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Rohstoffe > Zwischen Bulle und Bär

Gold- und Silberpreis: Fed-Zinssorgen bremsen Erholung

| Thomas Behnke | Lesezeit: 6 Min.

Grünes Hinweisschild mit der Aufschrift Jackson Hole und der Silhouette eines Grizzlybären, darunter der Warnhinweis Is Grizzly Bear Country, Be Prepared.
Hinweisschild am Ortseingang von Jackson Hole in Wyoming mit der Aufschrift Is Grizzly Bear Country, Be Prepared. Dort findet jährlich das Notenbank-Symposium statt, bei dem Fed-Chef Kevin Warsh am 28. August seine richtungsweisende Rede hielt. (Foto: Shutterstock/Stillgravity)

Nach der Rede von Fed-Chef Kevin Warsh in Jackson Hole steigt die Wahrscheinlichkeit einer US-Zinserhöhung im September. Gold und Silber geraten spürbar unter Druck und geben einen Teil ihrer Erholung ab.

Gold und Silber hatten sich seit Juli kräftig erholt und zuletzt erste positive charttechnische Signale gesendet. Gold war zurück über seine 200-Tage-Linie geklettert. Auch Silber stand kurz davor, sich an seiner eigenen 200-Tage-Linie zu versuchen. Rückenwind gab es vor allem von den Schuldensorgen. Diese liefern nach wie vor Argumente für längerfristige Investments in die beiden Edelmetalle. Kurzfristig belasten jedoch neu angefachte Zinserhöhungserwartungen in den USA. Ist damit die Erholungsphase bereits wieder vorbei und sind jetzt die Bären wieder am Zug?

Fed-Chef Warsh bekennt sich in Jackson Hole zum Inflationsziel

Mitten in der Wildnis Wyomings, dort wo sich die Gipfel der Teton-Berge im Jackson Lake spiegeln und Elche durch die Willow Flats waten, trifft sich einmal im Jahr die Finanzwelt zum Notenbank-Symposium von Jackson Hole. So malerisch der Blick auf die Landschaft auch ist, die Dinge, die dort diskutiert und besprochen werden, haben mit Idylle aber nichts zu tun. Stattdessen geht es um knallharte Zins- und Inflationsdaten, mit denen die Finanzjongleure ganze Märkte in Bewegung setzen können. Genau das geschah auch in diesem Jahr, als Fed-Chef Kevin Warsh am 28. August ans Mikrofon trat und die Zinserwartungen in den USA auf den Kopf stellte und damit die Gold- und Silberbullen bei den Hörnern packte. Die Preise der Edelmetalle gerieten wieder unter Druck.

Bei seiner ersten großen Rede als Fed-Chef seit seinem Amtsantritt im Mai bekräftigte Warsh, dass die Fed an ihrem Inflationsziel von 2 Prozent festhält und kurzfristige Zinsen dafür das wichtigste Instrument seien. Die Sommerdaten zu Verbraucher- und Kernpreisen seien zwar etwas besser als erwartet ausgefallen, das bedeute aber nicht, dass sich der zugrunde liegende Preistrend bereits nachhaltig gebessert habe. Solange das nicht klar erkennbar sei, gebe es für die Notenbank weiterhin Arbeit zu erledigen.

Klare Worte und steigende Ölpreise treiben die Zinserwartungen

Bemerkenswert war die Klarheit der Aussagen. Warsh hatte seit seinem Amtsantritt vor allem mit einer bewusst zurückhaltenden, teils als kryptisch kritisierten Kommunikation von sich reden gemacht und der Fed damit einen deutlich leiseren Kurs verordnet, als man ihn von der Notenbank gewohnt war. Ausgerechnet in Jackson Hole wich er nun von dieser Linie ab und äußerte sich in ungewöhnlicher Deutlichkeit zur Inflation. Genau das scheinen die Terminmärkte als Signal für eine restriktivere Geldpolitik anzusehen. Die eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September lag vor der Warsh-Rede bei rund 37 Prozent. Inzwischen, heute am 2. September 2026, sind es über 68 Prozent.

Zu der Erwartung, dass die Leitzinsen in den USA doch schon im September steigen, dürfte auch der Ölpreis beigetragen haben. Nachdem das US-Militär am vergangenen Wochenende iranische Raketenwerfer an der Straße von Hormus angriff und der Iran mit Gegenschlägen auf US-Kräfte in der Region reagierte, zogen die Notierungen weiter an und nährten damit zusätzliche Inflationssorgen. Diese Entwicklung schlägt sich auch in steigenden Renditen von US-Staatsanleihen nieder, die teilweise neue Zwischenhochs erreichten. Beispielsweise kletterte die Rendite zehnjähriger Papiere auf über 4,80 Prozent und erreichte damit das höchste Niveau seit Januar 2025. Das setzt Gold und Silber als zinslose Anlagen zusätzlich unter Druck.

