Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Rohstoffe > Contango, Backwardation, Rollrendite

Erdgaspreis in Europa auf Mehrjahreshoch: Was Anleger tun können

| Thomas Behnke | Lesezeit: 5 Min.

Nahaufnahme eines Thermostatventils an einem weißen Heizkörper mit Lüftungsschlitzen.
Ein Thermostatventil an einem weißen Heizkörper. Der Erdgaspreis in Europa notiert auf einem Mehrjahreshoch, in diesem Winter dürften daher auch die Heizkosten steigen. (Foto: picture alliance / pressefoto_korb | Micha Korb)

Der Erdgaspreis in Europa ist auf ein Mehrjahreshoch gestiegen. Mit einem Erdgas-ETC können Anleger vom Preisanstieg profitieren, doch Terminkurve und Timing entscheiden über Gewinn oder Verlust.

Wer diesen Winter mit einer saftigen Gasrechnung rechnet, ist nicht allein. Der europäische Erdgaspreis ist so hoch wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Gibt es vielleicht an der Börse Wege, an dieser Entwicklung teilzuhaben, um die Heizkostenabrechnung erträglicher zu machen?

Warum Erdgas gerade so knapp wird

Ein Kurs bringt die aktuell angespannte Lage auf dem europäischen Erdgasmarkt eindrücklich auf den Punkt. Der Erdgas-Terminkontrakt TTF (Dutch TTF Natural Gas Future) erreichte zu Wochenbeginn mit mehr als 83,75 Euro je Megawattstunde ein neues Mehrjahreshoch. Allein seit Juli hat sich der Preis verdoppelt, seit Jahresbeginn hat er sich fast verdreifacht. Auslöser für den jüngsten Anstieg ist die eskalierende Lage am Persischen Golf. Saudi-Arabien hat nach Drohnenangriffen seine wichtige Ost-West-Pipeline abgeschaltet. Zudem haben die Huthi-Rebellen, denen eine Unterstützung durch den Iran nachgesagt wird, Teile der Meerenge Bab al-Mandab unter ihre Kontrolle gebracht. Beides bremst die Flüssiggaslieferungen aus der Region. Für Europas Gasversorgung ist das ein Problem, weil man auf diese Lieferungen mittlerweile angewiesen ist, nachdem man von Russland kaum noch Erdgas bezieht.

Europas Gasspeicher geraten unter Zeitdruck

Diese angespannte Versorgungslage und die damit verbundenen hohen Preise könnten zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Die europäischen Gasspeicher waren zum 13. September nur zu rund 68 Prozent gefüllt, in Deutschland waren es sogar nur knapp 56 Prozent. Die EU strebt einen Füllstand von 80 Prozent bis zum 1. Dezember an. Deutschland hat sich national sogar ein Zwischenziel von rund 70 Prozent bereits zum 1. November gesetzt. Um die Vorräte mit Blick auf die bald anstehende Heizperiode aufzufüllen, muss man nun zu besonders hohen Preisen kaufen. Das wird letztlich die Kosten für die Verbraucher in die Höhe treiben. Sie können also nur hoffen, dass Herbst und Winter mild ausfallen. Wer sich auf diese Hoffnung nicht verlassen möchte, könnte sich dagegen fragen, ob es Möglichkeiten gibt, von dem hohen Erdgaspreis zu profitieren, um mit möglichen Gewinnen den drohenden Kostenanstieg zumindest teilweise aufzufangen.

Wie Anleger am Gaspreis teilhaben können

An den deutschen Börsen handelbar ist etwa der WisdomTree European Natural Gas ETC (ISIN: XS2872233403, Symbol: EGAS). Dieses Exchange Traded Commodity (ETC) bildet die Entwicklung des BNP Paribas Rolling Futures W0 TZ Index ab, der wiederum auf TTF-Terminkontrakten basiert. Anders als bei Aktien kauft man damit keinen Anteil an einem Unternehmen, sondern bildet über einen Index die Preisbewegung von Gas-Futures ab. Anleger, die von einem steigenden Gaspreis profitieren wollen, ohne selbst mit Terminkontrakten zu handeln, haben damit eine relativ einfache Möglichkeit. Daneben gibt es eine Reihe von Zertifikaten und Optionsscheinen auf den Gaspreis, die mit ihrer Hebelwirkung überproportional an steigenden Erdgaspreisen profitieren können. Das führt zwar zu größeren Chancen, damit gehen jedoch auch höhere Risiken einher.

Erdgas ist zudem ein besonders volatiler Basiswert, dessen Preisentwicklung stark von saisonalen Effekten und Witterungseinflüssen beeinflusst wird. Nicht minder wichtig ist ein weiterer Punkt, den man berücksichtigen sollte, wenn man auf die Bewegung des Erdgaspreises setzen möchte.

