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Märkte > Ludwig-Erhard-Gipfel 2026 - Tegernsee Summit

Experten zur Rente: „Wir müssen die Systeme reformieren, sonst fahren wir an die Wand“

| Oliver Götz | Lesezeit: 3 Min.

Drei Männer sitzen bei einer Podiumsdiskussion auf einer Bühne mit Ludwig-Erhard-Gipfel-Logos.
Christian Pellis (Mitte) und Gerhard Wiesheu (rechts) warben auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel für mehr kapitalmarktgedeckte Altersvorsorge, Finanzbildung und Reformen des Rentensystems. (Foto: Weimer Media Group)

Amundi-Deutschlandchef Christian Pellis und Metzler-Chef Gerhard Wiesheu fordern auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel mehr kapitalmarktgedeckte Altersvorsorge, bessere Finanzbildung und Reformen im Rentensystem.

Die Diagnose fällt eindeutig aus: Ohne eine stärkere kapitalmarktgedeckte Vorsorge wird das deutsche Rentensystem langfristig nicht tragfähig bleiben. Zuvor hatte Christian Pellis, Deutschland-Chef des Vermögensverwalters Amundi, in einem Impulsvortrag auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee die Dimension der Herausforderung skizziert. Europa befinde sich in einem tiefgreifenden Umbruch, sagte er. Während der Anteil der EU am weltweiten Wirtschaftswachstum bis 2030 auf nur noch 12,8 Prozent sinken dürfte, lägen die USA bei 22 Prozent und Asien sogar bei 45 Prozent. Gleichzeitig habe sich die Lücke beim Bruttoinlandsprodukt zwischen Europa und den USA in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Geringe Produktivität, steigende Sozialausgaben und die ungelöste Kapitalmarktunion verschärften die Lage zusätzlich. Hinzu komme die demografische Entwicklung – und damit wachsender Druck auf die sozialen Sicherungssysteme.

Gerade deshalb sieht Pellis einen entscheidenden Hebel im privaten Kapital. Das private Geldvermögen in Deutschland sei zuletzt auf den Rekordwert von 9,3 Billionen Euro gestiegen. Darin liege ein enormes Potenzial. Immerhin sei ein positiver Trend zu beobachten: Kapitalmarktprodukte würden bei den Deutschen beliebter, besonders jüngere Anleger setzten verstärkt auf ETFs. Dennoch bleibe Deutschland im internationalen Vergleich zurück. „Wenn wir 14 Millionen Anleger haben, ist das eine Steigerung, aber bei über 80 Millionen Einwohnern immer noch zu wenig“, sagte Pellis.

Ein Hoffnungsträger ist für ihn das neue staatlich geförderte Altersvorsorgedepot, das ab Januar 2027 starten soll. Die Bundesregierung plant damit einen neuen Baustein der privaten Altersvorsorge, der stärker auf langfristige Kapitalmarktanlagen setzt. Auch die diskutierte Frühstartrente – ein staatlich geförderter Kapitalaufbau bereits für Kinder ab sechs Jahren – zielt in dieselbe Richtung: Vermögensaufbau soll deutlich früher beginnen und den Zinseszinseffekt systematisch nutzen. Pellis sieht die Ertragskraft der Kapitalmärkte als „Gamechanger“.

Dem schloss sich im anschließenden „Finance Talk“ Gerhard Wiesheu, Vorstandssprecher des Bankhaus Metzler, an. Alles, was jetzt beim Thema kapitalmarktgedeckter Altersvorsorge getan werde, sei sinnvoll. Der Grund sei simpel: die Demografie. Im vergangenen Jahr seien in Deutschland rund 650.000 Babys geboren worden, gleichzeitig seien etwa eine Million Menschen verstorben. „Wenn wir so weitermachen, hat jeder unserer Nachkommen einen persönlichen Rentner zu versorgen“, warnt Wiesheu. Besonders kritisch sieht er die starke Abhängigkeit vom Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung. Wenn bereits rund ein Viertel des Bundeshaushalts in dieses System fließe, bleibe immer weniger Spielraum für Zukunftsinvestitionen. „Wir müssen die Systeme reformieren, sonst fahren wir an die Wand“, sagte der Banker.

Auch die betriebliche Altersvorsorge müsse deutlich einfacher werden, ergänzte Pellis. Der Amundi-Deutschland-Chef verweist auf die Niederlande als Vorbild: Dort hätten nahezu 100 Prozent der Beschäftigten eine betriebliche Altersvorsorge und investierten damit automatisch auch in Aktien. In Deutschland hingegen sei das System zu komplex und zu wenig verbreitet.

Ein weiteres Defizit sieht Wiesheu bei der Finanzbildung. Eigentlich brauche Deutschland ein eigenes Schulfach dafür, sagte er. Wenigstens müssten bestehende Fächer wie Wirtschaft, Recht und Sozialkunde Finanzthemen stärker aufnehmen. Sein Fazit fällt deutlich aus. „Wir sind in einer Art Vollkasko-Mentalität auf die Welt gekommen und sehen jetzt, dass wir an den Grenzen der Systeme sind.“

Sie können den Ludwig-Erhard-Gipfel live unter https://www.leg-live.de/ verfolgen.

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