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Dr. KI: Wie Mensch und Maschine Gesundheit und Pflege verändern

| Britta Kuschnigg | Lesezeit: 4 Min.

Sechs Männer sitzen bei einer Podiumsdiskussion auf einer blau beleuchteten Bühne.
Auf einer Podiumsdiskussion des Ludwig-Erhard-Gipfels wurde diskutiert, wie KI Dokumentation, Diagnostik und Pflege entlasten kann. (Foto: Weimer Media Group)

Beim Ludwig-Erhard-Gipfel diskutieren Experten, wie KI Medizin und Pflege verändert – von automatischer Dokumentation bis schnellerer Diagnostik.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt der Arzt als Inbegriff der Gewissheit: weißer Kittel, Stethoskop, ein prüfender Blick – und die Diagnose stand. Heute wenden sich viele Patienten schon lange, bevor sie überhaupt ein Wartezimmer betreten, nicht mehr nur an Freunde und Familie, sondern an digitale Instanzen: Suchmaschinen, Symptom-Checker, KI-gestützte Gesundheitsapps. Der erste Ansprechpartner sitzt nicht mehr im Sprechzimmer, sondern im Smartphone.

Was auf den ersten Blick wie ein bloßer Wandel der Gewohnheiten erscheint, ist in Wahrheit eine enorme Verschiebung im Selbstverständnis der Medizin. Die Deutungshoheit über Krankheit beginnt sich zu verteilen – auf Algorithmen, Datenbanken und lernende Systeme. „Dr. KI“ ist dabei weniger ein Ersatz für den Arzt als vielmehr ein neuer Akteur im Gefüge: ein unsichtbarer Berater, stets verfügbar und selten zögernd. Damit verändert Künstliche Intelligenz grundlegend, wie wir Krankheit verstehen, behandeln und überhaupt über Gesundheit sprechen.

Beim Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee wurde dieses Spannungsfeld intensiv diskutiert. Unter dem Titel „Dr. KI – wie Mensch und Maschine Gesundheit und Pflege verändern“ sprachen David Matusiewicz (Moderation), Peter Biberthaler (Direktor Unfallchirurgie MRI TUM), Christian Egle (Leiter Gesundheit bei EMEIA EY), Ralf Kuhlen (Chief Medical Officer Fresenius), Folke Tedsen (Leiter Krankenleistung und Gesundheitsmanagement Hanse Merkur) und Dieter Weißhaar (Chef der Myneva Group) über die Frage, ob KI unser Gesundheitswesen menschlicher machen kann.

Das klingt zunächst paradox. Maschinen und Menschlichkeit, Algorithmen und Anteilnahme, Daten und Demenzpflege passen auf den ersten Blick etwa so gut zusammen wie Faxgerät und Zukunftsmedizin. Und doch lag genau darin die Pointe der Diskussion: KI soll den Arzt nicht ersetzen, die Pflegekraft nicht verdrängen und den Patienten nicht zum Datensatz reduzieren. Im Gegenteil. Sie soll Zeit zurückgeben.

Myneva-Chef Dieter Weißhaar brachte es aus Sicht der Pflege auf den Punkt. Wenn Pflegekräfte in einer Acht-Stunden-Schicht zweieinhalb Stunden dokumentieren, dann ist das kein Verwaltungsproblem mehr, sondern ein Versorgungsproblem. Seine Vision: Vitalwerte nicht mehr auf den Handrücken kritzeln, später abtippen und dabei wertvolle Zeit verlieren, sondern per Sprache erfassen, automatisch strukturieren und sauber dokumentieren lassen. In 99 Sprachen gesprochen, auf Deutsch dokumentiert. Das ist nicht Science-Fiction, sondern ein sehr praktischer Angriff auf den Pflegekraftmangel.

Auch Ralf Kuhlen zeigte, wie weit andere Länder bereits sind. In Spanien nutzt die Krankenhausgruppe Quirónsalud ein sogenanntes Ambient-Listening-System. Ein Smartphone liegt beim Arzt-Patienten-Gespräch auf dem Tisch, niemand tippt, niemand starrt in den Bildschirm, und am Ende ist die Dokumentation erledigt. Der Arzt hört wieder zu. Der Patient wird wieder angeschaut. Man möchte fast sagen: Welch revolutionäre Idee in der Medizin.

