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Märkte > Interview mit Hildegard Müller

VDA-Präsidentin Müller rügt EU: „Nach wie vor immer noch mehr Bürokratie, statt Wachstumsimpulse aus Brüssel“

| Oliver Götz

Hildegard Müller auf dem Gipfel-Podium am Tegernsee.
Hildegard Mueller, Praesidentin Verband der Automobilindustrie e.V. (VDA) auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel 2025. (Foto: picture alliance / SVEN SIMON | Frank Hoermann / SVEN SIMON)

Von 2019 bis 2024 habe die EU 13.000 neue Rechtsakte verabschiedet, moniert die Präsidentin des Autoverbands, die beim Ludwig-Erhard-Gipfel sprechen wird, und mahnt für Deutschland eine Kurskorrektur in der Energiepolitik an.

Stellenstreichungen, Werkschließungen, milliardenschwere Sparprogramme. Deutschlands Automobilindustrie bräuchte einen Aufbruch, um gegen die wachsende Konkurrenz aus Fernost zu bestehen, muss aber zunächst sparen. Geht es nach der Präsidentin des Verbands der deutschen Automobilindustrie, Hildegard Müller, haben daran die politischen Rahmenbedingungen ihren Anteil. „Wir erleben derzeit eine Krise der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts – und nicht der Industrie“, erklärt die ehemalige Staatsministerin und CDU-Politikerin im Interview mit der BÖRSE am Sonntag. Die hohen Energiepreise belasteten sowohl die Unternehmen in der Branche wie auch die Kunden, die teuren Strom tanken müssten. „Es braucht ohne Frage eine energiepolitische Kurskorrektur.“ Weiter teilt Müller in Richtung Brüssel aus. Statt weniger Regulierung, kämen immer neue Vorschriften hinzu. „Die EU hat allein von 2019 bis 2024 rund 13.000 neue Rechtsakte verabschiedet.“ Das seien fast viermal so viele wie in den USA in diesem Zeitraum. „Das kann nicht sein“, so Müller.

BÖRSE am Sonntag: Frau Müller, Stellenstreichungen, Werkschließungen, Sparprogramme in Milliardenhöhe: Deutschlands Autoindustrie fährt den Schrumpfungskurs. Hat sich die Branche in einen Wettbewerbsnachteil hineinmanövriert oder der Standort Deutschland?

Hildegard Müller: Wir erleben derzeit eine Krise der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts - und nicht eine der Industrie. Seit Jahren weisen wir auf die nachlassende internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas hin, die die Unternehmen der Automobilbranche enorm belastet. Dazu zählen etwa die hohen Energiepreise, viel zu hohe Steuern und Abgaben sowie überbordende Bürokratie. Der Standort Deutschland und Europa verliert international den Anschluss. Doch nicht nur die Standortbedingungen fordern unsere Industrie, auch die tiefgreifende Transformation zur klimaneutralen und digitalen Mobilität der Zukunft, in der sich unsere Industrie befindet. Diesen Wandel treiben die Unternehmen mit hoher Innovationskraft und enormem Kapitaleinsatz voran. Allein zwischen 2026 und 2030 investieren sie rund 320 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung sowie weitere 220 Milliarden Euro in Sachinvestitionen, etwa in den Umbau von Werken. Das ist ein klares Bekenntnis zur Zukunft und zeigt: Wir stellen uns dem Wettbewerb und wollen internationale Spitze bleiben.   

Das muss sich jetzt nur auch noch in den Verkäufen neuer Modelle widerspiegeln.

Wie erfolgreich wir sind - übrigens gerade bei der Elektromobilität - belegen die Zahlen. In Europa stammt etwa jedes zweite neu zugelassene Elektroauto von einem deutschen Hersteller, hierzulande sind es sogar sieben von zehn. Deutschland ist zudem der zweitgrößte Produktionsstandort für Elektrofahrzeuge weltweit und innerhalb Europas führend. Unsere Unternehmen sind global präsent, technologisch stark und im Wettbewerb gut aufgestellt.

Klar ist also: Wir werden auch in Zukunft Autos bauen - die Frage ist vielmehr, wo das geschehen kann. Wenn Wertschöpfung, Innovation und Beschäftigung hierzulande bleiben sollen, müssen die Rahmenbedingungen endlich und deutlich verbessert werden. Vor allem: weniger Bürokratie, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, verlässliche und international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen, günstigere Energie.  

Hohe Energiepreise belasten die Industrie im Land branchenübergreifend. Im Automobilsektor sorgen diese aber nicht nur für hohe Produktionskosten auf der Angebotsseite, sondern ob des teuren Stroms auch für Zurückhaltung beim Kauf neuer E-Autos auf der Nachfrageseite. Braucht das Land vor allen Reformen zuallererst eine Neuausrichtung seiner Energiepolitik, damit es seine Schlüsselindustrie nicht verliert?

Die Energiepreise sind längst zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor geworden. Wenn Strom dauerhaft teuer bleibt, wirkt sich das unmittelbar negativ auf die Produktion in den Unternehmen und auch auf die Attraktivität der Elektromobilität für Verbraucherinnen und Verbraucher aus, weil es auch den Ladestrom teuer macht. Ein attraktiver Wirtschaftsstandort und eine erfolgreiche Transformation brauchen verlässliche und günstige Energiepreise. Deshalb braucht es ohne Frage eine energiepolitische Kurskorrektur. Entscheidend sind international wettbewerbsfähige Energiepreise, mehr Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze, internationale Energiekooperationen sowie eine spürbare Entlastung bei Steuern und Abgaben auf Strom. Gleichzeitig wäre es jedoch zu kurz gegriffen, alles auf die Energiepolitik zu reduzieren. Entscheidend ist das Gesamtpaket an Rahmenbedingungen.  