Gold fällt unter seine 200-Tage-Linie, Silber knickt vorher ein

Das Ausmaß der veränderten Stimmung im Edelmetallsektor lässt sich gut in den Charts ablesen. Gold hatte erst am 20. August seine 200-Tage-Linie zurückerobert und war bis zum 25. August auf ein Zwischenhoch von fast 4.700 US-Dollar gestiegen. Seither ging es jedoch bereits wieder um rund 9 Prozent abwärts, wodurch der 200er-Durchschnitt als Gradmesser für den langfristigen Trend wieder unterschritten wurde. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Goldbullen nun wieder kapitulieren? Oder können sie nach der jüngsten Korrektur neue Kräfte mobilisieren? Kurzfristig stellt das Zwischentief von Mitte August bei 4.311 US-Dollar womöglich eine relevante Marke dar, die gerade getestet wird. Es handelt sich um ein höheres Tief der Erholungsbewegung seit Juli. Ein nachhaltiger Bruch könnte weiteren Verkaufsdruck nach sich ziehen.

Auch Silber ist seit dem Erholungshoch in der Vorwoche von über 71 US-Dollar wieder zurückgefallen und verzeichnet ein Minus von rund 11 Prozent. Die kleine Schwester von Gold hat damit kurz vor Erreichen der eigenen 200-Tage-Linie wieder nach unten abgedreht. Auch hier ist offen, ob das im August gebildete höhere Tief bei 62,56 US-Dollar hält oder nachhaltig gebrochen wird. Letzteres wäre ein kurzfristig bärisches Signal. Bildet sich stattdessen ein weiteres höheres Tief, könnte ein neuer Versuch starten, die 200-Tage-Linie zu überwinden.

Warum die langfristige Story für Edelmetalle intakt bleibt

Auch wenn die jüngsten Korrekturen bei Gold und Silber das Bild wieder etwas eingetrübt haben und damit Zweifel an der Tragfähigkeit der Erholungen seit Juli nähren könnten, ist die aktuelle charttechnische Konstellation nicht nur bärisch. Es besteht die Möglichkeit, dass sich die jüngsten Korrekturen nur als Verschnaufpause nach der recht dynamischen Erholung im vorangegangenen Monat herausstellen. Vielleicht werden noch einmal die zittrigen Hände rausgeschüttelt, bevor es dann wieder aufwärtsgeht.

Denn an den strukturellen Argumenten für Edelmetalle hat sich durch die neuen Zinserwartungen wenig geändert. Die hohe US-Staatsverschuldung und Zweifel an der langfristigen Tragfähigkeit der Geldpolitik bleiben bestehen. Kurzfristig überlagert jedoch die Aussicht auf höhere Zinsen dieses Bild. Noch in dieser Woche stehen mit dem ADP-Beschäftigungsbericht und den offiziellen US-Arbeitsmarktzahlen zwei Termine an, die zeigen könnten, ob sich die aktuellen Zinserwartungen bestätigen oder wieder abschwächen. Ein schwächerer Arbeitsmarkt würde der Fed Argumente gegen eine Zinserhöhung liefern, robuste Zahlen dagegen den aktuellen Kurs der Terminmärkte untermauern.

Endgültige Klarheit dürfte aber erst die Fed-Sitzung am 15. und 16. September bringen. Vielleicht wird die US-Notenbank tatsächlich den Leitzins anheben, um ihrem erklärten Kampf gegen die Inflation damit auch Taten folgen zu lassen. Aber was macht sie danach? Steigende Leitzinsen haben das Potenzial, den gesamten US-Haushalt unter Druck zu setzen, weil ein wachsender Zinsdienst zunehmend Mittel bindet, die dann in anderen Bereichen fehlen, und die Finanzierungskosten insgesamt in dauerhaft nicht tragbare Höhen treibt. Also wird man entweder die Leitzinsen künftig wieder senken oder zu anderen Mitteln greifen, um die steigende Schuldenlast in den Griff zu bekommen. Die Frage dabei ist, ob man bereits an dem Punkt angekommen ist, dass nur eine Inflationierung der Schulden das Problem lösen wird. An dieser Stelle kommen dann wieder Gold und Silber als Inflationsschutz ins Spiel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fed-Chef Kevin Warsh hat bei seiner Rede in Jackson Hole am 28. August ungewöhnlich klar am Zwei-Prozent-Inflationsziel festgehalten.
  • Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September 2026 ist daraufhin von rund 37 auf über 68 Prozent gestiegen.
  • Gold ist von seinem Zwischenhoch bei fast 4.700 US-Dollar um rund 9 Prozent gefallen und hat seine 200-Tage-Linie wieder verloren.
  • Silber ist von seinem Hoch über 71 US-Dollar sogar um mehr als 11 Prozent eingebrochen, ohne die eigene 200-Tage-Linie je erreicht zu haben.
  • Vor der Fed-Sitzung am 15. und 16. September stehen mit dem ADP-Bericht heute und den offiziellen US-Arbeitsmarktzahlen am 4. September noch zwei wichtige Konjunkturtermine an.

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