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Märkte > 10-Jährige Bundesanleihe bei 3,5 Prozent

Turbulenzen am Anleihemarkt: Vorboten eines Börsencrashs?

| Oliver Götz

Börsenhändler vor dem Bildschirm.
Noch wirken sich die steigenden Anleiherenditen kaum auf die Aktienkurse aus. Das kann sich jedoch schnell ändern. (Foto: Picture Alliance / dpa / Arne Dedert)

Eine anziehende Inflation und ausufernde Staatsschulden treiben die Anleiherenditen in die Höhe – teils auf das Niveau der Finanzkrise.

Die Lage an den Anleihemärkten spitzt sich zu – dies- und jenseits des Atlantiks. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen nähert sich der Marke von fünf Prozent, bei der zehnjährigen Bundesanleihe sind es rund 3,5 Prozent – der höchste Wert seit 2009, kurz nach der Finanzkrise. Frankreich muss bereits rund 4,4 Prozent bieten, Großbritannien für zehnjährige Staatsanleihen sogar etwa 5,4 Prozent.

Für sich genommen sind steigende Renditen noch kein Grund zur Panik. Doch derzeit kommen mehrere Faktoren zusammen, die sich gegenseitig verstärken. Inflation, hohe Neuverschuldung, steigende Verteidigungsausgaben, ein wachsender Finanzierungsbedarf der Unternehmen und die Aussicht auf länger hohe Leitzinsen ergeben einen Mix, der auch für die Aktienmärkte gefährlich werden kann.

Der Ölpreis verschärft das Problem

Für den Moment belastet zusätzlich der hohe Ölpreis. Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten haben die Notierungen deutlich nach oben getrieben. Ein Barrel der Nordseeölsorte Brent kostete zum Wochenschluss rund 108 US-Dollar. Das ist für die Notenbanken ein Problem, denn höhere Energiepreise schlagen relativ schnell auf die Verbraucherpreise durch.

Damit schwindet die Hoffnung auf eine rasche Entspannung bei der Inflation. Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins zuletzt um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent angehoben. Noch wichtiger als der einzelne Zinsschritt ist allerdings die Botschaft dahinter: Die EZB geht davon aus, dass die Inflation auch im Basisszenario längere Zeit über ihrem Ziel von zwei Prozent liegen könnte.

An den Bondmärkten wird eine solche Entwicklung sofort eingepreist. Anleger verlangen eine höhere Verzinsung, wenn sie damit rechnen, dass ihr Geld künftig durch Inflation an Kaufkraft verliert. Gleichzeitig sinken die Kurse bereits ausgegebener Anleihen, wodurch deren Renditen steigen.

Auch bei der US-Notenbank Fed und der Bank of Japan steht die Zinsfrage im Mittelpunkt. Der Markt hat seine Erwartungen für eine weitere Straffung in den USA zuletzt deutlich nach oben geschraubt. Damit wächst der Druck auf die Renditen über die gesamte Zinskurve hinweg.

Die Schulden werden zum Problem

Weit mehr als Ölpreis und Inflation belasten jedoch rekordhohe Staatsschulden. Rund um den Globus finanzieren Regierungen ihre Ausgaben mit immer mehr geliehenem Geld. Allen voran die USA galoppieren von einem Schuldenhöchststand zum nächsten. Nach Einschätzung der Bank of America könnte das Nettoangebot an US-Staatsanleihen von rund 1,9 Billionen Dollar in diesem Jahr auf etwa 2,3 Billionen Dollar im Jahr 2028 steigen. Gleichzeitig haben sich die jährlichen Zinsausgaben der USA innerhalb von fünf Jahren auf mehr als 1,2 Billionen Dollar verdoppelt. Das ist ein sich selbstverstärkender Mechanismus: Je höher die Zinsen steigen, desto teurer wird die Finanzierung der bestehenden Schulden. Dadurch müssen wiederum mehr Mittel für den Schuldendienst aufgebracht werden. Das belastet den Staatshaushalt und erhöht den Bedarf an neuen Schulden. Der Anleihemarkt muss diese zusätzlichen Papiere aufnehmen. Wenn das Angebot steigt, müssen die Renditen attraktiv genug sein, um Investoren zu überzeugen.

