Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Märkte > Stärke trotz Zinsdruck

Bytes im Beton: Warum Immobilienaktien 2026 den Markt überraschen

| Thomas Behnke | Lesezeit: 6 Min.

Eine Person von hinten in einem dunklen Serverraum, beleuchtet von blauem Licht der Serverracks.
Mitarbeiter im Rechenzentrum PA10 von Equinix in Saint-Denis bei Paris. Equinix gehört mit über 7 Prozent Gewichtung zu den größten Positionen im US-REIT-ETF XLRE. (Foto: picture alliance / REUTERS / Benoit Tessier)

US-REIT-Sektor auf 52-Wochenhoch: Warum Immobilienaktien trotz 4,2 Prozent Inflation und drohender Zinserhöhungen zu den stärksten Sektoren 2026 zählen.

Die US-Inflation klettert auf 4,2 Prozent, Zinssenkungen sind vorerst abgehakt, und der neue US-Notenbank-Chef Kevin Warsh kämpft bei seinem Einstand gleich mit einer Situation, die eher Zinserhöhungen als Erleichterungen verlangt. Immobilienwerte wie die REITs, die klassischen Schuldenmacher unter den Sektoren, müssten in diesem Umfeld eigentlich unter Druck stehen. Stattdessen markiert der US-REIT-ETF XLRE gerade ein neues 52-Wochenhoch. Und er belegt im bisherigen Jahresverlauf Platz drei hinter Energie und Technologie. Irgendwas stimmt hier nicht. Oder vielleicht doch alles.

Warum steigende Zinsen den REIT-Sektor eigentlich belasten müssten

Dabei ist das Unbehagen durchaus berechtigt. REITs, also eine besondere Form börsennotierter Immobilienwerte, sind strukturell sehr zinssensibel: Sie finanzieren Immobilienportfolios in der Regel mit hohem Fremdkapitalanteil, und steigende Zinsen erhöhen ihre Refinanzierungskosten. Gleichzeitig werden ihre vergleichsweise stabilen Ausschüttungen unattraktiver, wenn risikolose Anleihen plötzlich ähnliche Renditen bieten. Das hat den Sektor in den Zinserhöhungsphasen der vergangenen Jahre stets spürbar belastet. Dass ausgerechnet jetzt die Kurse steigen, scheint widersprüchlich. Denn der Inflationsdruck wächst: Im Mai stiegen die US-Verbraucherpreise auf 4,2 Prozent im Jahresvergleich, nach 3,8 Prozent im April. Für die Fed-Sitzung kommende Woche rechnet der Markt zwar mit unveränderten Leitzinsen, die Wahrscheinlichkeit liegt laut dem FedWatch Tool der CME Group bei nahezu 100 Prozent. Doch der Wind dreht sich. Noch vor einem Monat gingen über 70 Prozent der Marktteilnehmer davon aus, dass die Zinsen bis Jahresende auf dem aktuellen Niveau bleiben oder sinken. Heute sind es gerade noch 33 Prozent. Der Markt preist zunehmend eine Anhebung noch vor Jahresende ein, am wahrscheinlichsten im Dezember. Eigentlich müsste das ein Belastungsfaktor für die Immobilienwerte sein.

Nicht nur Betongold: Was sonst noch im XLRE steckt

Ein Blick hinter die Kulissen erklärt das Paradox. Die Zusammensetzung des XLRE ist der Schlüssel, warum die klassische Zinslogik derzeit hier nur bedingt greift. Der ETF bildet zwar die Immobilienaktien des S&P 500 ab, doch dahinter verbirgt sich heute nicht nur das als langweilig geltende Betongold aus Büro-, Gewerbe- und Wohnimmobilien. Die beiden größten Positionen sind Welltower und Prologis, mit zusammen knapp 19 Prozent Gewichtung. Welltower betreibt Seniorenresidenzen und Gesundheitsimmobilien, Prologis ist der weltgrößte Logistikimmobilien-Konzern und damit ein direkter Nutznießer des anhaltenden E-Commerce-Wachstums. Mit Börsenwerten von knapp 150 beziehungsweise 136 Milliarden US-Dollar sind das keine Nischenwerte: Beide übertreffen damit 35 der 40 DAX-Konzerne und sind gemessen am Börsenwert jeweils mehr als zehnmal so groß wie Vonovia, Deutschlands größter börsennotierter Immobilienkonzern.

Hinter den beiden Schwergewichten folgen mit Equinix und Digital Realty Trust zwei Betreiber von Rechenzentren, die zusammen auf über 11 Prozent kommen. Sie vermieten die physische Infrastruktur, auf der die KI-Revolution läuft. American Tower und Crown Castle wiederum betreiben Mobilfunkmasten, also die Grundlage moderner Datenkommunikation. Was also als Immobiliensektor zusammengefasst wird, geht in Teilen längst darüber hinaus und umfasst auch Anbieter von digitaler Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Logistik, allerdings mit dem steuerlichen Konstrukt eines börsennotierten Immobilienfonds. Denn als US-REITs sind diese Unternehmen verpflichtet, mindestens 90 Prozent ihres steuerpflichtigen Gewinns als Dividende auszuschütten, was ihnen steuerliche Vorteile auf Unternehmensebene sichert und sie als Investments mit vergleichsweise hohen laufenden Ausschüttungen auszeichnet.