Hanse-Merkur-Experte Tedsen wiederum erzählte, wie KI Rechnungen strukturiert, Versorgungswege lenkt und Patienten in Situationen unterstützt, in denen früher oft der teuerste und nicht immer sinnvollste Weg gewählt wurde. Sein Satz blieb hängen: „KI schafft Effizienz, und Effizienz schafft Menschlichkeit.“ Schön, weil er dem üblichen Technikgerede die Kälte nimmt. Effizienz ist hier kein Sparprogramm, sondern ein Möglichmacher für Zuwendung.

Arzt Biberthaler zeigte, dass KI in der Unfallchirurgie längst mehr ist als ein nettes digitales Spielzeug. Automatisierte CT-Auswertungen, schnellere Blutungserkennung, präklinische Rettungssysteme und künftig Software, die Knochenbrüche analysiert und Implantate vorschlägt: Hier entscheidet Geschwindigkeit im Zweifel über Leben und Tod. KI ist dann kein Komfort, sondern klinische Relevanz.

Und EY-Experte Egle setzte die systemische Klammer: KI kann nur dann mehr sein als Show, wenn die Daten stimmen, Verantwortlichkeiten klar sind und am Ende für Patienten tatsächlich etwas besser wird. Der Wunsch nach einer sauber gefüllten elektronischen Patientenakte klang dabei fast bescheiden – und zugleich wie eine unerfüllte deutsche Sehnsucht.

Der wahre Gegner im Gespräch war also nicht die Maschine. Es war das gute alte Fax oder präziser: eine Haltung, die Daten mit Akribie bewacht und dabei bisweilen vergisst, dass es um Menschen geht. Entlassungsbriefe auf Papier, Befunde auf CDs, dazu ein Flickenteppich an Pflege-Regularien, so zahlreich wie die Bundesländer selbst – das deutsche Gesundheitswesen zeigt eine eigentümliche Virtuosität darin, Innovation zunächst in Verwaltungsakte zu überführen, bevor sie überhaupt die Chance bekommt, beim Patienten anzukommen.

Und doch war die Stimmung unter den Panelteilnehmern alles andere als kulturpessimistisch, sondern eher von spürbarer Ungeduld geprägt. In einem Punkt herrschte Einigkeit: KI wird kommen, weil sie längst da ist. Patienten lassen sich von ChatGPT ihre Befunde erklären, Ärzte arbeiten mit Assistenzsystemen, Versicherer automatisieren Prozesse, Pflegeanbieter dokumentieren per Sprache. Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie. Gestaltet Deutschland diesen Wandel aktiv oder läuft es ihm hinterher, mit Formularen in dreifacher Ausfertigung?

Am Ende blieb vom Talk „Dr. KI – wie Mensch und Maschine Gesundheit und Pflege verändern“ ein erstaunlich lebensnaher Befund: Die beste KI im Gesundheitswesen ist nicht die, die den Menschen ersetzt. Es ist die, die ihn wieder sichtbar macht. Den Arzt im Gespräch. Die Pflegekraft am Bett. Den Patienten als Person. Und vielleicht ist genau das die schönste Pointe: Ausgerechnet die Maschine könnte uns daran erinnern, worum es in der Medizin immer gehen sollte – um den Menschen.

Es diskutierten:

  • Prof. Dr. Peter Biberthaler, Direktor Unfallchirurgie MRI TUM
  • Christian Egle, Partner, Leader Healthcare EMEIA EY
  • Prof. Dr. Ralf Kuhlen, Chief Medical Officer Fresenius SE & Co. KGaA
  • Folke Tedsen, Head of Claims and Healthmanagement HanseMerkur
  • Dieter Weißhaar, CEO myneva Group
  • Moderation: Prof. Dr. David Matusiewicz, Founder 10xD & LinkedIn Top Voice

Sie können den Ludwig-Erhard-Gipfel live unter www.leg-live.de verfolgen.

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