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Märkte > Iran-Krieg

Viel mehr als Öl: Was alles über die Straße von Hormus verschifft wird

| Oliver Götz

Satellitenansicht der Strait of Hormuz mit roten Schifffahrtslinien und einem großen roten X-Zeichen, das eine Blockade, einen maritimen Konflikt oder eine Handelsstörung in diesem strategisch wichtigen globalen Engpass für Öl symbolisiert.
Die Welt blickt auf die Straße von Hormus: bleibt sie weiterhin kaum befahrbar, droht ein Stagflationsschock für die Wirtschaft. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Ales Utouka)

Ist die Meerenge am Persischen Golf dicht, droht Knappheit nicht nur an der Tankstelle. Zig weitere Roh- und Grundstoffe gelangen über die Handelsroute in großen Mengen in den Wirtschaftskreislauf.

Es ist die weltweit sichtbarste Auswirkung des Iran-Kriegs: der stark gestiegene Ölpreis. Tanken ist nicht nur in Deutschland binnen kürzester Zeit sündhaft teuer geworden. Ob Sprit fürs Auto oder fürs Flugzeug, überall klettern die Preise in hohem Tempo. Die Transportkosten steigen rasant – für die Fahrt zur Arbeit oder in den Urlaub genauso wie im globalen Handel.  So wird schnell alles oder zumindest vieles teurer. Prompt lag die Inflationsrate in Deutschland im März bei 2,7 Prozent und damit um 0,9 Prozentpunkte höher als im Vormonat. Im gesamten Euroraum rückte die Drei-Prozent-Marke gefährlich nahe. An den Märkten lässt das Hochschnellen der Teuerungsraten die Kurse sinken, da Investoren für den Euroraum nun wieder Zinserhöhungen erwarten. In den USA derweil dürften die Zinsen zumindest nicht, wie noch vor Kriegsausbruch erwartet, sinken. Auch das sorgt für Verkäufe am Aktienmarkt – vor allem bei Technologieaktien, deren zukünftige Gewinne bei steigenden Zinsen aus Investorensicht weniger wert werden.

Dass der Ölpreis so schnell so stark angestiegen ist und Analysten für die kommenden Wochen noch von deutlich höheren Kursen ausgehen, liegt an der wohl bedeutendsten Meerenge der Welt. Durch die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit dem offenen Ozean verbindet, werden täglich bis zu 20 Millionen Barrel Rohöl transportiert, was in etwa 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs entspricht. Hinzu kommt ein Fünftel des weltweiten LNG-Angebots. Für den Iran, der an diesem Seeweg viel Küste hat, ein gigantisches Druckmittel, das die politische Führung nun im Krieg gegen die USA und Israel zu nutzen weiß. Wer ohne die Erlaubnis der Mullahs losfährt, riskiert Beschuss. So hält der Iran, obwohl immer wieder vereinzelt Tanker von „befreundeten Staaten“, wie es das Regime nennt, passieren dürfen, die Straße von Hormus weitgehend geschlossen – und Welthandel und Weltbörsen in Atem.

Dabei geht es bei genauerem Hinsehen um viel mehr als nur Öl und Flüssigerdgas. Die Straße von Hormus, sie ist ein Nadelöhr für eine ganze Reihe von Roh- und Grundstoffen, die überall auf der Welt gebraucht werden. Und zwar täglich, in großen Mengen. Von Einweghandschuhen bis hin zu Hochleistungschips, viele globale Wertschöpfungsketten beginnen am Persischen Golf, in Saudi-Arabien, Katar, den Vereinigen Arabischen Emiraten (VAE).

Chip-Industrie sorgt sich um Helium-Engpass

So fehlt es der Industrie zum Beispiel schon nach kurzer Zeit an Helium. Das Gas fällt als Nebenprodukt der Erdgasförderung an und wird aufgrund seiner einzigartigen physikalischen Eigenschaften, wie der eines extrem niedrigen Siedepunkts, in Hochtechnologiezweigen wie der Halbleiterfertigung, der Raumfahrt und der Medizintechnik benötigt. Ein Drittel der weltweiten Helium-Nachfrage wird aus Ländern des Nahen Osten bedient, der Großteil kommt aus Katar. Taiwan, das mit TSMC den größten und wichtigsten Halbleiterhersteller der Welt beheimatet, bezieht fast 70 Prozent seines Heliums aus der Golfregion, heißt es in einer Analyse der britischen Bank Barclays. Käme TSMC in Produktionsschwierigkeiten, würde das die ohnehin schon bestehende Halbleiterknappheit verschärfen. Die Preise für Helium haben sich am Spotmarkt bereits verdoppelt. Nicht nur die Situation rund um die Straße von Hormus ist dabei ein Problem, auch von iranischen Raketen zerstörte Anlagen in Katar. Die Gewinnung von Helium aus Gasgemischen ist technologisch aufwendig. Es gibt nur wenige Anlagen weltweit, die dazu in der Lage sind. Viele Gasfelder beinhalten das Edelgas darüber hinaus erst gar nicht. So lassen sich Lieferketten nicht mal eben umstrukturieren. Helium dürfte also selbst bei einem schnellen Kriegsende zunächst ein knappes Gut bleiben.

