Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
ETFs & Fonds > Bärenmarkt

Bitcoin unter Druck: Rekordabflüsse, extreme Angst und trotzdem Kaufchance?

| Thomas Behnke | Lesezeit: 6 Min.

Michael Saylor steht in dunklem Outfit auf einer Bühne, im Hintergrund eine beleuchtete Präsentationsleinwand mit einer historischen Dampflokomotive.
Michael Saylor, Executive Chairman von Strategy, spricht auf der Bitcoin 2026 Conference in Las Vegas. Strategy hält rund 847.000 Bitcoin und ist damit der größte börsennotierte Bitcoin-Halter der Welt. (Foto: picture alliance / Travis P Ball/Sipa USA)

Bitcoin hat in den letzten Monaten mehr als 50 Prozent verloren, der Fear-and-Greed-Index steht bei extremer Angst. Rekordabflüsse aus ETFs und drohende Strategy-Verkäufe erhöhen den Druck. Ist das eine Einstiegschance?

Es herrscht Angst, extreme Angst. Wer den Bitcoin in den vergangenen Monaten beobachtet hat, wird nicht überrascht sein. Die größte Kryptowährung der Welt befindet sich in einem ausgewachsenen Bärenmarkt, die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, und die Abflüsse aus Bitcoin-Produkten erreichen Rekordniveaus. Genau in solchen Phasen stellt sich für Anleger unweigerlich die Frage: Ist das der Moment, in dem langfristig orientierte Investoren einsteigen sollten, auch wenn vielleicht noch mehr Ungemach droht?

Wenn Angst den Markt regiert

Der deutliche Einbruch des Bitcoins (BTC) in den letzten Monaten braucht eigentlich keine weitere Bestätigung für die derzeit schlechte Stimmung unter den Krypto-Fans. Der Chart spricht für sich. Dennoch gibt der CMC Crypto Fear and Greed Index einen weiteren Einblick in die Gemütslage der Bitcoin-Anhänger. Es gab zwar im Mai bereits tiefere Werte, aktuell notiert der Index mit 18 aber unter der Marke von 20 und liegt damit im Bereich der extremen Angst. In der Börsenhistorie haben sich solche Phasen, in denen große Angst vorherrscht, oft als Kontraindikatoren erwiesen. Aber gilt das auch für Bitcoin?

60.000 US-Dollar: Die Marke, die alles entscheidet

Der Blick auf den Kursverlauf ist ernüchternd. Seit dem Allzeithoch im Oktober hat der Bitcoin um mehr als 50 Prozent verloren. Ein eindeutiger Bärenmarkt, daran besteht kein Zweifel. Das vorläufige Tief wurde im Februar dieses Jahres mit rund 60.000 US-Dollar markiert. Es folgte zwar eine Erholung bis Mai auf über 82.000 US-Dollar, doch seit diesem Zwischenhoch steht der Bitcoin-Kurs erneut unter Druck. Anfang Juni wurde das Tief von Februar erreicht und kurzzeitig unterschritten, erwies sich aber zunächst als gute Unterstützung.

Durch den neu einsetzenden Abwärtsdruck seit Mitte Juni hat der Bitcoin seine 60.000er-Marke erneut getestet und war am 24. Juni sogar auf rund 59.000 US-Dollar gefallen. Aktuell notiert der Kurs bei rund 61.700 US-Dollar. Ein Unterschreiten der potenziellen Unterstützung bei 60.000 US-Dollar konnte damit bislang vermieden werden. Die Gefahr ist aber noch nicht gebannt, ein nachhaltiger Bruch könnte eine neue Verkaufswelle auslösen. Die charttechnische Konstellation ist damit äußerst spannend. Folgt als nächstes eine Erholungsbewegung, wobei das Zwischenhoch von Mai bei über 82.000 US-Dollar ein mögliches Ziel wäre? Oder sehen wir eine weitere Abwärtswelle, die vielleicht das markante Tief von August 2024 bei knapp über 49.000 US-Dollar ansteuert?

Rekordabflüsse belasten den IBIT und den gesamten Markt

Ein Blick hinter die Kulissen spricht für mehr als nur vorübergehende Schwäche. Es hat sich eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die noch nicht gebrochen ist. Hinter der aktuellen Talfahrt des Bitcoin stecken massive Abflüsse aus Bitcoin-Produkten. So zogen Anleger in den vergangenen 30 Tagen insgesamt 6,4 Milliarden US-Dollar aus US-Produkten ab, der größte Abfluss innerhalb eines Monats seit dem Start dieser Anlagevehikel Anfang 2024. Damit sind die kumulierten 12-Monats-Zuflüsse in Kryptofonds auf 5 Milliarden US-Dollar gesunken, nachdem sie im Oktober 2025 noch 10 Milliarden US-Dollar betragen hatten. Diese Entwicklung und die Talfahrt des Bitcoin zeigen sich auch beim prominentesten Vertreter, dem iShares Bitcoin Trust (ISIN: US46438F1012, Symbol: IBIT), der zugleich das größte Anlagevehikel im gesamten Krypto-Universum ist. Das verwaltete Volumen liegt derzeit bei über 45 Milliarden US-Dollar. Ende April waren es noch mehr als 62 Milliarden US-Dollar. Deutlicher lässt sich das nachlassende Interesse am Bitcoin kaum zeigen.

