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Anleihe-Schock in Japan: wenn steigende Renditen zur globalen Gefahr werden

| Thomas Behnke

Japanischer Geschäftsmann betrachtet eine große elektronische Kurstafel mit japanischen Börsendaten.
Ein Geschäftsmann blickt in Tokio auf eine Kurstafel mit japanischen Börsendaten. Die Marktbewegungen spiegeln die wachsende Unsicherheit über steigende Renditen in Japan wider. (Foto: shutterstock)

Japans Anleiherenditen steigen kräftig und werden immer mehr zum Risiko für die globalen Finanzmärkte. Warum die Entwicklung Carry-Trades, Kapitalströme und Anleger betrifft und wie man sich jetzt sinnvoll positionieren kann.

Nun ja, an den weltweiten Finanzmärkten hat in den vergangenen Wochen die Nervosität zugenommen. An den US-Aktienbörsen, die angesichts ihrer Größe als Leitmarkt dienen, hat es erste Korrekturen gegeben. Zwar fielen diese gemessen an ihrer Intensität im Rahmen aus und sind bislang als normale Gegenbewegungen zu werten. Auch haben sich Indizes wie S&P 500 und NASDAQ-100 zuletzt wieder etwas erholt, sodass eigentlich kein Grund zur Sorge besteht. Ein Blick nach Japan zeigt jedoch, dass sich dort etwas zusammenbraut, das das Potenzial hat, die noch weitestgehend gute Stimmung an den weltweiten Finanzmärkten nachhaltig zu erschüttern.

Risiken erkennen statt Angst schüren

Eines gleich vorweg: Es geht in diesem Beitrag nicht darum, die Angst vor einem Crash zu schüren. Vielmehr sollen die offensichtlichen Risiken benannt werden, die das Potenzial haben, größere Verwerfungen an den internationalen Finanzmärkten auszulösen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines solchen Szenarios gering anmutet und es vielleicht auch niemals eintreten wird, für den Fall der Fälle sollte man jedoch darauf vorbereitet sein. Also, worum geht es eigentlich?

Japanische Anleiherenditen steigen weiter und weiter und weiter

Stärker im Fokus ist erneut die Entwicklung der japanischen Staatsanleihen. Deren Renditen sind weiter gestiegen und haben teilweise neue Rekorde erreicht. Im Blick dabei sind vor allem die Renditen für die langlaufenden Staatspapiere des Landes. Die 20-jährige lag zuletzt mit 2,917 Prozent auf dem höchsten Stand seit 1997. Die 30-jährige war mit zuletzt 3,429 Prozent erneut in neue, noch nie dagewesene Höhen vorgestoßen. Allerdings gibt es diese Laufzeit noch nicht so lange. Sie wurden erst 1999 eingeführt und damit mehrere Jahre nach den bisherigen Rendite-Peeks in Japan aus dem Jahr 1990.

Damals hatte beispielsweise die Rendite der 10-jährigen Anleihen, auf die an den Finanzmärkten ein besonders großes Augenmerk liegt, bei über 8 Prozent gelegen. Von einem solchen Wert sind wir heute zwar noch weit entfernt, dennoch setzte sich auch hier zuletzt der Anstieg fort. Mit rund 1,9 Prozent wurde das Hoch von Juni 2008, also während der Finanzkrise, erreicht. Im Vergleich zum historischen Höchststand mutet das auf den ersten Blick zwar gering an. Und auch beim Vergleich mit der US-Rendite für 10-jährige Anleihen von derzeit 4,08 Prozent ist das Niveau noch gering.

Im aktuellen Umfeld ist aber nicht allein die absolute Höhe entscheidend, sondern auch der Anstieg der japanischen Renditen in den vergangenen Monaten. Seit Jahresbeginn beträgt das Plus über 80 Basispunkte, oder anders ausgedrückt über 75 Prozent. Seit dem Tief im August 2019, als es negative Renditen von beinahe 0,3 Prozent gab, liegen wir heute über 200 Basispunkte höher. Das ist ein enormer Anstieg, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass sich in diesem Umfang die Refinanzierungskosten für den stark verschuldeten japanischen Staat verschlechtert haben. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. Und genau darin liegt das Problem.

