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Aktien > Routine mit Risiko

NVIDIA-Aktie: Wenn Rekordgewinne zur trügerischen Routine werden

| Thomas Behnke | Lesezeit: 6 Min.

Jensen Huang mit Brille im Gespräch mit einer Person, deren Rücken zur Kamera zeigt, vor unscharfem rotem Hintergrund.
Jensen Huang, CEO von NVIDIA, beim Treffen von US-Wirtschaftsvertretern mit dem chinesischen Premierminister Li Qiang in Peking im Mai 2026. Im Nachgang des Treffens wurde genehmigt, dass rund zehn chinesische Firmen NVIDIAs H200-Chip kaufen dürfen. (Foto: picture alliance / AP Photo | Go Nakamura)

NVIDIA meldet Rekordgewinne und ein 80-Milliarden-Rückkaufprogramm. Wie attraktiv ist die Aktie noch, was bedeutet die China-Frage und warum geht das Indexschwergewicht jeden ETF-Anleger etwas an?

Irgendwann gewöhnt man sich an alles. Auch daran, dass ein Unternehmen quartalsweise Umsätze meldet, die vor drei Jahren noch wie Science-Fiction geklungen hätten. NVIDIA hat gestern Abend 81,6 Milliarden US-Dollar Umsatz gemeldet, 85 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Der Markt reagierte mit einem müden Schulterzucken. Die Aktie gab nachbörslich leicht nach. Offenbar war selbst das nicht genug. Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen, denn hinter den Zahlen stecken Fragen, die für Anleger mindestens so interessant sind wie die Rekorde selbst.

Neue Bestwerte bei den Ergebnissen und ein gigantisches Rückkaufprogramm

Das jüngste Quartal verlief, wie so oft bei NVIDIA, beeindruckend. Das kräftige Umsatzplus wurde vor allem vom Rechenzentrumsgeschäft getragen, das mit 75,2 Milliarden US-Dollar um 92 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegte. Gleichzeitig stiegen Gewinn und Cashflow und erreichten neue Rekorde. Ein Trend, der sich wohl fortsetzen dürfte. Die Prognosen für das laufende Quartal erwarten weitere Zuwächse und neue Bestwerte. Die Aktionäre können sich also einmal mehr über starke Zahlen freuen. Die von einem auf 25 US-Cent je Aktie prozentual deutlich angehobene Dividende ging dagegen nahezu unter. Wohl auch, weil diese Ausschüttung gerade einmal einer Mini-Dividendenrendite von 0,1 Prozent entspricht.

Zwar beträgt die Dividendenzahlung rund 6,1 Milliarden US-Dollar. Das ist jedoch nichts im Vergleich zum angekündigten neuen Aktienrückkaufprogramm. Zu den rund 39 Milliarden, die noch aus dem laufenden Programm übrig sind, kommen rund 80 Milliarden US-Dollar hinzu. Zum Vergleich: Dieses Volumen entspricht nach aktuellem Kurs rund 69 Milliarden Euro. NVIDIA kauft damit soeben einmal eigene Aktien in einem Umfang, der fast dem gesamten Börsenwert von Infineon entspricht. Deutschlands größter Chiphersteller hat derzeit eine Marktkapitalisierung von rund 77 Milliarden Euro. Das unterstreicht einmal mehr die schiere Dimension, die der US-Konzern als weltweit größter Halbleiterhersteller inzwischen aufweist.

Ist die NVIDIA-Aktie bei dieser Bewertung noch attraktiv?

Trotz dieser Superlative gibt es eine Frage, die sich Anleger bei NVIDIA regelmäßig stellen: Ist die Aktie bei dieser Bewertung überhaupt noch attraktiv? Mit einer Marktkapitalisierung von rund 5.410 Milliarden US-Dollar ist NVIDIA das wertvollste Unternehmen der Welt. Der operative Cashflow des letzten Quartals lag bei rund 36,2 Milliarden US-Dollar. Hochgerechnet auf ein Jahr wären das rund 145 Milliarden US-Dollar. Die durchschnittlichen Markterwartungen für das laufende Gesamtjahr 2026/27 (bis Ende Januar) gehen von rund 190 Milliarden US-Dollar aus. Das wären deutlich mehr als im Vorjahr mit 102,7 Milliarden US-Dollar. Auf Basis dieser Schätzungen lässt sich ein Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV) von rund 28 ermitteln. Legt man die Erwartungen für die nächsten beiden Geschäftsjahre 2027/28 und 2028/29 von über 250 bzw. fast 300 Milliarden US-Dollar, sinkt das KCV auf 21,6 bzw. 18,3.

Das ist für ein Technologieunternehmen mit diesem Wachstumstempo keine absurde Bewertung, sondern wirkt sogar eher attraktiv. Allerdings sind diese Berechnungen mit erheblichen Unsicherheiten verbunden, und ein ausgewiesenes Schnäppchen ist die Aktie in keinem Szenario. Und genau hier liegt auch die Crux des Rückkaufprogramms: Aktienrückkäufe bei einer solchen Bewertung sind nicht unumstritten. Kritiker argumentieren, dass das Kapital in Forschung, Infrastruktur oder Akquisitionen besser angelegt wäre. Befürworter halten dagegen, dass NVIDIA schlicht so viel Geld verdient, dass beides möglich ist.

