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Märkte > Iran-Krieg

Viel zu früh für Entwarnung

| Oliver Götz

Straße von Hormus.
An einer Meerenge hängen große Teile des Wachstums der Weltwirtschaft. Für den Moment bleibt sie für die meisten Schiffe unpassierbar. (Foto: picture alliance / REUTERS | Dado Ruvic)

Ein Social-Media-Post von Donald Trump sorgt zu Wochenbeginn für eine Erleichterungsrally an den Märkten. Warum das eine brandgefährliche Reaktion ist.

Tiefrot in den ersten Handelstag der neuen Woche gestartet, beendete der Dax diesen am Abend in sattem Grün. Binnen kürzester Zeit war Deutschlands Leitindex um rund 800 Punkte gestiegen, nachdem Donald Trump auf seinem eigenen Social-Media-Portal „Truth Social“ von „sehr guten und produktiven Gespräche über eine vollständige und umfassende Beilegung unserer Feindseligkeiten im Nahen Osten“ gesprochen hatte. Weiter schrieb der US-Präsident, dass er in der Folge das Kriegsministerium angewiesen habe, sämtliche militärische Angriffe auf iranische Kraftwerke und Energieinfrastruktur für einen Zeitraum von fünf Tagen auszusetzen – vorbehaltlich des Erfolgs der laufenden Treffen und Verhandlungen. Noch am Wochenende hatte Trump mit solchen Angriffen gedroht, würde Teheran nicht innerhalb von 48 Stunden die Blockade der Straße von Hormus aufgeben. Das iranische Regime lässt seit Tagen nur ausgewählte Schiffe und Tanker durch die besonders für den Öl- und Flüssiggas-Transport bedeutende Meerenge, woraufhin es zu horrenden Preissteigerungen kam. Trumps Drohung hatte noch einmal zu deutlichen Aufschlägen geführt und die Aktienmärkte weltweit belastet. Die sanfteren Töne zu Wochenbeginn sorgen nun für eine Erleichterungsrally dies- und jenseits des Atlantiks, während der Ölpreis zweistellig sinkt.

Die Frage drängt sich natürlich auf: Ist jetzt ein guter Zeitpunkt für den Aktienkauf? An der Börse geht es schließlich nicht nur häufig schnell nach unten, sondern auch ähnlich zügig wieder bergauf. Wer zu lange wartet, der verpasst günstige Einstiegsgelegenheiten.

Unangebrachte Gelassenheit an den Märkten?

Experten warnen. Anleger unterschätzten die Risiken, ist dieser Tage häufig in Analystenkommentaren und Markteinschätzungen zu lesen. Zu häufig haben die Märkte in den vergangenen Jahren nur sporadisch auf geopolitische Konflikte, Auseinandersetzungen und Kriege reagiert, nach kurzer Schwächephase zogen die Kurse immer wieder an. Das könnte jetzt für unangebrachte Gelassenheit sorgen. Denn die Auswirkungen des Krieges, ob er nun in seiner derzeitigen Form früher oder später endet, könnten die Weltwirtschaft noch lange lähmen. „Investoren haben sich daran gewöhnt, die Auswirkungen geopolitischer Schocks auszublenden“, schrieb Nohshad Shah, Head of EMEA Fixed Income Sales bei Citadel Securities jüngst in seinem wöchentlich erscheinenden und viel beachteten Makro-Ausblick „Some Macro Thoughts“. Der Konflikt im Nahen Osten berge aber ein „einzigartiges makroökonomisches Risiko“ aufgrund der immensen wirtschaftlichen Bedeutung der „Straße von Hormus“. In der Ausgabe zur neuen Woche verdeutlichte Shah noch einmal, dass Investoren einer „Fehlkalkulation“ aufsäßen, wenn sie glaubten, dass der Iran-Krieg nur wenig Einfluss auf die Börsen hätte, da der US-Präsident den Krieg jederzeit wieder beenden könnte.

