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Chase-Start in Deutschland: App mit Wall-Street-Wucht

| Reinhard Schlieker

Zwei Hände halten ein Smartphone, auf dessen Display die Chase-App zu sehen ist
Zwei Hände halten ein Smartphone mit geöffneter Chase-App über einem Holztisch im Freien. Chase startet in Deutschland zunächst als reine App-Bank mit Tagesgeld. (Foto: Shutterstock)

J.P. Morgans Tochter Chase startet in Deutschland als reine Digitalbank. Zum Auftakt geht es um Tagesgeld, später soll Schritt für Schritt eine Vollbank-App folgen.

Der Finanzriese J.P. Morgan wagt mit seiner Tochter Chase den Sprung nach Deutschland. Es wird eine reine Digitalbank, und der Aufbau des Angebots wird Schritt für Schritt gehen. Aber an diesem Markt haben sich schon andere verhoben.

Von Reinhard Schlieker / The European

Dafür, dass er die weltgrößte Bank leitet, ist J.P. Morgan-Boss Jamie Dimon recht zurückhaltend. Aber nach 20 Jahren an der Spitze, wortwörtlich hunderte Meter hoch über Manhattan, hat der Manager sowohl eigene als auch reichlich Pläne von Wettbewerbern scheitern sehen. Daher hat die Bank mit Chase, der früheren Chase Manhattan Bank, zunächst ihren Markteintritt in Großbritannien vollzogen und fast fünf Jahre gewartet mit dem Sprung auf den Kontinent. Konkret: nach Deutschland.

Und dieser Start hat es in sich: Ausgerechnet J.P. Morgan Chase, also die nach Bilanzsumme größte US-Bank, geht in den deutschen Privatkundenmarkt – und zwar nicht über klassische Filialexpansion, sondern mit einem konsequent digitalen Modell. Zum Start soll es zunächst um Tagesgeld gehen, flankiert von „intuitivem, App-basiertem Banking“ und persönlichem Service.

Chase in Deutschland ist ausschließlich App-basiert und will ohne Filialen loslegen. Das gab es bereits zuvor. Aber spektakulär ist, dass es jetzt dieser Finanzriese tut und welche industrielle Wucht dahintersteckt.

Chase startet in Deutschland mit kontrollierter Expansion

An der Spitze von Chase in Deutschland steht der Spanier Daniel Llano Manibardo, der zuletzt sieben Jahre lang die Deutschland-Sparte der niederländischen ING leitete. Die ING ist eines der wenigen Beispiele für einen erfolgreichen Newcomer im deutschen Markt. Daniel Llano Manibardo kennt also das Umfeld, und er kennt die Probleme der direkten Konkurrenten. Fintechs wie N26, die immer wieder wegen ihres knirschenden Verhältnisses mit der Finanzaufsicht BaFin ins Gerede kamen. Oder Revolut, die sich ebenfalls mit der Expansion in Deutschland schwertun. Und Trade Republic, international kein Unbekannter, verärgert deutsche Kunden dem Vernehmen nach mit ahnungslosen Chatbots statt kundigen Servicemitarbeitern.

Markteintritt setzt auf Service und lokale Verankerung

Alles Fehler, die Chase mit seiner detailliert für den deutschen Markt angepassten App nicht wiederholen möchte. Und am Sitz im X8 in Berlin, unweit des Checkpoint Charlie, sind bereits 160 Mitarbeiter tätig, von denen viele im Kundenumgang geschult werden. "Es ist sehr frustrierend, wenn man als Kunde mit jemandem sprechen möchte und man bekommt niemanden an die Leitung. Die Beziehung zwischen Kunden und ihrem Geld ist sehr sensibel", sagte Llano Manibardo unlängst der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Seine Ziele und Werte? Lieber nichts überstürzen, dafür aber von Anfang an alles möglichst richtig machen: “Die Leute suchen eine vertrauenswürdige Bank, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, eine einfach zu nutzende App und verlässlichen Kundenservice”. Das dürfte wohl stimmen.

Die große Mutter ist zudem in Deutschland ein bekannter Name. Bereits vor gut hundert Jahren residierte man in Berlin Unter den Linden. Heute hat J.P. Morgan seine Europazentrale in Frankfurt und eine Niederlassung in München. Betreut werden professionelle Adressen, Investoren zum Beispiel, denen man Expertise vor allem auch zum amerikanischen Markt anbieten kann.