Naphtha als Inflationstreiber?

Dasselbe dürfte für den Grundstoff Naphtha gelten. Er wird aus Erdöl gewonnen – und das vor allem im Nahen Osten. Rund 80 Prozent des weltweiten Angebots werden über die Straße von Hormus verschifft. Kein Wunder, dass sich der Preis für das chemische Ausgangsprodukt bereits um fast 50 Prozent erhöht hat. Ohne Naphtha kein Polypropylen und Polyethylen, zwei Basis-Kunststoffe, aus denen viele Plastikverpackungen hergestellt werden, aber auch OP-Masken und medizinische Schutzkleidung. Einmalhandschuhe, die hauptsächlich in Asien produziert werden, wohin wiederum ein Großteil des Naphthas aus dem Nahen Osten normalerweise geht, wenn es nicht direkt vor Ort schon weiterveredelt wird, sind bereits deutlich im Preis gestiegen. Auch bei vielen Alltagsprodukten, dürften Preissteigerungen nicht mehr lange auf sich warten lassen, wenn sich die Produktion von Polypropylen und Polyethylen, verteuert. 50 Prozent der weltweiten Kunststoffproduktion geht auf die beiden Verbindungen zurück.

Ohne Urea keine Nahrung für die Welt?

Besonders knifflig ist die Situation rundum Urea, oder auch schlicht: Harnstoff. Die Preise sind bislang um rund 50 Prozent nach oben geklettert, da auch der für die Düngemittelproduktion benötigte Ausgangsstoff hauptsächlich aus den Golfstaaten kommt. Naheliegend, da Urea aus Erdgas gewonnen wird. Rund die Hälfte des weltweit eingesetzten Stickstoffdüngers besteht aus Urea, das als kostengünstige und leicht transportierbare Quelle für pflanzenverfügbaren Stickstoff dient. Ohne ausreichend Dünger, leidet die Ernte. Insbesondere in Afrika, das besonders von den Lieferungen aus Nahost abhängig ist. Schon jetzt steigen an den Börsen auch die Preise für Basis-Nahrungsmittel. Neben Urea kommen mit Schwefel und Ammoniak überdies zwei weitere Grundstoffe für Dünger in rauen Mengen aus Katar und Saudi-Arabien. Harnstoff steckt darüber hinaus in vielen Kosmetikprodukten, womit sich Verbraucher in Deutschland und Europa im Drogeriemarkt auf Preissteigerungen einstellen können.

Aluminium: Immer mehr Produktionsanlagen am Golf

Bei der Produktion von Aluminium sind die Golfstaaten über die vergangenen Jahre zu einem ernstzunehmenden Player am Weltmarkt geworden. Zwar stammt der Rohstoff Bauxit aus Ländern wie Australien oder Guinea, doch die energieintensive Weiterverarbeitung findet zunehmend in Staaten wie den VAE, Bahrain oder Saudi-Arabien statt. Die VAE sind zum fünftgrößten Produzenten aufgestiegen. Auch Bahrain liegt mit Rang 8 noch vor den neunplatzierten USA. Der Grund ist simpel: Aluminiumproduktion verschlingt enorme Mengen Strom – ein Wettbewerbsvorteil der Golfregion durch das viele, günstige Erdgas. Entsprechend werden große Mengen des fertigen Metalls über den Persischen Golf exportiert und passieren die Straße von Hormus. Zwar ist China mit großem Abstand der größte Produzent von Aluminium, die blockierten Exporte vom Golf führten zuletzt dennoch zu Preissteigerungen. Binnen eines Monats ging es um sechs Prozent nach oben. Auf Dreimonatssicht sind es fast 14 Prozent. Aluminium ist ein zentraler Werkstoff für die globale Industrie, zuletzt vermehrt auch im Hightech-Bereich mit dem Fokus auf grünen Technologien.

Hohe Inflationsrisiken

Es zeigt sich: es muss eine ganze Menge mehr durch die Wasserhandelsstraße am Golf als bloß Öl und Gas. Und allein eine Angebotslücke bei Letzteren hat schon das Zeug dazu eine globale Wirtschaftskrise auszulösen. Ein Blick auf die weiteren Grund- und Ausgangsstoffe, die aus der Region in den weltweiten Handel eingespeist werden, zeigt nur noch zusätzlich: die globalen Inflationsrisiken sind deutlich gestiegen. Die Dauer des Krieges im Iran wird darüber entscheiden, ob sie beherrschbar bleiben oder am Ende zu einer ausgewachsenen Stagflation der Weltwirtschaft führen. Spätestens dann dürften die Märkte nicht mehr so besonnen reagieren, wie sie es derzeit noch tun.

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