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Lebensart > Turnier der Zeitverschiebung

Fußball-WM 2026: Wer gewinnt, wenn Deutschland schläft

| Britta Kuschnigg | Lesezeit: 4 Min.

Mann in weißem DFB-Trikot schläft auf einem Campingstuhl, umgeben von leeren schwarz-rot-goldenen Klappstühlen auf einer Fanmeile.
Fan im DFB-Trikot schläft auf einem Campingstuhl inmitten leerer schwarz-rot-goldener Stühle auf einer Fanmeile. Die Zeitverschiebung der WM 2026 in Nordamerika könnte für viele Gastronomen und Public-Viewing-Veranstalter zum Problem werden. (Foto: picture alliance / Caro | Meyerbroeker)

Fußball-WM 2026 in Nordamerika: Die Zeitverschiebung entscheidet, welche Branchen profitieren. Was Sporthandel, Gastronomie und Konjunktur erwartet.

Montagnacht, 2.47 Uhr. In einer Sportbar in Frankfurt fiebern einige Dutzend Fans dem entscheidenden Tor der deutschen Nationalmannschaft entgegen. Zwei Straßen weiter sind die Rollläden längst unten. Der Bäcker schläft. Der Einzelhändler schläft. Die halbe Republik schläft. Und genau deshalb könnte diese Fußball-WM für viele Unternehmen schlechter laufen als jede Weltmeisterschaft zuvor.

Während frühere Turniere Deutschland in ein einziges Freiluft-Wohnzimmer verwandelten, findet die WM diesmal in den USA, Kanada und Mexiko statt. Die Zeitverschiebung macht aus dem traditionellen Sommermärchen ein Mitternachtsmärchen. Und das entscheidet darüber, welche Unternehmen gewinnen – und welche leer ausgehen.

400 Millionen Euro liegen auf dem Spielfeld

Die Rechnung klingt zunächst verlockend. Nach Berechnungen des Institut der deutschen Wirtschaft (IW) könnte die Fußball-WM zusätzliche Umsätze von rund 400 Millionen Euro auslösen. Geld, das vor allem in Gastronomie, Lebensmittelhandel, Elektronikmärkte, Brauereien und den Sportartikelhandel fließen könnte. Doch anders als 2006 verteilt sich dieser Geldregen nicht gleichmäßig. Für die Gesamtwirtschaft ist das kein Konjunkturfeuerwerk. Für einzelne mittelständische Unternehmen kann es jedoch den Unterschied zwischen einem durchschnittlichen und einem außergewöhnlich guten Sommer bedeuten. Darum wird diese WM eher wie ein Rasensprenger wirken: Einige Flächen werden kräftig bewässert, andere bleiben erstaunlich trocken.

Das letzte Adidas-Trikot: Warum der Sporthandel 2026 besonders profitiert

Wie bei jeder WM hofft auch der Sporthandel auf klingelnde Kassen – 2026 sogar mehr als sonst. Denn dieses Turnier markiert das Ende einer Fußball-Ehe, die fast so legendär ist wie die von Helmut und Loki Schmidt. Nach mehr als sieben Jahrzehnten trennt sich der DFB von Adidas, ab 2027 übernimmt Nike. Für viele Fans wird das aktuelle Nationaltrikot deshalb zum Erinnerungsstück einer Ära. Schließlich gewann Deutschland alle vier Weltmeistertitel – 1954, 1974, 1990 und 2014 – in Trikots mit den drei Streifen. Händler wie Sport 2000 rechnen deshalb mit spürbar steigenden Verkaufszahlen. Für manche Fans könnte das letzte Adidas-WM-Trikot sogar wichtiger sein als das Endergebnis auf dem Platz.

Nike stattet bereits heute zahlreiche Titelkandidaten wie Brasilien, Frankreich, England, Portugal, die Niederlande und Gastgeber USA aus. Adidas setzt unter anderem auf Argentinien, Spanien und Deutschland. Für die Konzerne ist die WM nicht nur ein Sportereignis, sondern eine globale Marketingplattform mit Milliardenpublikum. Jeder Titelgewinn steigert den Wert einer Marke weit über den eigentlichen Trikotverkauf hinaus.