Was muss darüber hinaus industriepolitisch geschehen, damit die Zukunft der Autoindustrie in Deutschland liegt?

An erster Stelle muss es bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen geben. Berlin und Brüssel müssen alles auf die Agenda setzen, was Wachstum schafft. Doch insbesondere aus Brüssel kommen statt Wachstumsimpulsen nach wie vor immer noch mehr Regulierung und mehr Bürokratie. Ein Beispiel: Die EU hat allein von 2019 bis 2024 rund 13.000 neue Rechtsakte verabschiedet. Das sind fast viermal so viele wie in den USA in diesem Zeitraum. Das kann doch nicht sein. Ich frage mich: Was wurde aus den Ergebnissen des Draghi Reports? Neben einem massiven Bürokratieabbau in Europa und Deutschland muss es zudem um die langfristige strategische Ausrichtung gehen. Deutschland muss sich konsequent zu einem Leitstandort für klimaneutrale, digitale und vernetzte Mobilität entwickeln. Dafür braucht es stabile politische Leitplanken über Legislaturperioden hinaus sowie intensive Investitionen in Infrastruktur, insbesondere in Energieversorgung, Ladeinfrastruktur und digitale Netze. 

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die aktuelle Politik der Bundesregierung?

Erfreulich ist, dass sich die Bundesregierung nun bei wesentlichen Punkten auf eine gemeinsame Position zum EU Automotive Package verständigt hat. Ihr klares Bekenntnis zu einem technologieoffenen Weg in Richtung klimaneutrale Mobilität – einschließlich Plug-in-Hybriden und erneuerbarer Kraftstoffe – setzt ein starkes Zeichen für die anstehenden Verhandlungen in Brüssel. Entscheidend wird nun sein, diese Linie konsequent umzusetzen und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts insgesamt weiter zu stärken. Denn für die deutsche Automobilindustrie steht außer Frage: Wir wollen auch in Zukunft die besten, sichersten und digitalsten Fahrzeuge der Welt in Deutschland entwickeln und produzieren, das ist unser Anspruch. Dafür aber müssen die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dringend verbessert werden. Nur so lassen sich Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung dauerhaft hierzulande halten. Das muss das gemeinsame Ziel von Politik, Industrie, Gewerkschaften und Gesellschaft sein.  

Wie blicken Sie auf die Konkurrenz aus China? Hersteller aus der Volksrepublik jagen den deutschen Herstellern im Heimatmarkt schon länger Marktanteile ab. Bald könnten Volumenhersteller wie BYD mit günstigen E-Autos auch hierzulande anklopfen. Können die hiesigen Unternehmen in einem möglichen Preiskampf bestehen?

Ohne Zweifel sind in China in den vergangenen Jahren leistungsfähige Wettbewerber entstanden, die Innovationen vorantreiben und zunehmend auch international expandieren. Ich komme gerade von der "Auto China" aus Peking und konnte mich davon persönlich überzeugen. Dort wurde aber auch deutlich, dass sich unsere Unternehmen diesem Wettbewerb selbstbewusst, im Bewusstsein der eigenen Stärken, aber auch mit hohen Zukunftsinvestitionen und großer Produktkreativität stellen. Unsere Unternehmen sind global aufgestellt und in allen wichtigen Märkten der Welt erfolgreich vertreten, auch in China. Dort übrigens trägt fast jeder sechste neu zugelassene Pkw das Logo einer deutschen Konzernmarke. Umgekehrt liegt der Marktanteil chinesischer Hersteller in Deutschland derzeit bei lediglich 2,2 Prozent.

Und in Zukunft?

Wichtig zu verstehen ist, dass unsere Antwort auf den Wettbewerb bewusst langfristig ausgerichtet ist. Deutsche Hersteller beteiligen sich nicht an dem ruinösen Preiskampf, der aktuell in China tobt. Entscheidend ist es, die Verbraucherinnen und Verbraucher zu begeistern und mit technologisch führenden, sicheren und qualitativ hochwertigen Produkten nachhaltig erfolgreich zu sein. Genau hier liegen die Stärken der deutschen Automobilindustrie: in der Ingenieurskunst, in der Systemintegration und in der Fähigkeit, komplexe Technologien zu einem überzeugenden Gesamtfahrzeug zu verbinden - und dies verbunden mit Gespür für die spezifischen Bedarfe der Kundinnen und Kunden. Was ich dazu auf der "Auto China" von deutschen Herstellern und Zulieferern vor Ort erlebe, beeindruckt mich zutiefst. Ich erlebe einmal mehr: Die Unternehmen der deutschen Automobilindustrie stehen für technologische Exzellenz, Innovationskraft und eine starke industrielle Basis. Das ist Grundlage für den Erfolg von morgen. In Bezug darauf blicke ich zuversichtlich in die Zukunft. 

Die Fragen stellte: Oliver Götz

Hildegard Müller ist Rednerin beim Ludwig-Erhard-Gipfel | Tegernsee Summit, der vom 28. bis 30. April 2026 unter dem Leitthema „Zurück an die Weltspitze: Wie gelingt Deutschland der wirtschaftliche Aufschwung?“ stattfindet. Die Konferenz gilt als etabliertes Forum für Debatten über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Sämtliche Programmpunkte werden im Livestream auf der Website des Gipfels übertragen.

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