldung steckt die Notenbank in einer Zwickmühle. Um den Yen zu stützen, könnten zwar kräftige Zinserhöhungen helfen. Ein höheres Zinsniveau erhöht jedoch die Zinslast des Staates. Selbst bei den vergleichsweise niedrigen Zinsen in Japan macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man sich zu 0,1 Prozent für zehn Jahre refinanziert, wie es noch vor rund fünf Jahren der Fall war, oder nun mehr als 2,8 Prozent bieten muss. Genau dieses Dilemma hält die Zinslücke offen und den Carry Trade am Leben. Doch damit steigt auch das Risiko für die weltweiten Finanzmärkte.

Was passiert, wenn die Wette dreht?

Wie schnell aus der vermeintlich sicheren Wette ein Flächenbrand werden kann, hat zuletzt der August 2024 gezeigt. Damals überraschte die Bank of Japan mit einer Zinserhöhung, der Yen gewann über mehrere Wochen an Stärke, und plötzlich lief die Maschine rückwärts: Wer Kredite in Yen aufgenommen hatte, musste sie teurer zurückzahlen und verkaufte hastig Aktien und Anleihen, um an Geld zu kommen. Der japanische Leitindex Nikkei erlebte seinen schwärzesten Tag seit 1987, die Schockwellen erfassten auch die Wall Street und die europäischen Finanzmärkte. Kann so etwas wieder passieren? Vieles spricht dafür.

Denn die Grundlagen für eine Wiederholung sind gegeben. Das Analysehaus BCA Research bezeichnete den Yen-Carry-Trade in einer Studie sogar als tickende Zeitbombe. Und Investor Michael Burry, bekannt aus der Finanzkrise 2008, warnte Anfang des Jahres, der Yen sei überfällig für eine Trendwende, die Anleger weltweit zu panikartigen Verkäufen zwingen könnte. Der Auslöser muss dabei nicht einmal aus Japan kommen: Auch ein überraschender Kurswechsel der US-Notenbank oder ein Einbruch an den Aktienmärkten würde genügen, um die Kettenreaktion zu starten. Dann wären die Yen-Kredite nicht der Brandherd, sondern der Brandbeschleuniger.

Gerade ein solcher Kurswechsel ist weniger abwegig, als es die aktuellen Zinserwartungen vermuten lassen. Denn auch die USA sitzen auf einem gigantischen Schuldenberg, dessen Zinslast den Haushalt immer stärker belastet. Der politische Druck, die Zinsen mittelfristig zu senken und dabei auch einen schwächeren US-Dollar in Kauf zu nehmen, dürfte daher eher wachsen. Sinkende US-Zinsen aber würden die Zinslücke schließen und dem Carry Trade das Fundament entziehen. Das große Problem ist jedoch, dass sich nicht prognostizieren lässt, was die Carry Trades letztlich kippen lässt und wann es so weit ist.

Ruhe vor dem Sturm oder neue Normalität?

Noch läuft die Wette. Indizes wie S&P 500 und Nikkei 225 notieren nahe ihrer Rekordstände, und die Schwankungen sind relativ gering. Für Anleger hierzulande heißt das: Auch wer selbst nie einen Carry Trade abschließen wird, ist über sein Depot mit dabei. Denn wenn die Billionen-Wette kippt, trifft der Verkaufsdruck nicht Tokio allein, sondern auch DAX-Werte, US-Aktien und ETFs, also genau die Bausteine, die in deutschen Depots liegen. Der Dollar-Yen-Kurs ist damit mehr als eine exotische Randnotiz, er ist ein Frühwarnindikator für die Stimmung an den Weltbörsen. Die Geschichte der Carry Trades kennt nämlich ein wiederkehrendes Muster: Sie gleichen einer rauschenden Party, bei der niemand freiwillig geht, solange die Musik spielt. Doch wenn sie stoppt, wollen sich alle gleichzeitig durch dieselbe Tür zwängen. Die Frage ist nicht, ob sich die Billionen-Spekulation auf den billigen Yen eines Tages auflöst. Die Frage ist, ob es geordnet geschieht oder mit einem Knall.

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