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Märkte > Überhitzen die US-Börsen?

Kreditfinanzierte Aktienkäufe erreichen Allzeithoch

| Oliver Götz

Ein Börsenhändler sitzt im Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse vor seinen Monitoren.
Übertreiben es Anleger und Investoren mit Aktienkäufen auf Pump? (Foto: picture alliance/dpa | Arne Dedert)

In den USA kaufen Anleger in großem Stil Aktien auf Pump. 1,3 Billionen geliehene Dollar stecken im Markt. Gerät da etwas aus den Fugen?

An den Aktienmärkten herrscht Euphorie. Der S&P 500 hat in der zweiten Hälfte des ersten Börsenhalbjahres mehrfach neue Höchststände erreicht, Technologie- und insbesondere Chip-Aktien jagen von einem Kursrekord zum nächsten. KI hat an der Wall Street einen neuen Investitionsboom ausgelöst.

Hinter den steigenden Kursen und vielfach auch steigenden Gewinnen der Unternehmen, entwickelt sich derweil etwas, das erfahrene Marktbeobachter zunehmend nervös macht: Anleger finanzieren ihre Aktienkäufe in historischem Ausmaß auf Kredit. Nach Daten der US-Aufsichtsbehörde Finra haben Anleger in den Vereinigten Staaten derzeit rund 1,3 Billionen US-Dollar geliehenes Geld in Aktien investiert. Das ist nicht nur ein neuer Höchststand. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von mehr als 50 Prozent. Diese Schuldenexplosion könnte sich als einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Börsen in den kommenden Monaten entpuppen. Denn kreditfinanzierte Aktienkäufe verstärken nicht nur Kursanstiege – sie können im Ernstfall auch Kursstürze beschleunigen.

Hebel wirken in beide Richtungen

Das Prinzip dahinter ist einfach: Anleger hinterlegen eigenes Kapital und leihen sich zusätzlich Geld von ihrer Bank, um größere Positionen aufzubauen. Dadurch steigt die potenzielle Rendite. Wer beispielsweise 100.000 Dollar Eigenkapital einsetzt und zusätzlich denselben Betrag leiht, investiert insgesamt 200.000 Dollar am Markt. Steigen die Kurse um zehn Prozent, erzielt der Investor auf sein eingesetztes Kapital nicht zehn, sondern fast zwanzig Prozent Gewinn. Dieser Hebeleffekt wirkt in Haussephasen wie ein Turbo. Und die vergangenen Jahre haben Anleger darin bestätigt, dass sich damit mächtig Rendite erzielen lässt. Trotz Pandemie, geopolitischer Krisen, Inflation und Zinsschocks ging es an den US-Börsen langfristig kräftig nach oben. Wer aggressiv investiert blieb, wurde meist belohnt.

Doch Hebel wirken in beide Richtungen. Sobald Kurse fallen, beginnen die Risiken exponentiell zu steigen. Dann kommt ein Begriff ins Spiel, den viele Anleger erst kennenlernen, wenn es bereits zu spät ist: der Margin Call.

Ein Margin Call entsteht, wenn der Wert des Depots so weit fällt, dass die hinterlegten Sicherheiten nicht mehr ausreichen, um den Kredit abzusichern. Anleger müssen zusätzliches Kapital als Sicherheiten aufbringen und Positionen abverkaufen. Verkäufe erfolgen dann nicht aus Überzeugung, sondern aus Zwang. Dadurch können sich Rückgänge an den Märkten selbst verstärken. Sinkende Kurse lösen Margin Calls aus, Margin Calls führen zu weiteren Verkäufen, diese drücken die Kurse erneut – und erzeugen neue Margin Calls.

Aus einer Korrektur machen Margin Calls schnell einen Crash

Was zunächst wie eine normale Korrektur beginnt, kann sich dadurch innerhalb kurzer Zeit zu einem massiven Abverkauf entwickeln. Historisch betrachtet ist das kein theoretisches Risiko. Wie das Handelsblatt herausgefunden hat, waren vor mehreren der großen Börseneinbrüche der vergangenen Jahrzehnte außergewöhnlich hohe Kreditquoten am Aktienmarkt zu beobachten. Vor dem Platzen der Technologieblase Anfang der 2000er-Jahre stiegen die kreditfinanzierten Aktienpositionen stark an. Ähnliche Entwicklungen waren vor der Finanzkrise 2008 zu beobachten. Auch vor den massiven Verwerfungen während der Corona-Zeit erreichte die Hebelung hohe Niveaus.

Besonders aufmerksam werden Marktbeobachter derzeit, weil nicht nur die absoluten Kreditvolumina steigen, sondern auch der Verschuldungsgrad im Verhältnis zur Geldmenge in den USA. Dieses Verhältnis bewegt sich inzwischen auf Niveaus, die historisch vor allem aus Phasen extremer Marktübertreibung bekannt sind.

Anleger sollten die Gewinnerwartungen der Hyperscaler im Auge behalten

Das allein bedeutet zwar noch keinen Crash. Denn hohe Kreditquoten können in starken Bullenmärkten lange bestehen bleiben. Oft steigen sie sogar noch weiter an. Aber sie machen das System empfindlicher. Und aktuell gibt es durchaus Auslöser, die Anleger aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Der Technologiesektor ist hoch bewertet und viele Erwartungen rund um Künstliche Intelligenz sind ambitioniert. Gleichzeitig bleiben geopolitische Risiken präsent – vom Nahen Osten über Energiepreise bis hin zur Geldpolitik der US-Notenbank. Sollten die Gewinnerwartungen großer Technologieunternehmen enttäuschen oder sich die Wachstumsdynamik verlangsamen, könnten gerade jene Bereiche unter Druck geraten, die zuletzt besonders stark von Kreditkäufen profitiert haben.

Für Anleger bedeutet das keinesfalls, jetzt panisch aussteigen zu müssen. Aber die die Rekordwerte bei kreditfinanzierten Aktienkaufen sprechen dafür, etwas vorsichtiger und achtsamer zu werden.  Nicht jede Rally endet mit einem Crash. Aber wenn einer kommt, beginnt er oft dort, wo Anleger überzeugt waren, dass Kurse nur noch steigen können.

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