Warum die Terminkurve über Erfolg oder Enttäuschung entscheidet

Gemeint ist die sogenannte Terminkurve. Sie zeigt, wie sich der aktuelle Erdgaspreis im Vergleich zu den Preisen für spätere Liefermonate verhält. Weil die Produkte die entsprechenden Erdgas-Terminkontrakte abbilden und diese eine bestimmte Laufzeit haben, muss regelmäßig gewechselt werden. Es werden die auslaufenden Terminkontrakte verkauft und länger laufende gekauft. Sind spätere Liefermonate teurer als der aktuelle, spricht man von Contango, und die entsprechenden Produkte verlieren bei jedem Wechsel etwas an Wert, selbst wenn der Gaspreis insgesamt stabil bleibt. Diesen Effekt nennt man Rollverlust.

Sind spätere Monate dagegen günstiger, spricht man von Backwardation, was zu Rollgewinnen führen kann. Derzeit ist genau das der Fall. Der Preis für den Frontmonat Oktober liegt über dem der nachfolgenden Monate, weil jetzt dringend Gas nachgefragt wird, um die Speicher zu füllen. Für Anleger in einem Gas-ETC oder anderen Produkten ist das aktuell also eher günstig. Es handelt sich dabei aber um eine Ausnahmesituation. Normal ist ein Contango, und früher oder später wird sich das auch wieder bei den Erdgas-Futures zeigen. Kommt es beispielsweise zu einer Entspannung an der Straße von Hormus, kann sich die Kurve rasch drehen. Der grundsätzliche Haken bei der Terminstrukturkurve ist daher auch ein Grund, warum sich die Produkte auf Erdgas-Terminkontrakte vor allem für kurzfristige Handelsstrategien eignen und nicht für den langfristigen Einsatz.

Kein Freifahrtschein gegen hohe Heizkosten

Es gibt an der Börse eine Reihe von Produkten, um von steigenden Erdgaspreisen zu profitieren. Die Mittel dafür sind also grundsätzlich vorhanden. Ob damit am Ende tatsächlich die Mehrkosten der eigenen Heizperiode gedeckt werden, hängt vor allem von der gewählten Positionsgröße ab. Nur eine zum eigenen Verbrauch passende Summe kann einen spürbaren Ausgleich bringen. Hinzu kommt die zuvor beschriebene Terminkurve: Ein Gas-ETC oder anderes Produkt bildet den Preisanstieg wegen der Rolleffekte nicht exakt ab. Selbst bei einem grundsätzlich richtigen Einstiegszeitpunkt kann der tatsächliche Gewinn also von der reinen Preisbewegung abweichen. Und Erdgas bleibt ein Biest: Die Preisentwicklung ist äußerst volatil, weshalb neben einer klaren Handelsstrategie auch Nervenstärke gefragt ist. Und auch wenn es abgedroschen klingt: Gerade bei Erdgas ist das richtige Timing entscheidend.

Das Wichtigste in Kürze

  • Preissprung: Der Erdgas-Terminkontrakt TTF erreichte zu Wochenbeginn mit mehr als 83,75 Euro je Megawattstunde ein neues Mehrjahreshoch, den höchsten Stand seit Ende 2022.
  • Auslöser: Die Abschaltung der saudischen Ost-West-Pipeline nach Drohnenangriffen sowie die Kontrolle der Huthi-Rebellen über Teile der Meerenge Bab al-Mandab bremsen die Flüssiggaslieferungen nach Europa.
  • Speicherdruck: Die europäischen Gasspeicher lagen zum 13. September nur bei rund 68 Prozent, in Deutschland bei knapp 56 Prozent, während die EU bis zum 1. Dezember 80 Prozent und Deutschland national bereits zum 1. November rund 70 Prozent anstrebt.
  • Anlagemöglichkeit: Der WisdomTree European Natural Gas ETC (ISIN XS2872233403, Symbol EGAS) bildet die Preisentwicklung von TTF-Gas-Terminkontrakten ab und ist an deutschen Börsen handelbar.
  • Terminkurve als Risikofaktor: Der Markt befindet sich aktuell in Backwardation, der Frontmonat Oktober notiert über den nachfolgenden Monaten, was das Halten eines Gas-Produkts derzeit begünstigt, sich aber jederzeit wieder umkehren kann.

Nichts verpassen: Der kostenlose Newsletter der BÖRSE am Sonntag liefert Ihnen wöchentlich Marktanalysen, Unternehmensnews und Anlagestrategien direkt ins Postfach.
Jetzt kostenlos abonnieren!

bevorzugte Quelle 

Börse am Sonntag als bevorzugte Quelle festlegen

Sie möchten Finanz- und Wirtschaftsnachrichten von Börse am Sonntag häufiger bei Google sehen?

Bei Google bevorzugen

Ähnliche Artikel