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Rohstoffe > Edelmetall unter Druck

Goldpreis im Bärenmarkt: 200-Tage-Linie gefallen, was kommt jetzt?

| Thomas Behnke | Lesezeit: 5 Min.

Eine goldene Bärenfigur im Vordergrund und eine goldene Bullenfigur unscharf im Hintergrund auf einer hellen Holzfläche vor blauem Hintergrund.
Goldene Bullen- und Bärenfiguren auf einer Holzfläche. Mit einem Minus von rund 24 Prozent seit dem Allzeithoch im Januar befindet sich der Goldpreis technisch im Bärenmarkt. (Foto: picture alliance | CHROMORANGE / Bilderbox)

Goldpreis im Bärenmarkt: Die 200-Tage-Linie ist gefallen, Iran-Krieg und Zinswende belasten. Wann endet die Korrektur, und bietet die aktuelle Schwäche langfristig eine Einstiegschance?

Gold ist im Bärenmarkt. Selbst überzeugte Gold-Bullen müssen das anerkennen. Mit einem Minus von über 20 Prozent seit dem Allzeithoch im Januar erfüllt das Edelmetall exakt die Definition. Doch was heißt das jetzt? Ist die mehrjährige Party vorbei? Oder bietet der Kursrückgang vielleicht sogar neue Einstiegsgelegenheiten?

200-Tage-Linie unterschritten: Das charttechnische Bild trübt sich ein

Nach dem Allzeithoch bei über 5.600 US-Dollar im Januar hat Gold rund 24 Prozent verloren, lag aber im März sogar noch etwas tiefer. Das damals markierte bisherige Korrekturtief bei knapp unter 4.100 US-Dollar hält zwar noch, doch die charttechnischen Signale deuten auf weiteren Abwärtsdruck hin. Zuletzt hat der Goldpreis seine 200-Tage-Linie unterschritten, jenen gleitenden Durchschnitt, der als Gradmesser für den langfristigen Trend gilt. Im März hatte diese Marke noch gehalten. Dass sie nun fällt, könnte weitere Verkäufe auslösen: Wer technisch handelt, sieht hier ein klassisches Ausstiegssignal, oder sogar einen Grund auf fallende Kurse zu setzen.

Warum der Iran-Krieg Gold unter Druck setzt

Eine Korrektur wie in den vergangenen Monaten gab es zuletzt 2022. Seit dem damals markierten Tief war der Goldpreis um rund 250 Prozent gestiegen. Allein aufgrund dieser dynamischen Performance wäre eine Verschnaufpause auch ohne besondere Auslöser nicht überraschend. Selbst die stärksten Aufwärtstrends brauchen gelegentlich eine Pause, um gesund zu bleiben. Doch diesmal gibt es auch handfeste Gründe für die Schwäche. Der Iran-Krieg hat durch die massive Verteuerung der Energiepreise die weltweite Inflation wieder angefacht. Das ist insofern bemerkenswert, als Krisen Gold normalerweise als sicheren Hafen stärken. Diesmal ist die Logik jedoch anders: Die Inflationssorgen belasten das Edelmetall mehr, als sein geopolitisches Gewicht es stützt. Denn steigende Teuerungsraten erhöhen den Druck auf die Notenbanken, mit ihren geldpolitischen Instrumenten entgegenzusteuern.

Das zeigt sich beispielsweise an der US-Geldpolitik. Hatte man für 2026 im Vorfeld des Iran-Krieges noch mit Zinssenkungen gerechnet, scheinen diese inzwischen vom Tisch. Stattdessen könnte es sogar Zinsanhebungen durch die US-Notenbank geben, was bereits zu einem steigenden Zinsumfeld geführt hat. Konkret zeigt sich das an den US-Anleiherenditen: Beispielsweise haben sich die 10-jährigen Renditen von ihrem Tief im März bei rund 3,93 Prozent auf knapp 4,69 Prozent im Mai erhöht und liegen aktuell bei rund 4,58 Prozent. Gold, das keine Zinsen abwirft, wird daher vergleichsweise unattraktiver. Ein Effekt, der sich durch die Erwartung hartnäckiger Inflation und womöglich weiterer Zinsanhebungen noch verstärken könnte.

Zwischenwahlen als Joker: Warum der Iran-Konflikt enden könnte

Doch es gibt einen Faktor, der den Druck auf Gold möglicherweise früher mindern könnte als erwartet. Die Trump-Regierung steht in diesem Jahr vor den Zwischenwahlen um die Mehrheit im Kongress. Hohe Energiepreise und hartnäckige Inflation sind das Letzte, was sie dabei gebrauchen kann. Das könnte den politischen Willen stärken, den Iran-Konflikt so schnell wie möglich beizulegen. Gelingt das, könnte das Zinspendel rasch wieder in die andere Richtung ausschlagen, weg von Zinserhöhungserwartungen hin zu möglichen Senkungen. Für Gold wäre das ein starkes Erholungssignal.

Wie weit kann der Goldpreis noch fallen?