Vera Rubin greift den CPU-Markt an

Dabei steht NVIDIA nicht still. Während Blackwell, NVIDIAs aktuelle Chip-Generation, die Nachfrage kaum bedienen kann, arbeitet der Konzern mit Vera Rubin bereits an der nächsten. Benannt nach der amerikanischen Astronomin, die in den 1970er Jahren den ersten überzeugenden Beweis für die Existenz dunkler Materie lieferte, soll diese Generation ab dem dritten Quartal in Produktion gehen. NVIDIA-Chef Jensen Huang, wie sollte es anders sein, ist davon überzeugt, dass die Chips noch erfolgreicher werden als Grace Blackwell.

Gleichzeitig greift der Konzern einen Markt an, der bislang von Intel und AMD dominiert wird: den CPU-Markt. Mit dem neuen Vera-Prozessor adressiert das Unternehmen nach eigenen Angaben einen zusätzlichen Markt von rund 200 Milliarden US-Dollar. Huang selbst erwartet in diesem Jahr bereits fast 20 Milliarden US-Dollar Umsatz mit Stand-alone-CPUs und stellt damit nichts Geringeres in Aussicht, als NVIDIA zum weltweit führenden CPU-Anbieter zu machen. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Aber die Richtung ist klar: NVIDIA dehnt seinen Einfluss systematisch auf jeden Winkel der KI-Infrastruktur aus.

China fehlt, und trotzdem läuft es prächtig

Dabei läuft das Geschäft trotz des erzwungenen China-Ausfalls so stark. Das Land, einst eine wichtige Absatzregion für den Konzern, ist durch US-Exportbeschränkungen als Kunde für KI-Chips faktisch weggefallen. Huang formulierte es beim Earnings Call ganz offen: NVIDIA habe den chinesischen Markt „weitgehend an Huawei abgetreten", nicht aus freien Stücken, sondern weil der Konzern schlicht keine Chips mehr liefern darf. Für das laufende Quartal erwartet NVIDIA keinerlei Umsatz aus dem chinesischen Rechenzentrumsgeschäft. Das macht die letzten Quartalszahlen umso beeindruckender. Der Rest der Welt kompensiert den Ausfall nicht nur, er übertrifft ihn bei weitem.

Das oft zitierte China-Risiko hat damit deutlich an Schrecken verloren. Denn die mit diesem Markt verbundenen Unsicherheiten sind nun faktisch nicht mehr vorhanden. Vielmehr könnte China nun positives Überraschungspotenzial beinhalten, sollte dieser Markt doch wieder von den Amerikanern bedient werden dürfen. Und genau das ist nicht mehr völlig ausgeschlossen. Huang war Teil der US-Delegation beim Trump-Xi-Gipfel in China im Mai, kurzfristig und persönlich von Trump eingeladen. Im Nachgang wurde genehmigt, dass rund zehn chinesische Firmen, darunter Alibaba, Tencent und ByteDance, NVIDIAs H200-Chip kaufen dürfen. Geliefert wurde bislang noch nichts, der Deal steckt in einer rechtlichen Grauzone. Aber die Richtung könnte sich ändern.

Warum NVIDIA jeden Anleger etwas angeht

Die NVIDIA-Aktie notiert derzeit knapp 6 Prozent unter ihrem Allzeithoch. Dass sie dort überhaupt steht, obwohl China als Markt weitgehend ausgefallen ist, sagt eigentlich alles über die Stellung des Unternehmens und das aktuell besonders positive Geschäftsumfeld. Und sollte China als Markt tatsächlich zurückkommen, hätte die Aktie noch eine Karte, die bislang nicht gespielt wurde.

Trotz aller Wachstumsfantasie und des nicht enden wollenden Aufwärtstrends sollte man sich jedoch nicht von dem Gewöhnungseffekt einlullen lassen. Wenn alle glauben, dass die Ergebnisse immer weiter steigen, können negative Überraschungen schnell viele Investoren auf dem falschen Fuß erwischen. Aktuell sieht es zwar nicht nach solchen Störfeuern aus und der Aktienkurs nahe Allzeithoch ist eher ein Zeichen von Stärke als von Schwäche. Aber nichts ist überraschender als eine negative Überraschung. Gerade an der Börse kommt es immer wieder zu solchen Momenten, besonders dann, wenn alle daran glauben, dass sich die positive Entwicklung ohne Unterbrechungen fortsetzt.

Und das alles ist nicht nur für die Aktionäre des Halbleiterherstellers relevant. Denn NVIDIA ist längst keine gewöhnliche Aktie mehr. Mit einem Gewicht von rund 8,5 Prozent im S&P 500 und rund 9 Prozent im NASDAQ-100 ist der Konzern für jeden Anleger relevant, der auf breite US-Markt-ETFs setzt, ob er will oder nicht. Was mit NVIDIA passiert, passiert mit dem Depot von Millionen Anlegern weltweit. Das allein ist Grund genug, die Aktie im Blick zu behalten, auch wenn man sie selbst nicht direkt gekauft hat.

NVIDIA

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