Der Konflikt sei ein existenzieller für den Iran, so Shah. Demzufolge könnte der Krieg weitergehen, selbst wenn ihn Trump aus seiner Sicht bald für beendet erklären sollte. Shah nennt einen möglichen asymmetrischen Krieg, der sich jahrelang hinziehen könnte, als mögliches Szenario. Schließlich sei der Iran mit wenigen, kleinen Nadelstichen erfolgreich darin, der Weltwirtschaft großen Schaden zuzufügen. Aber auch auf US-Seite sei derzeit nicht davon auszugehen, dass Trump den Krieg ohne weitere Fortschritte bei den strategischen Zielen beenden werde, darunter allen voran die Bergung des angereicherten Urans im Land.

Eskalationsrisiken nicht gebannt

Während Trump also via Social Media vage Ankündigungen macht, und die Aktienkurse direkt wild drauf los klettern, gibt es nach wie vor eine ganze Reihe von Eskalationsrisiken. Noch immer könnten die USA die Ölanlagen auf Kharg Island, der wichtigen Ölexportinsel des Irans, angreifen, während die Iraner ihrerseits die Öl-Pipeline Saudi-Arabiens in Richtung Rotes Meer ins Visier nehmen könnten. Shah weist darüber hinaus auf einen möglichen Eintritt der vom Iran unterstützten Huthis in den Krieg hin, ebenso wie auf mögliche Angriffe auf Ölförderanlagen in den arabischen Ländern und nicht zuletzt auf die für letztere wichtigen Entsalzungsanalgen zur Trinkwasseraufbereitung. „Auch wenn keines dieser Szenarien unmittelbar bevorstehen muss, sollten Investoren wachsam bleiben: Der Konflikt kann sich leicht weiter verschärfen – insbesondere, wenn die iranische Führung unter anhaltendem militärischem Druck zunehmend ums Überleben kämpft.“

Der Inflationsschock könnte erst noch kommen

Schon jetzt dürfte sich ein erheblicher Nachfrageüberhang für Erdöl am Markt aufsummiert haben. „Die weltweite Ölnachfrage liegt derzeit bei über 100 Millionen Barrel pro Tag“, schreibt Shah. Die aktuellen Störungen, schätzt er, dürften zu einem Angebotsdefizit von etwa 15–20 Millionen Barrel pro Tag geführt haben – trotz Freigabe nationaler Ölreserven. Tag um Tag wird das Defizit also schon ohne weitere Eskalation größer. Aufholen lässt es sich weit weniger schnell. Nach Ansicht von Experten, dürfte es Monate dauern, bis aller Lieferketten wieder hergestellt sind – immer vorausgesetzt, es würde ein stabiler Frieden erreicht. Und nicht nur die Energiepreis beeinflusst der Iran-Krieg, auch die Lebensmittelpreise dürften steigen. „Durch die Straße von Hormus wird etwa ein Drittel des globalen Düngemittelhandels abgewickelt – ein entscheidender Faktor für die Landwirtschaft“, erklärt Investmentprofi Shah. „Die Golfstaaten stehen für rund 50 Prozent der weltweiten Harnstoffproduktion und etwa 30 Prozent der Ammoniakproduktion.“ Anhaltende Störungen würden das Angebot verknappen und die Preise erhöhen – mit potenziell erheblichen Folgen für Ernteerträge und globale Lebensmittelpreise. „Das weckt unangenehme Erinnerungen an das Jahr 2022 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine.“

Noch immer hochstehende Kurse mahnen zur Vorsicht

Anleger sollten sich entsprechend nicht von kurzfristigen Erholungsrallys zum Einstieg drängen lassen. Noch ist es viel zu früh für Entwarnung. Die Fallhöhe scheint für den Moment immer noch hoch, da die Kurse bis dato zwar spürbar, aber zu keinem Zeitpunkt crashartig nachgegeben haben. Für eine breite Erholung braucht es einen verlässlichen Frieden, für neue Kursverluste womöglich nur einen neuen Post des US-Präsidenten, der auf eine Fortsetzung des Konflikts schließen lässt. 

 

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