Wachsende Schuldenlast und ein potenzieller Teufelskreis

Japans finanzielle Situation ist so, dass trotz bereits enormer Verschuldung weiterhin Staatsanleihen ausgegeben werden müssen, um den Staat zu finanzieren. Allerdings lässt das Interesse aus dem In- und Ausland angesichts der prekären monetären Situation nach, was letztlich zu steigenden Renditen führt, weil höhere Risikoprämien geboten werden müssen. Es besteht damit das Risiko, dass hier eine Aufwärtsspirale in Gang gesetzt wurde, die nur schwer aufzuhalten sein wird.

Befeuert wird diese Entwicklung dadurch, dass Inflation und Lohndruck über früheren Niveaus liegen und die globalen Zinsen höher sind und auch weltweit das Angebot an Staatsanleihen zunimmt, um die grundsätzlichen strukturellen Probleme in vielen Ländern, wie hohe Haushaltsdefizite, zu finanzieren. Damit steigt der Wettbewerb um die Vergabe von Schulden, weshalb höhere Risikoprämien geboten werden müssen. Gleichzeitig ist Japan in Sachen Staatsverschuldung mit einer Schuldenquote von deutlich über 200 Prozent des BIP anderen Ländern bereits einige Schritte voraus. Beispielsweise kommen die USA „nur“ auf rund 125 Prozent. Damit steigen die Zweifel, ob Japan seine Schulden langfristig noch zu sehr niedrigen Zinsen rollen kann oder ob immer höhere Renditen geboten werden müssen. Und eine solche Entwicklung dürfte auch globale Implikationen auslösen. Weil Japan ein zentraler Gläubiger ist, also öffentliche und private japanische Investoren zu den größten Käufern ausländischer Staatsanleihen zählen, sind weiter steigende Renditen im eigenen Land ein Risiko. Nämlich, indem es dazu führt, dass Kapital im Ausland, beispielsweise aus US-Staatsanleihen, abgezogen wird und damit insgesamt die weltweiten Anleihemärkte in Unruhe versetzen könnte.

Yen-Carry-Trades als unterschätzter Risikofaktor

Mit einem weiter steigenden Anstieg japanischer Renditen verlieren auch die sogenannten Yen-Carry-Trades an Attraktivität. Lange Zeit war es ein sicheres Geschäft, sich zu günstigen Konditionen in japanische Yen zu verschulden, um dann dieses Kapital gewinnbringend in höher verzinste Anleihen oder in Aktien anzulegen. Ein ganzer Zweig in der Finanzindustrie war massiv auf diese Geschäfte ausgelegt. Vereinfacht gesagt haben die niedrigen Zinsen in Japan einen großen Beitrag zu dem Bullenmarkt an der Wall Street in den letzten Jahren beigesteuert. Weil sich nun die Kreditkonditionen in Japan deutlich verschlechtert haben, werden die Yen-Carry-Trades jedoch zunehmend zu einem Risiko, weshalb es zur Schließung entsprechender Positionen kam und auch weiterkommen dürfte. Wenn solche Carry-Positionen geschlossen werden müssen, verkaufen Investoren häufig Aktien und/oder Anleihen in den Zielmärkten, was dort die Kurse unter Druck setzt und damit die Volatilität erhöht.

Und mit jedem weiteren Anstieg der japanischen Renditen dürfte sich der Druck erhöhen und könnte damit eine Kettenreaktion auslösen, die zu Verwerfungen an den weltweiten Finanzmärkten führen kann. Sicherlich werden die Notenbanken in einem solchen Szenario wieder eingreifen und die Märkte mit frisch gedrucktem Geld fluten, allerdings wird der Schaden dann schon angerichtet sein. Gerade die japanische Notenbank ist dafür bekannt, erst zu handeln, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Anleger sollten vorbereitet sein

Die Kombination aus historisch hoher Staatsverschuldung, einem im Vergleich zur Nullzinsphase deutlich höheren Zinsniveau und stark vernetzten Strategien wie den Yen-Carry-Trades vergrößert die potenziellen Ausschläge an den Märkten. Gerade in Japan, wo der Goldpreis erst jüngst ein Rekordniveau erreicht hat, zeigt sich, dass Anleger beim Wegfall des Yen als klassische Niedrigzinswährung verstärkt auf Edelmetalle ausweichen. Damit spiegelt sich auch im Goldmarkt die wachsende Unsicherheit über die langfristigen Folgen steigender Renditen und möglicher Liquiditätsausweitungen.

