Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Märkte > Kursgewinne zu Weihnachten?

Warum eine Jahresendrally immer noch gut möglich ist

| Oliver Götz

Dax-Entwicklung auf Board vor Frankfurter Skyline.
Schafft der Dax noch einen neuen Rekord vor Weihnachten? (Foto: Shutterstock AI)

Das vierte Quartal beschert Anlegern im Schnitt die höchsten Kursgewinne. 2025 allerdings ist davon bislang nichts zu sehen. Der Dax hat aber Potenzial.

In der Vorweihnachtszeit präsentieren sich die Märkte regelmäßig in festlicher Stimmung. Der Jahresabschluss ist im langjährigen Durchschnitt die beste Zeit für Kursgewinne an der Börse. Wer im Schlussquartal rechtzeitig investierte, der hat sich in der Vergangenheit recht zielsicher ein üppiges Renditegeschenk unter die Weihnachtstanne gelegt. Je näher die Feiertage und der Jahreswechsel rückte, desto mehr gilt das besonders für den deutschen Leitindex. Stärker als der Eurostoxx50, der Dow Jones oder der Nasdaq, zeigt der Dax eine Tendenz zu positiven Renditen im Dezember. In den vergangenen zwei Jahreszehnten schloss der Index den Monat in über dreiviertel der Fälle positiv ab. Die Jahresendrally an der Börse also ist in der historischen Rückschau statistisch belegt. „Seit seiner offiziellen Einführung im Juni 1988 liegen 37 Schlussquartale vor, wobei der DAX in den Monaten November und Dezember bisher in der Mehrzahl der Fälle eine positive Performance zeigte“, heißt es in einer Analyse der ING-Bank. Im Dezember lief es besonders gut. „Hier stehen 28 Gewinnmonaten nur 9 Verlustmonate gegenüber. In 75,7 % der Fälle erzielte der DAX im Dezember also eine positive Performance.“

In diesem Jahr allerdings sieht es bislang mau aus. Seit Mai läuft Deutschlands führendes Börsenbarometer seitwärts. Im November ging es zwischenzeitlich sogar deutlich nach unten für den Dax. Daraufhin setzte eine leichte Erholung ein, im Dezember steht somit bislang ein Plus von knapp zwei Prozent. Damit daraus eine Jahresendrally wird, müsste der Dax nun aber zügig aus seiner monatelangen Seitwärtsbewegung ausbrechen, sprich in Richtung der 24.800 Punkte laufen und ein neues Rekordhoch aufstellen.

Die besten Tage im Schlussquartal stehen noch aus

Dafür, dass das noch funktionieren könnte, spricht: zwischen dem 20. Dezember und dem 5. Januar erzielte der Dax in den vergangenen 20 Jahren sogar in 80 Prozent der Fälle ein Kursplus. Die besten Tage im Schlussquartal stehen also noch bevor. Das wiederum liegt an zwei Phänomenen, die da lauten „Window Dressing“ und „Tax-Loss-Selling“. Beides sind zum Jahresende bei Fondsmanagern beliebte Werkzeuge. Bei ersterem „werden schwach gelaufene Titel aus den Portfolios entfernt und stattdessen Aktien mit starker Kursentwicklung zugekauft“, beschreibt der Vermögensverwalter Liqid. Ziel sei es dabei, die Portfoliozusammensetzung im Jahresbericht optisch aufzuwerten und gegenüber Investoren eine überzeugendere Performance zu präsentieren. „Diese taktisch motivierten Umschichtungen können die Nachfrage nach den Gewinner-Aktien zusätzlich erhöhen und so deren Kurse weiter antreiben.“ Beim „Tax-Loss-Selling“ verkaufen Anleger derweil ihre Verlustpositionen, um Steuern zu sparen. Verluste lassen sich an der Börse Gewinnen steuerlich gegenrechnen. „Die dadurch freiwerdenden Mittel fließen oft zu Beginn des neuen Jahres wieder in den Markt“, erklären die Liqid-Experten das Vorgehen in einem Beitrag. Die ING-Bank weist zudem daraufhin, dass auch variable Vergütungen wie Bonuszahlungen oder Weihnachtsgeld zum Jahresende für zusätzliche Liquidität sorgen könnten. „Fließt diese in den Aktienmarkt, kann die kurzfristig erhöhte Nachfrage steigende Kursnotierungen begünstigen.“

Pusht die Sorge vor einer KI-Blase den Dax?

Das allein reicht aber nicht aus, um ein echte Jahresendrally im Dax in Gang zu setzen. Dafür bräuchte es in den letzten beiden Adventswochen noch Impulse von außen. Gleichzeitig müssten Anleger dies- und jenseits des Atlantiks ihre Habacht-Stellung, der derzeit die Märke dominiert, ablegen.