Setzt der Goldpreis unterdessen seine Korrektur fort, ist das März-Tief bei knapp unter 4.100 US-Dollar die nächste Bewährungsprobe. Hält auch diese Unterstützung nicht, rückt das Korrekturtief vom Oktober 2025 bei 3.887 US-Dollar ins Blickfeld. Darunter wird es zunächst dünn. Eine nennenswerte Haltezone findet sich erst wieder im Bereich von 3.400 bis 3.500 US-Dollar, gebildet durch die Verlaufshochs der Konsolidierungsphase zwischen April und August 2025, die damals als Widerstand fungierten und nun als potenzielle Auffanglinie dienen könnten. Ein Rückfall in diese Zone würde einem Gesamtverlust vom Allzeithoch von rund 40 Prozent entsprechen. Doch was erwarten die Analysten?

Commerzbank und Metals Focus sehen die Korrektur als vorübergehend

Zu den Häusern, die sich jüngst mit aktualisierten Einschätzungen zu Wort gemeldet haben, gehören die Commerzbank und die unabhängige Londoner Edelmetall-Forschungsgruppe Metals Focus. Beide bleiben trotz der aktuellen Schwäche konstruktiv. Die Commerzbank erwartet bis Jahresende einen Goldpreis von rund 4.800 US-Dollar und bis Ende 2027 sogar 5.200 US-Dollar. Metals Focus hat am 4. Juni seinen jährlichen Gold-Focus-Bericht veröffentlicht und prognostiziert für 2026 einen Jahresdurchschnitt von 4.920 US-Dollar. Beide Häuser sehen die aktuellen Belastungen durch den Iran-Krieg und die veränderten Zinserwartungen als vorübergehend an. Sobald der Konflikt gelöst ist und sich das Zinsumfeld wieder normalisiert, dürfte Gold seinen Aufwärtstrend wieder aufnehmen, so die Einschätzung.

Das gemeinsame Argument beider Häuser: Die strukturellen Triebkräfte des Goldes sind intakt. Zentralbanken kaufen weiter, allein im ersten Quartal 2026 erwarben sie laut World Gold Council netto 244 Tonnen. Das liegt leicht unter dem Rekordtempo der Jahre 2022 bis 2024, als die Notenbanken weltweit jeweils mehr als 1.000 Tonnen pro Jahr akkumulierten, entspricht aber in etwa dem Quartalsdurchschnitt dieser außergewöhnlich kauffreudigen Phase. Das Ergebnis dieses jahrelangen Umschichtungsprozesses ist historisch: Laut Europäischer Zentralbank hat Gold nun erstmals US-Staatsanleihen als weltgrößte globale Reserveanlage nach Marktanteil überholt.

Rekordverschuldung und Geldentwertung: Das strukturelle Fundament der Goldhausse

Hinter diesem Umschichtungsprozess steckt mehr als geopolitische Nervosität. Der eigentliche strukturelle Treiber ist globaler Natur und baut sich seit Jahren auf, nämlich der weltweit immer höhere Schuldenberg. Die gesamte weltweite Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Haushalten hat laut Institute of International Finance Ende 2025 mit 348 Billionen US-Dollar einen neuen Rekord erreicht. Vor zehn Jahren lag dieser Wert noch bei rund 200 Billionen US-Dollar, ein Anstieg von rund 75 Prozent in einem Jahrzehnt. Besonders ausgeprägt ist die Lage in den USA, wo die Staatsverschuldung aktuell bei rund 39 Billionen US-Dollar liegt. Vor zehn Jahren waren es noch 18 Billionen US-Dollar. Wer so viele Schulden angehäuft hat, kann sie langfristig nur auf einem Weg bedienen: durch Inflation, durch die schleichende Entwertung des Geldes. Für Gold, das nicht beliebig vermehrt werden kann, ist das ein strukturelles Kaufargument.

Marathon statt Sprint: Was Anleger jetzt bedenken sollten

Bärenmarkt und Einstiegschance schließen sich nicht aus. Gold ist technisch angeschlagen, die kurzfristigen Risiken sind real, und wer jetzt kauft, muss mit weiteren Rücksetzern rechnen. Gleichzeitig haben sich die strukturellen Gründe, die Gold in den vergangenen Jahren angetrieben haben, durch den Iran-Krieg und die damit verbundenen Zinssorgen nicht aufgelöst, sondern allenfalls vorübergehend überlagert. Der Schuldenberg wächst weiter, das Vertrauen in Papierwährungen erodiert, und die Zentralbanken kaufen Gold in einem historisch außergewöhnlichen Tempo. Das sind keine kurzfristigen Trends. Wer Gold als langfristiges Absicherungsinstrument betrachtet und einen langen Atem mitbringt, könnte die aktuelle Schwäche tatsächlich als das sehen, was Korrekturen in starken Aufwärtstrends häufig sind: eine Gelegenheit. Wer hingegen auf schnelle Gewinne hofft, dürfte die falsche Erwartung an das Edelmetall haben. Gold war noch nie ein Sprint, sondern immer ein Marathon.

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