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Märkte > Ludwig-Erhard-Gipfel 2026 - Tegernsee Summit

„Vier Sitzungen reichen nicht mehr“: Aufsichtsräte im Dauerbetrieb

| Britta Kuschnigg | Lesezeit: 3 Min.

Fernsehkamera vor einer Bühne mit drei Personen bei einer Paneldiskussion.
Beim Panel „Die nächste Wachstumsagenda: Der strategische Auftrag der Aufsichtsräte“ diskutierten Paul Achleitner und Rüdiger Grube über die neue Rolle von Aufsichtsräten. (Foto: Weimer Media Group)

Aufsichtsräte müssen heute mehr leisten als Kontrolle: Beim Ludwig-Erhard-Gipfel diskutieren Paul Achleitner und Rüdiger Grube über KI, Tempo und Verantwortung.

Aufsichtsräte galten lange als Hohepriester der gepflegten Distanz: Sie öffneten ihre Aktenmappen, blätterten durch Berichte, nickten an den richtigen Stellen. Dann wurde gegessen. Heute ist dieses Bild passé. Heute stehen Aufsichtsräte unter Dauerstrom: Konflikte, die näher rücken, Maschinen, die schneller denken als ihre Erfinder – und mittendrin die Frage, wie Unternehmen strategisch auf Kurs gehalten werden.

Beim Ludwig-Erhard-Gipfel 2026 wurde genau darüber gestritten – pointiert, kontrovers und mit bemerkenswerter Offenheit. Dr. Paul Achleitner, ehemaliger Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, und Prof. Dr. Rüdiger Grube, Aufsichtsratsvorsitzender von Vodafone Deutschland, lieferten sich einen intensiven Schlagabtausch. Moderiert wurde die Runde von Frauke Holzmeier (ntv).

Kontrolle reicht nicht mehr: Der Aufsichtsrat als Denkpartner

Wer heute Aufsicht führt, da sind sich die Talkgäste einig, muss mehr können als kontrollieren. Gefragt sind Einordnung, Widerspruch – und die Fähigkeit zu wissen, wann eine Frage wichtiger ist als eine Antwort. Grube bringt die neue Lage auf eine einfache Formel: „Aufsichtsrat setzt sich aus zwei Worten zusammen: ‚Aufsicht‘ und ‚Rat‘ – doch der Rat wird immer wichtiger.“ Achleitner formuliert seine Rolle etwas anders: „Führen durch Fragen.“ Sein Credo klingt simpel, ist aber anspruchsvoll: „Durch intelligente Fragen Menschen dazu bringen, die Richtung zu ändern.“ Und er ergänzt: „Ein guter Chairman muss Energie geben – nicht Energie absaugen. Der Aufsichtsrat muss den Vorstand stärken, statt ihn zusätzlich zu belasten". Grube widerspricht nicht grundsätzlich, aber setzt einen anderen Akzent. Nur Fragen zu stellen, sei ihm „zu wenig“. Ein Aufsichtsrat müsse das Geschäft verstehen – fachlich und menschlich. „Leadership hat mit Haltung zu tun“, sagt er und warnt: „Man darf nicht Ex-CEO spielen.“

Zu groß, zu langsam, zu ritualisiert

Achleitner erinnert sich an frühere Zeiten: „Vor 25 Jahren hat eine Aufsichtsratssitzung rund drei Stunden gedauert.“ Vieles sei vorher entschieden gewesen – „rituelle Ringtänze“. Heute werde zwar kontroverser diskutiert, doch ein strukturelles Problem bleibe: die Größe der Gremien. Wenn 20 Aufsichtsräte, Vorstand, Berater und Übersetzer am Tisch sitzen, droht Debatte zur Verwaltungsfolklore zu verkommen. Sein Vorschlag: kleinere Ausschüsse, echte Diskussionen, mehr Tiefe. Grube kennt das Problem aus der Praxis: „Dann sind die ersten Stunden rum – und für echte Diskussion bleibt keine Zeit.“ Sein Gegenmodell: mehr Austausch, höhere Frequenz, mehr Tempo. Vier Sitzungen im Jahr reichen nicht mehr. Er setzt auf regelmäßige Gespräche mit CEOs, engen Kontakt zu CFOs und Strategieklausuren: „Ich habe fast täglich Kontakt – nicht um reinzureden, sondern um Vertrauen aufzubauen.“ Denn die Welt ist volatiler geworden: da sind geopolitische Risiken, Handelskonflikte, Transformation.

Beim Thema künstliche Intelligenz gewinnt die Debatte an Schärfe. Paul Achleitner erlaubt sich dabei eine Spitze: „Das Einzige, was künstliche Intelligenz schlagen kann, ist menschliche Dummheit.“ Der Satz wirkt pointiert, zielt aber auf einen ernsten Kern. Erfahrung, so seine These, ist nicht nur ein Vorteil – sie kann auch den Blick verengen. Gerade bei KI helfe kein routiniertes Abspulen alter Denkmuster, sondern nur ein gewisses Maß an Selbstironie und Selbstprüfung. Grube geht noch weiter: Für ihn ist KI eine Grundkompetenz – „wie Lesen, Schreiben und Rechnen“. Wer sich dem verweigere, habe im Aufsichtsrat nichts verloren. Sein Urteil über den Status quo in Deutschland fällt entsprechend nüchtern aus: Die Qualität der Aufsichtsräte sei „befriedigend, aber nicht sehr gut“. KI-Entscheidungen müssten schneller fallen. „Speed ist heute ein erfolgsentscheidender Wettbewerbsfaktor".

Fazit: Weniger Ehrenamt, mehr Verantwortung

Am Ende des Talks bleibt eine Erkenntnis: Der Aufsichtsrat der Zukunft ist kein Nebenjob mehr mit gelegentlichen Pflichtterminen. Er ist ein strategischer Auftrag – zeitintensiv, anspruchsvoll und geprägt von Unsicherheit. Gefragt sind Gremien, die antreiben statt abnicken, Energie geben statt blockieren, Fragen stellen statt es besser zu wissen. Und selbst jahrzehntelange Erfahrung ist kein Garant für die richtigen Antworten - oder, wie Achleitner es formuliert: "Erfahrung kann helfen – muss es aber nicht.“

Sie können den Ludwig-Erhard-Gipfel live unter www.leg-live.de verfolgen.

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