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Märkte > Fed unter Druck

Sell America, buy Germany?

| Oliver Götz

Händler an der Börse mit skeptischem Blick.
Flüchten Investoren erneut in Sichere-Hafen-Aktien aus Europa? (Foto: Picture Alliance / newscom / John Angelillo)

Der Dax startet deutlich besser als der S&P 500 ins neue Jahr. Diese Outperformance könnte sich erstmal fortsetzen.

Schon im vergangenen Jahr hatte Deutschlands Leitindex im Vergleich mit dem S&P 500 am Ende die Nase vorn. 2026 scheint sich diese Outperformance fortzusetzen. Während der US-Index bislang knapp zwei Prozent an Wert hinzugewonnen hat, steht der Dax bereits mit 3,6 Prozent im Plus. Dass die Kursentwicklung eine so deutlich bessere ist, könnte an einem Sell America-Trade 2.0 liegen. Während es 2025 Donald Trumps Zölle waren, die Anleger in vermeintlich sichere, konservative Dividendenwerte, von denen es in Europa und in Deutschland viele gibt, flüchten ließ, ist es diesmal wohl Trumps an Fahrt gewinnender Feldzug gegen den Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell. Seit Trump im Amt ist, wehrt eine Fehde zwischen den beiden einflussreichen Männern, die das Zeug dazu hätte, das Finanzsystem ins Wanken zu bringen. Einfach und knapp erklärt will Trump unbedingt niedrigere Zinsen, um die Wirtschaft im Land anzukurbeln. Powell beruft sich jedoch auf sein Mandat, das politische Unabhängigkeit fordert und Zins-Entscheidungen in Abhängigkeit von Statistiken und Zahlen rundum Inflations-Entwicklung und Arbeitsmarkt verlangt.   

In dem der US-Präsident diese Unabhängigkeit versucht zu untergraben, schürt er Sorgen vor einer wachsenden Instabilität im Finanzsystem. Der Zins, das zeigen die Kursreaktionen der vergangenen Jahre auf die jeweiligen Entscheidungen der Notenbanken weltweit, ist der gesamtwirtschaftlich entscheidende Faktor, wenn es um die Geldanlage geht. Wenn sich diesbezüglich nicht auf eine rationale entscheidende Instanz verlassen werden kann, wird Investieren an der Börse zum Blick in die Glaskugel. Ganz abgesehen davon, dass ganz grundsätzlich das Risiko einer wieder anziehenden Inflation besteht, sollten die Zinsen auf politischen Druck hin zu früh sinken, womit sie im Anschluss womöglich wieder stärker steigen müssten, um die Inflationsrate wieder klein zu bekommen.

Investoren treibt es aus US-Investments

Nachdem nun, wie am Wochenende bekannt wurde, seitens der US-Justiz ein Strafverfahren gegen Powell eingeläutet wurde, läuteten bei Investoren zum Wochenbeginn die Alarmglocken und die wichtigsten US-Indizes starteten allesamt verlustreich. Paul Hickey, Mitgründer der Bespoke Investment Group, sieht darin „eine mögliche Rückkehr des Sell-America-Trades“. Auch Trade Nation-Marktanalyst David Morrison will erkannt haben, dass sich Investoren beeilten, ihr Engagement in US-Anlage zu reduzieren, wie er in einer Mitteilung schrieb.

Die Ermittlungen gegen Powell beziehen sich auf dessen Aussage vor dem Kongress im vergangenen Jahr zur kostspieligen Renovierung der Notenbank-Gebäude – ein Projekt, das auch von Donald Trump scharf kritisiert wurde. Powell wies die Vorwürfe in einem am Sonntag veröffentlichten Video-Statement entschieden zurück und verteidigte sowohl sein Vorgehen als auch die Unabhängigkeit der Federal Reserve. Zugleich betonte er, dass geldpolitische Entscheidungen weiterhin ausschließlich datenbasiert und frei von politischem Druck getroffen würden.

Nächster Sell-Off bei US-Staatsanleihen?

Zwar endet Powells Amtszeit ohnehin im Mai dieses Jahres. Dennoch scheint vielen Anleger die Deutlichkeit der Auseinandersetzung ein gehöriger Unsicherheitsfaktor zu sein. Das war nicht nur am Aktien- sondern besonders auch am Anleihemarkt zu spüren. „Die Renditen von Staatsanleihen steigen, und die Zinskurve wird steiler angesichts erneuter Angriffe auf die Unabhängigkeit der Federal Reserve“, schrieb John Canavan, Chefanalyst bei Oxford Economics. Im vergangenen Jahr war es im Zuge von Trumps Zollankündigungen und gleichzeitigen Angriffen gegen Powell zu einem regelrechten Sell-Off von US-Staatsanleihen gekommen.

Der Verkauf von US-Staatsanleihen ist in diesem Kontext besonders problematisch, weil Treasurys als sicherer Hafen und Fundament des globalen Finanzsystems gelten. Wenn Investoren diese Papiere aus Sorge um politische Einflussnahme auf die Federal Reserve abstoßen, steigen die Renditen – und damit die Finanzierungskosten für den US-Staat, Unternehmen und private Haushalte. Zugleich leidet das Vertrauen in die Stabilität und Unabhängigkeit der US-Institutionen. Anhaltender Verkaufsdruck könnte den Dollar schwächen, die Volatilität an den Finanzmärkten erhöhen und die geldpolitische Steuerungsfähigkeit der Fed weiter erschweren.

Ins Bild passt, dass der Goldpreis zu neuen Rekorden aufbrach und zu Beginn der Woche über 4.600 US-Dollar stieg. Investoren fahren also weiter „sichere Häfen“ an. Im Aktienkontext finden sich darunter auch viele Papiere von Konzernen aus Europa, die mit hohen Dividendenrenditen aufwarten und Geschäftsmodellen, die weniger zinsabhängig sind, als der den US-Markt dominierenden Tech-Sektor. Die EZB hat zudem die Inflation zuletzt gut in den Griff bekommen. Im Dezember lag die Teuerungsrate mit 2,0 Prozent exakt auf dem Zielwert des Euro-Notenbank. Der Leitzins im Euroraum liegt ebenfalls bei zwei Prozent. Und das inzwischen schon seit Juni 2025. Geldpolitisch finden Investoren für den Moment das sicherere Umfeld in Europa vor. Das zeigt sich auch darin, dass der US-Dollar gegenüber ausländischen Währungen zu Wochenbeginn zwischenzeitlich um 0,4 Prozent abwertete. Anleger könnten dabei sein, sich gezielt aus Investments in Dollar zu verabschieden, um die Währungsrisiken, die aktuell vom Dollar ausgehen, zu minimieren.

So spricht Anfang 2026 viel dafür, dass es für Anleger mit Investments in den europäischen Aktienmarkt mehr zu holen gibt als vielleicht zunächst gedacht.

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