App-Bank zielt auf einen wachsenden Digitalmarkt

Wie seit langem geplant, soll es noch im zweiten Quartal dieses Jahres losgehen mit der App-Bank. Chase setzt auf umfassendes Marketing, sagt uns Pressechef Tobias Enke: “Wir werden viel in Marketing-Kampagnen investieren, um den Verbrauchern in Deutschland die Marke Chase näherzubringen. Die genauen Konditionen des Angebots werden dann zum Start der App bekanntgegeben”. Und: “Wir starten mit Tagesgeld und werden das Angebot dann zügig ausbauen, um eine Vollbank zu werden. Die Reihenfolge machen wir abhängig von den Kundenbedürfnissen im jeweiligen Markt. Wenn Sie sich die Produktpalette in UK anschauen, dem Markt, in dem Chase vor fünf Jahren gestartet ist, sind Girokonten und Investmentprodukte natürlich ein Teil davon”.

Diese Angebote, Girokonto und die Ausgabe von Debit- oder Kreditkarten, sind wohl erst für 2027 zu erwarten. Bis dahin soll auch die Mitarbeiterzahl wachsen – man habe Platz für 400 Leute in Berlin, sagt Enke. Zunächst einmal zielt das direkt auf die Digital-Konkurrenten. Aber auch bei Volksbanken, Sparkassen und den privaten Platzhirschen wie Deutsche Bank und Commerzbank dürfte man sich die Invasoren und ihre Konzepte genauer ansehen. Denn derzeit wird jedes dritte Girokonto in Deutschland bei einer Digitalbank eröffnet. Und die Sparer sind mittlerweile für einen besseren Zins auch bereit, kurzfristig ihre Guthaben zwischen mehreren Konten umzuschichten. Die sprichwörtliche Risikoscheu der Deutschen führt gleichzeitig dazu, dass immer noch Abermilliarden Euro auf gar nicht oder nur gering verzinsten Konten schlummern. Insgesamt verfügen die privaten Haushalte über geschätzte zehn Billionen Euro: Dieses Vermögen will Chase gern anzapfen.

Die Finanzkraft von J.P. Morgan verändert die Ausgangslage

Und jene Zuverlässigkeit, eines der Mantras von Llano Manibardo, hofft er den Chase-Neukunden von Anfang an vermitteln zu können. Immerhin steht dahinter die wertvollste Bank der Welt mit einem Börsenwert von rund 850 Milliarden Dollar – ein Vielfaches des größten deutschen Bankhauses, der Deutschen Bank. J.P. Morgan konnte im vergangenen Jahr einen Reingewinn von 57 Milliarden Dollar verbuchen. Solche Zahlen lehren die kleinteilige europäische Bankenlandschaft das Fürchten. Und dass der 69-jährige Jamie Dimon allein 18 Milliarden Dollar als Budget für neue Technologien und Künstliche Intelligenz reserviert hat, vermutlich auch. Hinter diesen Zahlen steht damit einerseits die Fähigkeit, längere Anlaufzeiten durchzustehen, und zum anderen der Wille, sich nicht entmutigen zu lassen – was US-Konkurrenten wie etwa Goldman Sachs auf dem europäischen Markt so geschehen ist. Wenn alles nach Plan läuft, will Chase die Anmutung einer Neobank mit dem gediegenen Image einer traditionsreichen Institution verbinden.

„Ferner liefen…” ist nach den Vorstellungen von Llano Manibardo mit seiner Digitalbank nicht zu machen: Man will in die Spitzengruppe des Segments, mindestens Top 5, und dann weitersehen. Checkpoint Chase, sozusagen, an dem man nicht vorbeikommt.

Warum der deutsche Bankenmarkt für Neuankömmlinge schwierig bleibt

Allerdings: Große Pläne hatten schon andere Neuankömmlinge in der deutschen, etwas komplizierten Welt der Geldinstitute. Wer nicht aufgab, spielt heute meist in der mittleren Liga, ob Targobank (ehemals Citibank, jetzt französisch) oder die spanische Santander. Jüngstes Beispiel eines neuen Digitalbank-Anbieters: BBVA, ebenfalls aus Spanien. Nach holprigem Start im vergangenen Sommer gibt man sich inzwischen “zufrieden”. Euphorie ist Sache der Finanzkonkurrenten auf dem deutschen Markt erkennbar nicht.

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