Iron Mountain und Equinix schlagen die Technologieriesen

Der besondere Fokus einiger REIT-Unternehmen spiegelt sich auch in den Kursentwicklungen des Sektors wider. Mit einem Plus von 11,5 Prozent im bisherigen Jahresverlauf liegt der XLRE zwar hinter Energie mit plus 30,3 Prozent und Technologie mit plus 22,7 Prozent, übertrifft aber den S&P 500 mit plus 6,2 Prozent deutlich. Auf Einzelwertebene ist das Bild noch eindrucksvoller. Iron Mountain, ein Spezialist für Datenspeicherung und Dokumentenmanagement, führt die Jahresperformance im XLRE mit einem Plus von knapp 49 Prozent an. Equinix, der weltgrößte Rechenzentrumsbetreiber, liegt mit gut 35 Prozent ebenfalls weit vorne.

Aber auch abseits der digitalen Infrastruktur zeigt der Sektor Stärke: Healthpeak Properties, ein Spezialist für Gesundheitsimmobilien, kommt auf ein Plus von gut 27 Prozent, Welltower auf knapp 14 Prozent, und Prologis, der weltgrößte Logistikimmobilien-Konzern, auf gut 14 Prozent. Zum Vergleich: NVIDIA, Alphabet und Apple, die bislang stärksten unter den großen US-Technologiekonzernen in diesem Jahr, verzeichneten bislang Zuwächse von 7,5, knapp 14 und gut 7 Prozent. Wer Anfang des Jahres auf Iron Mountain oder Equinix gesetzt hätte statt auf die Zugpferde des Technologiesektors, läge heute deutlich besser. Aber ist das mehr als eine Momentaufnahme? Und kann der Sektor seine relative Stärke fortsetzen?

XLRE an charttechnisch entscheidender Marke

Aus charttechnischer Sicht gibt es hier derzeit Anhaltspunkte. Zum einen sind das neue 52-Wochenhoch und die relative Stärke gegenüber dem Gesamtmarkt positive Signale, die für ein Übergewicht der Bullen sprechen. Zugleich befindet sich der ETF an einer charttechnisch interessanten Stelle: Der XLRE versucht gerade, den Widerstand bei rund 45 US-Dollar nachhaltig zu überwinden, der aus der Seitwärtsphase seit April resultiert. Knapp darüber liegt bei 45,50 bis 45,60 US-Dollar ein weiteres potenzielles Hindernis, das aus den Mehrjahreshochs vom September und November 2024 stammt. Gelingt es dem ETF, auch diese Zone zu überwinden, könnte das weiteren technischen Kursspielraum eröffnen.

Hohe Schulden und sportliche Bewertung: Die Risiken des Sektors

Ob sich das charttechnische Bild fundamental untermauern lässt, ist allerdings nicht ohne Einschränkungen zu beantworten. Denn der strukturelle Rückenwind hat seinen Preis, und Equinix liefert dafür ein anschauliches Beispiel. Der weltgrößte Rechenzentrumsbetreiber steht mit rund 20 Milliarden US-Dollar in der Kreide, das Verhältnis von Nettoverschuldung zu operativem Gewinn liegt beim 3,8-Fachen. Derzeit ist das handhabbar: Der durchschnittliche Zinssatz auf die Schulden beträgt lediglich 2,9 Prozent, viele Anleihen wurden in Niedrigzinsphasen begeben. Doch die Fälligkeiten rücken näher. 2026 müssen 1,3 Milliarden US-Dollar refinanziert werden, ab 2029 steigen die jährlichen Fälligkeiten auf bis zu 2,7 Milliarden US-Dollar. Das ist keine Equinix-spezifische Schwäche, sondern das strukturelle Dilemma des gesamten Sektors: Wachstum auf Pump funktioniert, solange die Zinsen mitspielen.

Hinzu kommt, dass der Markt die Wachstumsstory bereits zu einem guten Teil eingepreist hat. Mit einem KGV von knapp über 36 ist der XLRE der zweitteuerste Sektor-ETF nach Technologie mit knapp über 38. Das birgt das Risiko von Bewertungsanpassungen, sollte es Enttäuschungen bei den nächsten Geschäftszahlen geben oder sich die Erwartung eines steigenden Zinsumfeldes erhärten.

Spielt der Markt bereits das Ende des Zinsdrucks?

Was aber, wenn sich die Erwartungen steigender Zinsen schneller wieder in Luft auflösen, als der Markt derzeit glaubt? Genau dieses Szenario könnte der REIT-Sektor bereits einpreisen. Das Argument dafür ist nicht neu, aber es hat Gewicht: Die USA haben inzwischen einen gigantischen Schuldenberg von rund 39 Billionen US-Dollar angehäuft, doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Wer so große finanzielle Verpflichtungen hat, kann sich dauerhaft hohe Zinsen schlicht nicht leisten. Der Druck auf die Notenbank, irgendwann wieder in Richtung günstigerer Refinanzierungsbedingungen zu steuern, bleibt strukturell. Für einen zinssensitiven Sektor mit realen Assets und mehrjährigen Wachstumstreibern wäre eine solche Wende der stärkste denkbare Rückenwind. Sollte der XLRE daher nun seine technischen Hürden überwinden können, wäre das vielleicht ein Indiz dafür, dass die Bullen genau dieses Szenario spielen. Und damit würde das Gesamtbild dann erst einmal stimmen, unabhängig davon, ob sich die Annahme dahinter wirklich erhärten wird.

Nichts verpassen: Der kostenlose Newsletter der BÖRSE am Sonntag liefert Ihnen wöchentlich Marktanalysen, Unternehmensnews und Anlagestrategien direkt ins Postfach.
Jetzt kostenlos abonnieren!

bevorzugte Quelle 

Börse am Sonntag als bevorzugte Quelle festlegen

Sie möchten Finanz- und Wirtschaftsnachrichten von Börse am Sonntag häufiger bei Google sehen?

Bei Google bevorzugen

Ähnliche Artikel