Hinzu kommen Fernseher, Soundbars, Grills, Snacks und Getränke. Die WM verwandelt viele Wohnzimmer für einige Wochen in private Stadien. Ein weiterer Gewinner sitzt oft nicht im Stadion, sondern im Smartphone. Während Fans auf Tore und Titel hoffen, freuen sich Wettanbieter über zusätzliche Einsätze. Große Fußballturniere zählen regelmäßig zu den wichtigsten Umsatztreibern der Branche.

Die Weltmeisterschaft ist damit längst mehr als ein Fußballturnier. Sie ist eine fünfwöchige Werbe- und Konsummaschine, in der Ausrüster, Sponsoren und Händler um Aufmerksamkeit kämpfen. Jeder Sieg der deutschen Mannschaft verlängert den Konsum.

Nachtspiele, leere Kneipen: Warum Gastronomen diesmal leer ausgehen könnten

Die Fußball-WM 2026 hat einen ungewöhnlichen Gegner: die Zeitverschiebung. Normalerweise gehören Sportbars, Kneipen, Biergärten und Public-Viewing-Veranstalter zu den großen Gewinnern eines Turniers. Diesmal könnte die Rechnung anders aussehen. Viele Spiele werden erst spät am Abend oder sogar mitten in der Nacht angepfiffen. Was für eingefleischte Fans ein Fest ist, kann für Wirte zum Problem werden. Denn um zwei Uhr morgens bestellt kaum jemand noch eine zweite Portion Pommes.

Der legendäre Biergarten-Boom des Sommermärchens 2006 dürfte deshalb weitgehend ausbleiben. Die WM findet statt – aber große Teile Deutschlands schlafen bereits.

Fußball und Konjunktur: Was sagen die Daten wirklich?

Dabei sorgt Fußball durchaus für wirtschaftliche Bewegung. Eine Analyse des ifo Instituts zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit positiver Geschäftserwartungen in den Monaten vor einer Welt- oder Europameisterschaft um rund sechs Prozentpunkte steigt. Für ihre Untersuchung werteten die Forscher rund 2,2 Millionen Unternehmensmeldungen aus Industrie, Handel und Dienstleistungssektor aus 17 internationalen Turnieren zwischen 1991 und 2024 aus.

Das klingt zunächst überraschend. Doch Wirtschaft folgt nicht nur Zahlen, sondern auch Stimmungen. Wenn Millionen Menschen gemeinsam mitfiebern, steigt oft die Konsumlaune. Unternehmen blicken optimistischer nach vorn, Verbraucher greifen leichter zum Portemonnaie.

Der Haken: Euphorie hat ein Ablaufdatum. „Die Vorfreude auf ein großes Turnier wirkte sich bisher oft positiv auf die Erwartungen in den Chefetagen aus. Der Effekt ist aber eher klein und klingt innerhalb von sechs Monaten nach Ende des Turniers ab“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen.

Nur der Titel zählt: Der Wirtschaftseffekt einer Weltmeisterschaft

Für Deutschland kommt noch eine weitere Besonderheit hinzu. Der eigentliche wirtschaftliche Jackpot liegt nicht im Achtelfinale, nicht im Halbfinale und nicht einmal im Finale – sondern im Titelgewinn. Nur Weltmeisterländer verzeichnen laut den Forschern gelegentlich einen dauerhaft messbaren Wachstumseffekt. Oder anders gesagt: Zwischen Elfmeterschießen und Bruttoinlandsprodukt gibt es tatsächlich eine Verbindung. Doch für die meisten Länder hält sie nicht länger als die letzte Konfettiwolke nach dem Abpfiff.

Für die deutsche Wirtschaft wird die WM 2026 deshalb zu einer Art Selektionsspiel. Einige Branchen treffen ins Tor, andere nur den Pfosten. Und viele Gastronomen dürften feststellen: Der größte Konkurrent ihres Public Viewings ist diesmal nicht die Konkurrenz von nebenan – sondern der Wecker am nächsten Morgen.

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