Wie eingangs gesagt bedeutet es nicht, dass es tatsächlich zu einem weltweiten Verwerfungs-Szenario kommen muss. Es gibt viele Faktoren, die hier eine Rolle spielen und deren Zusammenspiel nicht prognostizierbar ist. Gänzlich unwahrscheinlich sind Erschütterungen an den weltweiten Finanzmärkten, die jenen während der Finanzkrise 2008 angesichts der heute weitaus höheren Risikodimensionen sogar noch übertreffen könnten, jedoch nicht. Letztlich ist jedoch das Problem, dass eine Vorhersage von Zeitpunkt oder Ausmaß nicht möglich ist.

Entsprechend ist es derzeit nicht angebracht, vor einem baldigen möglichen Crash zu warnen oder von einem solchen auszugehen. Anleger sollten sich jedoch der Situation in Japan und deren möglichen negativen Folgen bewusst sein. Die Risiken sind nicht von der Hand zu weisen. Daher kann es sinnvoll, die weitere Entwicklung der japanischen Anleiherenditen zu beobachten und eine weiter steigende Entwicklung als Anlass zu nehmen, das eigene Risiko- und Positionsmanagement entsprechend anzupassen. Das bedeutet: Anleger sollten darauf vorbereitet sein, falls es zum Knall kommt. Wenn ein solcher ausbleibt, perfekt. Wenn ein solcher aber doch kommt, sollte man seine Hausaufgaben gemacht haben, um adäquat reagieren zu können.

Infobox: So bleiben Anleger auch in Turbulenzen handlungsfähig

Szenario-Planung
Es kann hilfreich sein, für das eigene Portfolio klare Szenarien durchzuspielen und für jedes davon vorab definierte Handelsregeln festzulegen. Wer auf diese Weise vorbereitet ist, gerät in turbulenten Marktphasen weniger unter Entscheidungsdruck.

Hebel und Fremdkapital reduzieren
Anleger, die mit Hebel arbeiten, sollten in einem solchen Umfeld prüfen, ob eine Reduktion sinnvoll ist. Geringerer Fremdkapitaleinsatz verringert die Wahrscheinlichkeit, dass unvorhergesehene Marktbewegungen zu Zwangsmaßnahmen führen.

Klumpenrisiken verringern
Es kann hilfreich sein, stark korrelierte Positionen zu identifizieren und diese gegebenenfalls zu reduzieren, um Klumpenrisiken im Depot zu vermeiden. Dadurch bleibt das Portfolio widerstandsfähiger, falls einzelne Märkte stärker unter Druck geraten.

Liquiditätspuffer aufbauen
Eine erhöhte Liquiditätsquote ermöglicht es, in hektischen Marktphasen flexibel zu reagieren. Wer in kritischen Momenten nicht voll investiert ist, verschafft sich Handlungsspielraum.

FAQ: Die wichtigsten Fragen zur Situation in Japan

1. Warum haben steigende japanische Anleiherenditen globale Bedeutung?
Japan zählt zu den größten Gläubigern der Welt. Steigen die heimischen Renditen, kann Kapital aus ausländischen Anleihemärkten abgezogen werden, was globalen Druck auf die Renditen und Kurse auslöst.

2. Was macht die Kombination aus Schuldenlast und Zinsanstieg so riskant?
Japans Staatsschulden liegen bei über 200 Prozent des BIP. Höhere Renditen verteuern die Refinanzierung erheblich und erhöhen die Zweifel, ob der bisherige Umgang mit der Schuldenlast auf Dauer tragfähig bleibt.

3. Warum können Yen-Carry-Trades eine Kettenreaktion auslösen?
Wenn Anleger sich in Yen verschulden und das Kapital in höher verzinste Anlagen investieren, hängt die Strategie von dauerhaft niedrigen Zinsen in Japan ab. Steigende Renditen erhöhen die Finanzierungskosten und führen zur Schließung solcher Positionen, was wiederum Verkaufsdruck an anderen Märkten erzeugen kann.

4. Warum steigt der Goldpreis besonders stark im Yen?
Der neue Rekordpreis in Yen deutet darauf hin, dass japanische Anleger verstärkt auf Edelmetalle ausweichen. Gold wird als Absicherung betrachtet, insbesondere wenn steigende Renditen, höhere Staatsverschuldung und mögliche Liquiditätsausweitungen als Risiken wahrgenommen werden.

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