Konkurrenz durch die KI-Konzerne

Dabei konkurrieren Staaten nicht nur untereinander um das Kapital der Anleger. Auch Unternehmen treten zunehmend als große Schuldner auf. Vor allem der KI-Boom verschlingt enorme Summen. Die großen Technologiekonzerne und KI-Unternehmen benötigen Milliarden für Rechenzentren, Chips und Infrastruktur. Ein Teil dieses Kapitalbedarfs wird über den Anleihemarkt finanziert. Für die Kapitalmärkte bedeutet das: Immer mehr Schuldner buhlen um die gleiche Liquidität.

Hinzu kommt, dass ausländische Investoren aktuell nicht mehr grundsätzlich bereit sind, ihre bisherigen Bestände an US-Staatsanleihen weiter auszubauen. Japan beispielsweise hat zuletzt in größerem Umfang US-Treasuries verkauft, um den eigenen Yen zu stabilisieren. Die USA versuchen zwar gegenzusteuern. Finanzminister Scott Bessent hat Rückkäufe länger laufender Treasuries angekündigt. Die Wirkung blieb jedoch begrenzt. Die tatsächlichen Käufe fielen geringer aus, als manche Marktteilnehmer erwartet hatten. Die Renditen stiegen weiter.Der Markt sendet damit ein klares Signal: Staatliche Maßnahmen allein reichen derzeit offenbar nicht aus, um den Aufwärtsdruck bei den Renditen zu stoppen.

Warum Aktienanleger aufpassen müssen

Anleiherenditen bilden einen wichtigen Referenzpunkt für die Bewertung von Aktien. Wenn vermeintlich sichere Staatsanleihen wieder fünf Prozent oder mehr abwerfen, müssen riskantere Anlagen einen entsprechend höheren Ertrag versprechen, damit Anleger Aktien weiterhin attraktiv finden. Gleichzeitig steigen die Finanzierungskosten der Unternehmen. Kredite werden teurer, Anleiheemissionen kosten mehr und Investitionen werden schwieriger zu finanzieren. Das kann die Gewinnentwicklung belasten. Besonders empfindlich reagieren Unternehmen mit hohen Bewertungen und weit in der Zukunft erwarteten Gewinnen. Steigende Zinsen reduzieren den heutigen Wert dieser zukünftigen Cashflows. Noch problematischer wäre eine Kombination aus hohen Zinsen und einer schwachen Konjunktur. Denn dann treffen steigende Finanzierungskosten auf sinkende Nachfrage und möglicherweise rückläufige Unternehmensgewinne. Das Schreckgespenst heißt Stagflation.

Normalerweise können Notenbanken auf eine schwächelnde Wirtschaft mit Zinssenkungen reagieren, womit sie die Kreditvergabe und somit die Investitionen ankurbeln. Wenn gleichzeitig aber die Inflation anzieht, ist dieser Spielraum eingeschränkt. Die Notenbanken müssen dann die Inflation bekämpfen, dürfen aber die ohnehin angeschlagene Konjunktur nicht unnötig abwürgen. An den Märkten wird deshalb bereits ein Szenario gespielt, in dem die Zinsen länger hoch bleiben könnten. Bei den US-Treasuries stiegen die Renditen zuletzt über nahezu alle Laufzeiten hinweg deutlich. Die Rendite der zweijährigen US-Anleihe kletterte auf rund 4,58 Prozent, während die 30-jährige Anleihe ein Renditeniveau erreichte, das zuletzt 2007 zu beobachten war. Das ist mehr als eine technische Bewegung. Es zeigt, dass Investoren für die Risiken von Inflation, Verschuldung und weiterer geldpolitischer Straffung eine höhere Entschädigung verlangen.

Noch kein Crash-Signal – aber ein Warnzeichen

Ist das nun der Vorbote eines Börsencrashs? Noch nicht zwingend. Steigende Anleiherenditen können auch Ausdruck einer robusten Wirtschaft sein. Problematisch wird es erst dann, wenn sie so stark steigen, dass sie Finanzierungsbedingungen verschärfen und Bewertungen unter Druck setzen. Fakt ist: höhere Ölpreise bedeuten Inflationsdruck, höhere Inflation bedeutet potenziell höhere Zinsen, höhere Zinsen verteuern die Staats- und Unternehmensfinanzierung und gleichzeitig sinkt der relative Reiz von Aktien gegenüber Anleihen. Wer bislang davon ausgegangen ist, dass sinkende Zinsen und reichlich Liquidität die Bewertungen am Aktienmarkt dauerhaft stützen, muss seine Rechnung möglicherweise überdenken.

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