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Rohstoffe > Charttechnik und Staatsfinanzen

Silberpreis im Aufwind: Warum US-Schulden den Kurs treiben

| Thomas Behnke | Lesezeit: 7 Min.

Eine behandschuhte Hand hält einen glänzenden Silberbarren mit der Prägung Heraeus Feinsilber 999, im Hintergrund liegen weitere Barren.
Silberbarren aus Feinsilber in einem Tresorraum. Der Silberpreis ist seit seinem Tief von Mitte Juli um mehr als 27 Prozent gestiegen. (Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe)

Der Silberpreis klettert seit Wochen kräftig, angetrieben von einem schwächeren US-Dollar und wachsenden Sorgen um die US-Staatsverschuldung. Steht Silber vor dem Ausbruch über die 200-Tage-Linie?

Silber ist die kleine Schwester von Gold, launisch und zickig wie eh und je, und in den vergangenen Wochen hat sie ihr klar die Show gestohlen. Während der Goldpreis bereits eine starke Erholung zeigt, schlägt der Silberkurs deutlich heftiger nach oben aus. Steckt dahinter mehr als nur ein kurzes Aufflackern?

Charttechnik: Wie nah ist Silber am Ausbruch bei 72 US-Dollar?

Der Goldpreis hat es schon geschafft. Er war bereits in der vergangenen Woche über seine 200-Tage-Linie geklettert und sendete damit ein weiteres bullishes technisches Signal. Seit dem markanten Korrekturtief im Juni kletterte der Kurs des Edelmetalls bereits um mehr als 18 Prozent. Das ist eine bemerkenswerte Erholung. Diese Dynamik wird dabei von der kleinen Schwester Silber übertroffen. Hier ist der Preis seit dem Tief von Mitte Juli um mehr als 27 Prozent gestiegen. Silber macht damit seinen Ruf als deutlich volatilerer Rohstoff alle Ehre. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass im Vorfeld eine deutlich größere Korrektur stattgefunden hatte.

Die Frage ist nun, ob es sich bei der jüngsten dynamischen Erholung nur um eine temporäre Gegenbewegung handelt oder sich ein neuer größerer Aufwärtstrend etablieren kann. Ein potenzielles Hindernis, an dem diese Frage auch entschieden werden kann, ist die 200-Tage-Linie. Im Gegensatz zum Goldpreis fehlt bei Silber noch ein entsprechender Ausbruch. Derzeit verläuft die Linie bei knapp über 72 US-Dollar. Ausgehend vom aktuellen Kursniveau bei knapp über 69 US-Dollar ist diese Hürde damit in greifbare Nähe gerückt. Zusammen mit dem in den vergangenen Wochen gebildeten kurzfristigen Aufwärtstrend sowie den nun wieder nach oben gedrehten gleitenden Durchschnitten für 21 und 50 Tage als Indikatoren für die kurz- und mittelfristigen Trends ergibt sich damit eine konstruktive charttechnische Ausgangslage für einen weiter steigenden Silberpreis. Hinzu kommen stützende fundamentale Faktoren.

Schwacher US-Dollar und hohe Schulden: Die fundamentalen Preistreiber

Es gibt gleich mehrere Argumente, die sich gegenseitig verstärken. Hierzu gehören ein schwächerer US-Dollar, veränderte Erwartungen an die US-Geldpolitik, ein weiterhin knappes Silberangebot und zunehmend auch Sorgen über die hohe Staatsverschuldung der USA.

Besonders interessant ist dabei die Stärke von Silber in den letzten Wochen, während gleichzeitig die langfristigen US-Renditen gestiegen sind. Normalerweise ist ein steigendes Zinsniveau schlecht für Edelmetalle. Gold und Silber werfen selbst keine Zinsen ab. Wenn Anleger mit sicheren US-Staatsanleihen hohe Renditen erzielen können, werden Edelmetalle im Vergleich weniger attraktiv. Zuletzt ist jedoch ein scheinbares Paradox entstanden. Gold und Silber legten trotz steigender Renditen langlaufender US-Staatsanleihen zu. Diese stiegen unter anderem deshalb, weil Investoren angesichts der hohen Staatsverschuldung, großer Haushaltsdefizite und anhaltender Inflationsrisiken höhere Renditen verlangten. Hintergrund ist, dass die US-Staatsverschuldung am 18. August 2026 erstmals die Marke von 40 Billionen US-Dollar und damit eine weitere symbolische, weil runde Schwelle überschritten hat.