Immerhin zeigt, was letzteres angeht, der charttechnische Trend in die richtige Richtung. Nach den zwischenzeitlichen Verlusten im November, hat sich der Dax inzwischen wieder über die 200-Tage-Linie gehievt. Das Überschreiten dieses so wichtigen Indikators deutet in der Regel einen Aufwärtstrend an. Etwas, das den Dax darüber hinaus zum Jahresende noch antreiben könnte, wäre eine mögliche Umschichtung aus den hoch bewerteten Tech- und KI-Aktien hinein in eher konservative Value-Werte, die im kommenden Frühjahr ihre Dividenden ausschütten. Deutschlands Leitindex hat da einige Kandidaten zu bieten. Die Aktie der Allianz zum Beispiel hat seit Anfang November schon rund neun Prozent an Wert hinzugewonnen und notiert nahe ihres Rekordhochs. Für andere Value-Werte, wie die Papiere des Rückversicherers Munich Re oder den Energiekonzern Eon, lässt sich eine solch positive Kursentwicklung jedoch nicht feststellen. Es muss sich als noch zeigen, ob Investoren tatsächlich und breit Gewinne aus den USA nach Deutschland schaffen, um sie dort vor einem Platzen der KI-Blase abzusichern. Analysten der Deutschen Bank aber sehen durchaus Potenzial: „Stellen Sie sich einen Markt ohne Ängste vor KI, mit angemessenen Bewertungen sowie großzügigem finanzpolitischen Spielraum und Konjunkturmaßnahmen vor, willkommen in Deutschland“, schrieben die Strategen der größten Privatbank des Landes in einem Bericht.

Drei entscheidende Impulse

Damit die Jahresendrally im Dax aber richtig Fahrt aufnehmen kann, braucht es mindestens einen von drei möglichen positiven Impulsen von außen. Ein Faktor wäre ein Erfolg in den Friedenverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine, beziehungsweise deren Unterstützern. Seit Wochen sorgt ein Friedensplan, den die USA und Russland ausgehandelt haben, für Bewegung. Eine Lösung in dem Konflikt könnte sich für Europas Wirtschaft als echter Booster erweisen. „Ein belastbarer Frieden in der Ukraine würde das Geschäftsklima wohl spürbar verbessern“, meint CMC-Markets-Chefanalyst Jochen Stanzl. Dass es bis zum Jahreswechsel diesbezüglich aber noch zu nennenswerten Fortschritten kommt, ist fraglich.

Eher schon konnten sich Anleger auf die US-Notenbank Fed verlassen, die unter der Woche zum dritten Mal in diesem Jahr die Zinsen senkte. Inwieweit dies  in den Kursen vollständig eingepreist war, ist allerdings unklar. Schließlich war in den vergangenen Wochen zunächst sicher von einer Senkung, dann plötzlich aber von einer Nullrunde ausgegangen worden, woraufhin die Kurse sowohl in den USA als auch im Dax deutlich nachgegeben hatten. In der Folge wurde die Kursdelle wieder ausgebügelt. Dass darüber hinaus keine weiteren Kursgewinne hinzukamen, lag aber vielleicht daran, dass Anleger lieber noch die Fed-Entscheidung von Mittwoch abwarten wollten. Die jüngsten Reaktionen der Märkte auf das Zins-Gebaren der US-Notenbanker zeigen jedenfalls: das geldpolitische Umfeld ist und bleibt für die Entwicklung Börsenindizes weltweit die maßgebliche Komponente. Ohne eine Zinssenkung der Fed wäre eine Jahresendrally im Dax wohl ausgeschlossen gewesen. Dazu aber ist es nicht gekommen, womit eine Grundelage für einen Jahresendspurt gelegt sein dürfte. 

Schlussendlich könnte auch der Blick auf die deutsche Wirtschaft nochmal Schwung in den Dax bringen. Hier geht es jedoch viel um Marktpsychologie. Wer setzt sich durch? Die Pessimisten oder die Optimisten? Mit Blick auf das BIP-Wachstum in der Bundesrepublik gibt es schließlich eine gewisse Bandbreite in den Prognosen. Die EU-Kommission rechnet für das kommende Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent, die OECD sieht Deutschland immerhin bei rund einem Prozent. Auch wenn Handelskonflikte voraussichtlich über 2026 hinaus ein belastender Faktor bleiben, setzen viele Beobachter auf einen positiven Impuls durch die angekündigten Investitionsprogramme der Bundesregierung. Diese dürften sich mittelfristig in der wirtschaftlichen Entwicklung niederschlagen. Gleichzeitig mahnen andere Stimmen zur Zurückhaltung. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – besser bekannt als die Wirtschaftsweisen – veranschlagt das Wachstum für 2026 lediglich auf 0,9 Prozent. Entscheidend wird am Ende sein, ob es gelingt, geplante Investitionen tatsächlich umzusetzen und strukturelle Bremsfaktoren zu überwinden. An der Börse entscheidet bis dahin der Glaube an das, was werden könnte.

bevorzugte Quelle 

Börse am Sonntag als bevorzugte Quelle festlegen

Sie möchten Finanz- und Wirtschaftsnachrichten von Börse am Sonntag häufiger bei Google sehen?

Bei Google bevorzugen

Das Magazin

BÖRSE am Sonntag

Zur Online Ausgabe

Ähnliche Artikel