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Märkte > Wirtschaftswachstum bei über drei Prozent

Gegen Polens Leitindex hat der Dax keine Chance

| Oliver Götz

Blick über Warschau.
Blick auf das moderne Geschäftszentrum von Warschau. (Foto: picture alliance/dpa | Friedemann Kohler)

Mit rund 50 Prozent liegt der WIG20 auf Sicht von zwölf Monaten im Plus. Der Dax kommt auf acht Prozent. Eine Outperformance, die sich fortsetzen könnte.

Vor dem sogenannten Home Bias wird am Finanzmarkt gern gewarnt. Er beschreibt das Phänomen, dass Anleger ihr Geld überproportional in Aktien aus ihrem Heimatland anlegen. Dass es die Rendite aufbessert, das Portfolio besser international zu streuen, ist kein Geheimnis. Trotzdem passiert es insbesondere Privatanlegern noch häufig, im Verhältnis recht viel des eigenen Vermögens in heimische Unternehmen zu stecken. Immer schlecht ist das nicht. Warren Buffett mahnt bis heute an, nur in Firmen zu investieren, deren Geschäftsmodelle und Märkte man versteht. Und das fällt im Heimatland oft einfacher als irgendwo im Ausland, wo es schon Probleme macht, den Unternehmensnamen richtig auszusprechen und erst recht nachzuvollziehen, wie genau das jeweilige Unternehmen Geld verdient. Teile des US-Marktes und globale Großkonzerne dürften davon ausgenommen sein, aber bei der Frage welche Unternehmen im WIG20 gelistet sind, da wird es schon schwierig.

Dabei ist dieser Index aktuell das perfekte Beispiel, wie einem die Home Bias oder der eine Blick zu wenig weg von den großen Aktienbörsen, eine Menge Rendite kosten kann. Der polnische Leitindex, der WIG20, hat innerhalb eines Jahres rund 47 Prozent zugelegt und damit den Dax, der im selben Zeitraum nur einen einstelligen Zuwachs geschafft hat, deutlich hinter sich gelassen. Auch der breitere polnische Aktienmarkt zeigt eine bemerkenswerte Dynamik: Der S&P Poland BMI lag Ende August auf Jahressicht in US-Dollar gerechnet 37,6 Prozent im Plus.

Dass Polen inzwischen mehr ist als ein Nischenmarkt, zeigt sich nicht nur an den Kursen. Im Juli erreichte der elektronische Aktienhandel am regulierten Hauptmarkt nach Angaben der Warschauer Börse 57,6 Milliarden Złoty – 43,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Auch der Handel mit ETFs, ETNs und ETCs legte kräftig zu. Das ist für internationale Investoren wichtig. Denn ein Markt kann wirtschaftlich attraktiv sein – wenn größere Positionen nicht ausreichend liquide gehandelt werden können, bleibt er für viele institutionelle Anleger dennoch uninteressant. S&P Dow Jones Indices hat nun vorgeschlagen, Polen vom Status eines Schwellenlandes in den Kreis der entwickelten Märkte aufzunehmen. Die Umsetzung ist für die September-2027-Rekonstitution vorgesehen. S&P begründet den Vorschlag unter anderem mit der Größe und Liquidität des polnischen Aktienmarktes sowie Fortschritten bei Infrastruktur und wirtschaftlicher Stabilität. Eine solche Umklassifizierung wäre vor allem aus Sicht internationaler Fonds relevant. Sie verändert nicht die Unternehmen selbst, kann aber die Gruppe potenzieller Investoren vergrößern.

Polens Wirtschaft wächst deutlich schneller

Hinter den Erfolgen an der Börse steckt im Wesentlichen eine starke und bis dato krisenresistente Konjunktur. Während Deutschland nach der aktuellen ifo-Prognose 2026 lediglich um 1,4 Prozent wachsen dürfte, werden für Polen Schätzungen der EU-Kommission nach in diesem Jahr 3,5 Prozent erwartet. Für 2027 rechnet die Kommission immerhin noch mit 2,8 Prozent.

Polen hat in den vergangenen Jahren massiv in Straßen, Schienen, Logistik und öffentliche Infrastruktur investiert. Hinzu kommen hohe EU-Mittel, die in konkrete Projekte fließen. Polen verfügt über eine große industrielle Basis, eine wachsende und vergleichsweise gut ausgebildete Bevölkerung und trotz steigender Löhne noch immer Kostenvorteile gegenüber vielen westeuropäischen Standorten. Polen ist längst nicht mehr nur ein günstiger Produktionsstandort. Die Kombination aus Infrastruktur, qualifizierten Arbeitskräften und wachsender Binnennachfrage macht das Land zunehmend zu einem eigenständigen Wirtschaftsstandort.

Digitalisierung und Konsum als zusätzliche Treiber

Ein weiterer Faktor ist die Digitalisierung. Polen hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei digitalen Behördendienstleistungen gemacht. Für Unternehmen reduziert das bürokratische Hürden und erleichtert Gründungen sowie administrative Prozesse.

Gleichzeitig steigt das verfügbare Einkommen. Das stärkt den privaten Konsum und sorgt dafür, dass Polen weniger stark von der Exportindustrie abhängig ist. Zusätzlichen Schub liefern die Ausgaben für Verteidigung und Energie. Polen gehört zu den europäischen Staaten, die ihre militärischen Kapazitäten besonders stark ausbauen. Davon profitieren nicht nur die öffentliche Nachfrage, sondern auch Unternehmen entlang der industriellen Lieferketten.

Die EU-Kommission weist allerdings auch auf die Kehrseite hin: Das hohe Investitionstempo geht mit einem beträchtlichen Haushaltsdefizit einher. Für 2026 wird das Defizit auf 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt, 2027 sollen es noch 6,3 Prozent sein. Die Staatsverschuldung dürfte entsprechend weiter steigen.

Banken, Energie und das Amazon Osteuropas

Wer den polnischen Aktienmarkt abbilden möchte, kann auf einen ETF setzen. Der iShares MSCI Poland UCITS ETF verwaltet inzwischen mehr als eine Milliarde US-Dollar und hält 16 Aktienpositionen. Zu den größten gehören PKO Bank Polski, Bank Polska Kasa Opieki und der Energie- und Ölkonzern ORLEN.

Damit wird zugleich deutlich, worin sich der polnische Markt vom Dax unterscheidet. Banken und Energieunternehmen haben ein erhebliches Gewicht. Daneben gibt es aber auch interessante Wachstumswerte wie Allegro, den großen polnischen Onlinehändler, oder den Spieleentwickler CD Projekt.

Für die polnischen Aktienmarkt spricht auch dessen Bewertung, die mit einem KGV von 14 niedriger ausfällt als im europäischen Schnitt.

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