2020 waren es noch 26,7 Billionen US-Dollar. Damals fielen dafür rund 338 Milliarden US-Dollar Zinsen pro Jahr an. Inzwischen ist die Zinslast auf über 1.100 Milliarden US-Dollar pro Jahr gestiegen. Und diese kaum vorstellbare Zahl steigt mit rasantem Tempo. Sie macht 15 Prozent des US-Haushalts aus und ist nach den Gesundheitsausgaben (26,9 Prozent) und den Ausgaben für Renten und Sozialversicherung (22,4 Prozent) inzwischen der drittgrößte Ausgabenblock. Es verwundert daher nicht, dass immer stärker in den Fokus rückt, wie teuer dauerhaft hohe Zinsen für den amerikanischen Staat werden können.

Warum schaden steigende Zinsen dem Edelmetall diesmal nicht?

Und genau mit diesem Blick verändert sich die Wirkung steigender Zinsen auf Gold und Silber. Solange höhere Renditen lediglich Ausdruck einer starken Wirtschaft und einer strafferen Geldpolitik sind, sind sie für Edelmetalle eher negativ. Wenn die Renditen aber steigen, weil Anleger die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen infrage stellen und für langfristige US-Schulden eine höhere Risikoprämie verlangen, sieht die Situation anders aus.

Dann stellt sich nämlich zunehmend die Frage, ob die US-Regierung und die Notenbank dauerhaft sehr hohe Zinsen überhaupt zulassen können. Je höher die Verschuldung, desto stärker steigen bei hohen Zinssätzen auch die Zinskosten des Staates. Der Markt kann deshalb zu der Einschätzung kommen, dass die Politik irgendwann gegensteuern muss, etwa durch Maßnahmen, die die Finanzierungskosten begrenzen oder insgesamt lockerere finanzielle Bedingungen schaffen. Genau in dieser Hinsicht gab es in der vergangenen Woche bereits erste Ansätze. Aufgrund der gestiegenen Renditen langlaufender US-Staatsanleihen weitete das US-Finanzministerium seine Rückkäufe langfristiger Staatsanleihen aus. Daraufhin gingen die Renditen zurück und gleichzeitig verlor der US-Dollar deutlich an Wert. Gold und Silber reagierten darauf mit kräftigen Kursgewinnen.

Inzwischen haben die Renditen zwar wieder angezogen, was eigentlich ein potenziell belastender Faktor für die Edelmetalle ist. Die Entwicklung zeugt jedoch auch davon, dass der Anleihemarkt weiterhin hohe Risikoprämien einfordert und damit Druck auf Politik und Notenbank aufbaut. Das verstärkt wiederum die Annahme weiterer geldpolitischer Maßnahmen, um das Zinsniveau in den USA künstlich zu verringern, allein aus der Notwendigkeit, die Zinsausgaben nicht auch noch durch weiter ansteigende Zinssätze zu erhöhen. Es ist daher von weiteren Eingriffen auszugehen, sollten die Renditen für US-Anleihen weiter steigen. Was eigentlich als Gegenargument für Edelmetalle gelten müsste, könnte gerade für diese sprechen. Denn werden die Zinsen so hoch, dass sie zum Problem für die hoch verschuldeten USA werden, kann der Markt auf eine spätere Gegenreaktion der Politik setzen. Diese Erwartung kann wiederum den US-Dollar schwächen und die realen, also inflationsbereinigten Renditen unter Druck setzen. Genau das ist positiv für die Edelmetalle.

Geldentwertung als Kurstreiber: Warum Silber stärker reagiert als Gold?

In dieser Gemengelage kommt ein weiterer Punkt hinzu. Gold und zunehmend auch Silber werden als Absicherung gegen eine langfristige Entwertung von Papierwährungen angesehen. Wenn die Staatsverschuldung stark wächst und gleichzeitig Zweifel entstehen, ob sie ohne höhere Inflation, einen schwächeren US-Dollar oder dauerhaft niedrige reale Zinsen beherrschbar ist, steigt die Attraktivität von Vermögenswerten, deren Angebot nicht beliebig ausgeweitet werden kann.

