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BofA-Analysten raten zu Gewinnmitnahmen: „Zu viele Red Flags“

| Oliver Götz

Börsenhändler.
Kippt an der Wall Street schon bald die Stimmung? (Foto: orhan akkurt / Shutterstock)

Eine Bank of America Securities-Studie zählt vermehrt Signale, die im S&P 500 einen Bärenmarkt einleiten könnten. Sollten Anleger verkaufen?

Trotz des jüngsten Rückschlags ist der S&P 500 in nicht einmal drei Monaten um 1.000 Punkte gestiegen – eine mehr als beeindruckende Rally. Erst Anfang Juni markierte der marktbreite US-Index ein neues Rekordhoch bei 7.619 Punkten. Robuste Unternehmensgewinne und der anhaltende KI-Boom versetzten Anleger immer wieder in neue Kauflaune. Doch genau dieser nicht enden wollende Optimismus sorgt nun bei einer der bekanntesten Strateginnen der Wall Street für Skepsis. Savita Subramanian, US-Aktien-Analystin bei der Bank of America (BofA), sieht zunehmend Warnsignale und empfiehlt Investoren, zumindest einen Teil der aufgelaufenen Gewinne mitzunehmen.

„Zu viele Red Flags“, schreiben Subramanian und ihr Experten-Team in einer aktuellen BofA-Securities-Studie. Ihre Botschaft ist ungewöhnlich deutlich: Anleger sollten vorsichtiger werden. Zwar erwartet die Strategin keinen sofortigen Einbruch, doch die Zahl der Signale, die historisch häufig vor größeren Marktspitzen aufgetreten sind, nehme deutlich zu.

70 Prozent der Bärenmarkt-Indikatoren ausgelöst

Nach Einschätzung der Bank of America sind inzwischen rund 70 Prozent der beobachteten Bärenmarkt-Indikatoren ausgelöst. Dieses Niveau entspricht laut den Analysten etwa dem Durchschnitt, der in früheren Marktphasen vor wichtigen Hochpunkten erreicht wurde.

Ein zentraler Kritikpunkt ist die Bewertung des Gesamtmarktes. Der S&P 500 sei auf vielen Kennzahlen historisch teuer. Subramanian nach bewegt sich der Index bei 17 von 20 Bewertungsmaßstäben auf einem ambitionierten Niveau. Besonders auffällig seien die Parallelen zur Technologieblase Ende der 1990er Jahre: Auf acht Kennzahlen betrachtet erscheine der Markt sogar teurer als damals.

Dabei geht es nicht nur um reine Kurs-Gewinn-Verhältnisse. Die BofA-Strategin betrachtet eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren – darunter Verbrauchervertrauen, Wachstumserwartungen, Übernahmeaktivitäten, Kreditbedingungen und Signale aus dem Bankensektor. Besonders die Entwicklung der Kreditvergabe bereitet ihr Sorgen. Die sogenannte Senior Loan Officer Opinion Survey der US-Notenbank zeigte zuletzt, dass sich die Nachfrage nach Krediten weiter abschwächt.

Wenige Tech-Multis tragen den Markt

Auch innerhalb des Aktienmarktes sieht Subramanian zunehmende Spannungen. Der starke Anstieg des S&P 500 verdecke, dass die Rally sehr ungleich verteilt sei. Während einige wenige große Technologieunternehmen den Index nach oben ziehen, hinkt eine breite Gruppe von Aktien deutlich hinterher.

Besonders ausgeprägt sei diese Entwicklung im Technologiesektor. Der Abstand zwischen den besten und schlechtesten Aktien innerhalb der Branche sei so groß wie zuletzt kurz vor dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2000. „Extreme Kursbewegungen können ein Zeichen für zunehmende Instabilität sein“, warnt die Analystin.

Gerade die Konzentration auf wenige Gewinner bereitet der Bank of America Sorgen. Unternehmen aus dem KI-Umfeld profitieren zwar von starken Fundamentaldaten, doch einige wichtige Kennzahlen hätten sich zuletzt verschlechtert. Subramanian verweist unter anderem darauf, dass der freie Cashflow vieler großer Technologieunternehmen durch massive Investitionen belastet werde. Gleichzeitig hätten Aktienrückkäufe, die den Markt in den vergangenen Jahren stark gestützt hatten, an Bedeutung verloren.

Die großen Technologieunternehmen pumpen Milliarden in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur. Diese Ausgaben könnten langfristig Wachstum schaffen – kurzfristig reduzieren sie jedoch die verfügbaren Mittel für andere Maßnahmen wie Aktienrückkäufe.

Trotz ihrer Warnungen ist Subramanian keineswegs grundsätzlich pessimistisch für Aktien. Ihr Punkt ist vielmehr, dass der gesamte Index inzwischen zu einseitig bewertet sein könnte. „Ich mag Aktien, ich mag nur den Index nicht“, erklärte sie zuletzt. Entsprechend sieht sie weiterhin Chancen bei ausgewählten Unternehmen und Branchen.

Ihr Jahresendziel für den S&P 500 liegt bei 7.100 Punkten – und damit sogar unter dem aktuellen Niveau. Statt breit in den Index zu investieren, bevorzugt sie eine selektivere Strategie. Besonders positiv sieht sie Bereiche wie Energie, Finanzwerte, Rohstoffe und defensive Konsumgüter. Dagegen ist sie vorsichtiger bei hoch bewerteten Konsum- und bestimmten Wachstumssegmenten.

Interessant sind dabei auch die historischen Parallelen, auf die Subramanian verweist. Die aktuelle Marktstruktur erinnere in Teilen an Anfang 2020: Energieaktien mit starker Dynamik, hoch bewertete Technologieunternehmen als Marktführer und defensive Konsumwerte am Ende der Rangliste. Gerade Letzteres sei bemerkenswert, denn in früheren Abschwungphasen konnten defensive Branchen anschließend deutlich besser abschneiden. Während der Technologiekrise von 2000 bis 2002 erzielten Konsumwerte beispielsweise eine massive relative Outperformance.

Letzter Abschnitt einer außergewöhnlichen Rally?

Die große Frage für Anleger lautet damit: Ist die aktuelle Stärke des S&P 500 der Beginn einer weiteren Aufwärtswelle – oder der letzte Abschnitt einer außergewöhnlichen Rally? Befürworter der Börsenrally verweisen auf die weiterhin starken Gewinne der Unternehmen und die langfristigen Chancen durch künstliche Intelligenz. Die Warner aus dem Lager der Skeptiker argumentieren dagegen, dass zu viel Optimismus, hohe Bewertungen und eine starke Konzentration auf wenige Gewinner typische Merkmale später Marktphasen seien. Für Anleger könnte deshalb eine Zwischenstrategie sinnvoll sein: Gewinne bei stark gelaufenen Titeln sichern, gleichzeitig aber nicht vollständig aus dem Aktienmarkt aussteigen. Denn selbst Subramanian sieht weiterhin Chancen – nur eben nicht mehr im gesamten Markt auf Autopilot. Nach einer Rally, wie sie der S&P 500 hinter sich hat, könnte selektives Vorgehen wichtiger werden als je zuvor.

 

 

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