Wie lange dauert die Abwärtsspirale noch an?

Die Abflüsse aus Bitcoin-Produkten sind dabei nur ein Baustein der Abwärtsspirale. Der dadurch ausgelöste Druck auf den BTC-Kurs hat offenbar auch mehrere große Krypto-Unternehmen und Institutionen dazu bewogen, ihre Bestände zu reduzieren. Berichten zufolge haben unter anderem Kryptobörsen und -Plattformen wie Coinbase Global, Kraken und Binance Bitcoin verkauft. Welche Gründe sie dafür haben, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Tatsache an sich ist aber ein weiterer Faktor, der zur negativen Stimmung beiträgt. Hinzu kommen Berichte über massive Liquidationen von Bitcoin-Positionen, wenn sich Anleger verspekuliert haben, etwa mit stark gehebelten Produkten, und ihre hinterlegten Sicherheitsleistungen nicht mehr ausreichen. Die Anbieter solcher Produkte schützen sich, indem sie Positionen bei bestimmten Voraussetzungen zwangsweise schließen. Solche Zwangsverkäufe drücken die Preise weiter nach unten und beschleunigen die Panik am Markt. Eine Dynamik, die derzeit deutlich zu beobachten ist und das Potenzial hat, weiteren Druck auf den Bitcoin-Kurs auszulösen.

Strategy: Wenn das größte Bitcoin-Depot zum Risiko wird

Einen weiteren, potenziell unterschätzten Risikofaktor stellt Strategy dar. Das von Michael Saylor gegründete Unternehmen hält aktuell rund 847.000 Bitcoin und ist damit der mit Abstand größte börsennotierte Bitcoin-Halter der Welt. Strategy hat seinen Bestand über Jahre durch die Ausgabe von Wandelanleihen und Vorzugsaktien finanziert, die zusammen Verbindlichkeiten von mehreren Milliarden US-Dollar bedeuten. Lange Zeit galt das Credo, Bitcoin niemals zu verkaufen, als unverrückbares Dogma. Seit Mai 2026 ist auch das Geschichte: Saylor selbst räumte ein, dass Verkäufe nicht mehr ausgeschlossen sind. Die Wettplattform Polymarket bezifferte die Wahrscheinlichkeit, dass Strategy noch in diesem Jahr Bitcoin veräußert, zuletzt auf 98 Prozent, im Mai waren es noch unter 10 Prozent. Sollte der Kurs weiter fallen und der Druck auf die Kapitalstruktur steigen, könnten Verkäufe in einem Umfang drohen, der den Markt empfindlich treffen würde. Strategy ist dabei nicht allein: Auch andere börsennotierte Unternehmen, die in den vergangenen Jahren massiv Bitcoin auf die Bilanz genommen haben, stehen vor ähnlichen Fragen.

Bärenmarkt als Chance: Was langfristige Anleger jetzt abwägen

Was also tun in diesem von schlechter Stimmung geprägten Umfeld? Sind das jetzt langfristig gute Einstiegskurse? Die Antwort hängt letztlich vom Zeithorizont und dem Zweck ab. Kurzfristig ist das Bild trüb: Das Sentiment ist auf dem Tiefpunkt, die Abwärtsspirale noch nicht gebrochen, und weitere Verkaufswellen sind nicht ausgeschlossen. Gleichzeitig hat Bitcoin inzwischen einen Stellenwert erreicht, den kaum jemand vor wenigen Jahren für möglich gehalten hätte. Institutionelle Anleger, Staatsfonds und börsennotierte Unternehmen halten Bitcoin auf der Bilanz. Produkte wie der IBIT oder die in Deutschland zugänglichen Bitcoin-ETPs, etwa CoinShares Physical Bitcoin (ISIN: GB00BLD4ZL17), iShares Bitcoin (ISIN: XS2940466316) oder Bitwise Core Bitcoin (ISIN: DE000A4AER62), haben den Zugang zur Anlageklasse grundlegend vereinfacht. Hinzu kommt, dass der in den USA diskutierte CLARITY Act dem Markt langfristig mehr Rechtssicherheit bringen könnte. Was das Gesetz konkret bedeutet und wie weit es ist, haben wir in einem separaten Artikel beleuchtet.

Das strukturelle Argument bleibt derweil unverändert: In einer Welt, in der Kaufkraft durch Inflation schleichend erodiert, sucht Kapital weltweit nach Alternativen außerhalb des Fiat-Geldsystems. Bitcoin gilt als eine davon. Wer diese Einschätzung teilt und Bitcoin als Instrument des Kapitalerhalts betrachtet, für den könnte der aktuelle Bärenmarkt die Gelegenheit sein, sich langfristig zu positionieren, auch wenn man sich dabei des Risikos weiterer deutlicher Rückgänge bewusst sein muss.

Nichts verpassen: Der kostenlose Newsletter der BÖRSE am Sonntag liefert Ihnen wöchentlich Marktanalysen, Unternehmensnews und Anlagestrategien direkt ins Postfach.
Jetzt kostenlos abonnieren!

bevorzugte Quelle 

Börse am Sonntag als bevorzugte Quelle festlegen

Sie möchten Finanz- und Wirtschaftsnachrichten von Börse am Sonntag häufiger bei Google sehen?

Bei Google bevorzugen

Ähnliche Artikel