Gold ist der klassische Profiteur dieser Entwicklung. Silber kann jedoch noch stärker reagieren, wie die Rallye im Jahr 2025 zeigte, die bis in den Januar 2026 reichte und den Silberpreis von ungefähr 30 US-Dollar je Feinunze auf über 120 US-Dollar je Feinunze katapultierte. Der Silbermarkt ist deutlich kleiner und das physische Angebot ist seit Jahren relativ knapp. Auch weil Silber in der Industrie eine große Rolle spielt und damit, im Gegensatz zu Gold, nicht nur als Vermögenswert unproduktiv im Tresor liegt, sondern tatsächlich in Erzeugnissen wie etwa Solarmodulen, Elektroautos und Hochleistungselektronik für Rechenzentren verbraucht wird. Kommt zusätzliches Investmentkapital in den Markt, kann der Preis deshalb überproportional steigen.

Volatilität als Preis der Chance: Worauf Anleger jetzt achten sollten

Der Silberpreis glänzt wieder und hat zuletzt mit einer kräftigen Erholung überzeugt. Der erste Impuls kam von veränderten Erwartungen an die US-Zinsen und einem schwächeren US-Dollar. Gleichzeitig sorgt das strukturell knappe Silberangebot dafür, dass zusätzliche Nachfrage besonders stark auf den Preis wirkt. Neu hinzugekommen, auch wenn die Thematik bereits latent vorhanden war, ist die wachsende Sorge über die US-Staatsfinanzen. Je größer die Verschuldung in den USA, aber auch weltweit wird, desto schwieriger wird es, dauerhaft sehr hohe Zinsen zu verkraften. Gerade mit Blick auf die USA als wichtigster Akteur im weltweiten Schuldenkarussell spricht das für die Annahme, dass dort sämtliche Hebel in Gang gesetzt werden, um die langfristigen Zinsen zu drücken, auch wenn dabei eine gewisse Geldentwertung in Kauf genommen und damit zugleich der US-Dollar geschwächt wird. Aus diesem Umfeld speisen sich schließlich die Argumente, die für Edelmetalle als Schutz vor einer zwangsläufigen und forcierten Geldentwertung sprechen.

Offen ist allerdings noch, ob die jüngste Silbererholung nach der kräftigen Korrektur, die im Anschluss an das Rallyehoch vom Januar 2026 einsetzte, bereits der Anfang eines neuen größeren Aufwärtsimpulses ist, oder ob es sich nur um eine temporäre Gegenbewegung im übergeordneten Abwärtstrend handelt. Ein nachhaltiger Sprung zurück über die 200-Tage-Linie könnte dabei für Ersteres sprechen. Was Anleger aber selbst dann berücksichtigen sollten, ist die hohe Volatilität. Das beinhaltet entsprechend größere Chancen, aber auch größere Risiken. Deshalb sollte man bei einem Investment in Silber genau abstecken, zu welchem Zweck und für welchen Zeithorizont man auf das Edelmetall setzt. Die kleine Schwester hat der großen gerade gezeigt, wozu sie fähig ist. Zickig bleibt sie trotzdem.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Silberpreis ist seit Mitte Juli um mehr als 27 Prozent gestiegen und nähert sich seiner 200-Tage-Linie bei rund 72 US-Dollar.
  • Die US-Staatsverschuldung überschritt am 18. August 2026 erstmals 40 Billionen US-Dollar, die jährliche Zinslast liegt bei über 1.100 Milliarden US-Dollar.
  • Das US-Finanzministerium weitete seine Anleiherückkäufe aus, woraufhin Renditen sanken und der US-Dollar nachgab, was Gold und Silber stützte.
  • Wegen des kleinen, strukturell knappen Silbermarkts kann der Preis überproportional reagieren, wie die Rallye von 30 auf über 120 US-Dollar je Feinunze bis Januar 2026 zeigte.
  • Offen bleibt, ob die aktuelle Erholung einen neuen Aufwärtstrend einleitet oder nur eine temporäre Gegenbewegung ist.

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