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Märkte > Kursrekorde in den USA

Börsenrally ohne Fundament: Moody’s-Ökonom warnt vor Entkopplung

| Oliver Götz

Mark Zandi
Sieht die Kurssteigerungen an der Wall Street mit einiger Skepsis: Mark Zandi, Chefökonom Moody's Analytics.

Der Chefvolkswirt von Moody’s Analytics warnt vor trügerischen Rallys. Donald Trump und KI verzerrten die ökonomische Realität.

Der US-Aktienmarkt eilt von Rekord zu Rekord. Vor kurzem übersprang der S&P 500 erstmals die Marke von 7.200 Punkten. Für Mark Zandi, Chefökonom von Moody’s Analytics, der Research-Tochter der bekannten US-Rating-Agentur, ist das kein Grund sorglos zu werden. Im Gegenteil: Zandi sieht eine wachsende Kluft zwischen Börse und Realwirtschaft.

In seinem aktuellen U.S Outlook spricht er von einer Marktbewegung, die sich zunehmend von den fundamentalen Daten entkoppelt. Treiber dieser Entwicklung sei vor allem die Euphorie rund um Künstliche Intelligenz. „Technologieunternehmen, deren Aktienkurse von der Begeisterung rund um künstliche Intelligenz getrieben werden, machen fast die Hälfte der Marktkapitalisierung aus“, schreibt Zandi. „Die KI-Euphorie folgt einer eigenen Dynamik, unabhängig vom Krieg und allem anderen, was im Rest der Wirtschaft passiert.“

Tatsächlich hat sich KI in den vergangenen Quartalen zum dominierenden Narrativ an den Börsen entwickelt. Anleger wetten auf Produktivitätssprünge, neue Geschäftsmodelle und monopolartige Marktstellungen – oft ohne belastbare kurzfristige Ertragsbasis. Für Zandi ist klar: Vieles davon trägt spekulative Züge. Als Beispiel verweist er auf den angeschlagenen Schuhhersteller Allbirds, der vor kurzem einen Strategiewechsel ankündigte und sich unter dem neuen Namen „NewBird AI“ von nun an auf den Aufbau von KI-Infrastruktur konzentrieren will. Daraufhin versechsfachte sich der Aktienkurs.  

One Big Beautiful Bill Act verzerrt Bilanzen

Ebenso sieht Zandi in der neuen US-Steuergesetzgebung einen Kurstreiber, der kein reales Wachstum widerspiegelt. Im Rahmen des One Big Beautiful Bill Act (OBBBA) können Unternehmen ihre Investitionen nun sofort vollständig als Aufwand verbuchen, anstatt sie über Jahre abzuschreiben. Folglich sinkt die Steuerlast. „Das hat die Gewinne nach Steuern erheblich gesteigert und damit auch die Aktienkurse vieler Unternehmen nach oben getrieben“, erklärt Zandi.

Daneben hat die jüngst Rally im S&P 500 für Zandi auch eine politische Dimension. Investoren setzten zunehmend darauf, dass Donald Trump im Zweifel eingreifen werde, um die Märkte zu stabilisieren. „Der Präsident betrachtet den Aktienmarkt als Maßstab für seine eigene Leistung und wird daher alles Notwendige tun, um sicherzustellen, dass fallende Kurse nicht lange niedrig bleiben“, so Zandi in seiner Analyse.

Rekordstände an der Wall-Street treffen auf brüchige wirtschaftliche Basis

Diese Gemengelage aus KI-Hype und politischer Erwartungshaltung überlagert aus Zandis Sicht die eigentlichen wirtschaftlichen Risiken. Und die sind erheblich. In einem Interview mit CNBC zeichnete Zandi zuletzt ein deutlich ernüchterndes Bild der US-Konjunktur. Eine Rezession sei „mehr als wahrscheinlich in der zweiten Jahreshälfte“, sofern sich die geopolitischen Spannungen nicht entspannen und die Binnenwirtschaft nicht stabilisiert.

Besonders der Arbeitsmarkt bereitet ihm Sorgen. „Der Arbeitsmarkt ist hier ins Stocken geraten. Im Februar haben wir Jobs verloren. Den Großteil des vergangenen Jahres sind wir nicht wirklich vorangekommen.“ Die Arbeitslosenquote sei in den vergangenen drei Jahren um einen Prozentpunkt gestiegen und nähere sich mit rund 4,5 Prozent einem Niveau, das über vielen Schätzungen für Vollbeschäftigung liege.

Hinzu kommt der Inflationsdruck, der sich zuletzt wieder verstärkt hat. Steigende Energiepreise – auch im Zuge geopolitischer Spannungen – belasten Verbraucher spürbar. Innerhalb weniger Wochen kletterten die Benzinpreise in den USA deutlich, was vor allem Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen trifft. „Für Haushalte, die von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck leben, stehen harte Entscheidungen an“, warnte Zandi.

Parallel zeigen weitere Indikatoren Schwäche: stagnierende Einzelhandelsumsätze, rückläufige Autoverkäufe und ein angeschlagener Immobilienmarkt. Für Zandi sind das klare Signale, dass die wirtschaftliche Basis brüchiger ist, als es die Rekordstände an der Wall Street vermuten lassen.

Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus: „Der Rekord-Aktienmarkt sagt wenig über die tatsächliche Verfassung und die Aussichten der Wirtschaft aus“, schreibt er. Die Börse spiegele derzeit weniger die Realität als vielmehr Erwartungen – an technologische Durchbrüche, politische Eingriffe und eine weiterhin liquide Marktumgebung.

Für Anleger bedeutet das: Die Party könnte länger dauern, als Fundamentaldaten rechtfertigen. Aber sie steht auf einem fragilen Fundament.

Den vollständigen U.S. Outlook von Mark Zandi können Sie hier nachlesen: https://www.economy.com/economicview/analysis/422631

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