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Unternehmen > Wie viel Potenzial steckt noch in der Rally?

Siemens Energy: Die Luft wird dünner

| Oliver Götz

Siemens-Energy-Schriftzug.
Siemens Energy erlebt einen Mega-Boom. Wie lange hält der noch an? (Foto: Sven Simon_Frank Hoermann / Picture Alliance

Die Auftragsbücher sind prall gefüllt, die mittelfristige Prognose begeistert. Sorgen macht beim aufblühenden Energietechnikkonzern nur die Bewertung der Aktie.

Rund zehn Milliarden Euro will Siemens Energy bis 2028 an seine Aktionäre ausschütten. Sechs Milliarden Euro über Aktienrückkäufe, die restlichen vier Milliarden Euro über Dividenden. Für das abgelaufene Geschäftsjahr plant die ehemalige Siemens-Tochter mit 70 Cent je Aktie. Erstmals seit vier Jahren werden Aktionäre damit auch abseits des Kurses wieder am Unternehmenserfolg beteiligt.

Lange Zeit nämlich – man mag es sich inzwischen kaum noch vorstellen können – wirtschaftete Siemens Energy defizitär. Noch im Geschäftsjahr 2022/2023 hatte der Energietechnik-Riese einen Rekord-Nettoverlust von 4,59 Milliarden Euro angehäuft.  Hauptgrund waren die Qualitätsprobleme bei der Windkraft-Tochter Siemens Gamesa. Das Geschäft mit der Windenergie macht nach wie vor Sorgen, ansonsten jedoch erwirtschaftet Siemens Energy inzwischen Rekordgewinne und kann sich damit die üppige Belohnung seiner Aktionäre locker leisten. Für die wiederum sind Aktienrückkaufprogramm und Dividenden ein zusätzliches Schmankerl zu den bereits explosiven Kursgewinnen innerhalb der vergangenen beiden Jahre. Vom Tief bei 6,40 im Oktober 2023 hatte sich die Aktie zwischenzeitlich auf ein Rekordhoch von 118, 15 Euro vervielfacht. Nach einem volatilen November und zuletzt ausgeprägteren Gewinnmitnahmen kosteten die Papiere zum Ende dieser Woche noch rund 103 Euro. Das entspricht allein in diesem Jahr aber immer noch einer Kursverdopplung.

Vom Dax-Sorgenkind zum Dax-Wunderkind

Siemens Energy hat es innerhalb kürzester Zeit vom Dax-Sorgenkind zum Dax-Wunderkind geschafft. Dass eine deutsche Aktie mal eine solche Kursrally hinlegt, ist zur Seltenheit geworden. KI macht es nun möglich. Denn ein Großteil der Kursgewinne dürfte daher rühren, dass Siemens Energy massiv vom gewaltigen, weltweiten Ausbau der Rechenzentren, die es unter anderem für KI-Anwendungen braucht, profitiert. Zum einen steigt damit die globale Stromnachfrage, zum anderen auch die nach moderner Netztechnik. Siemens Energy baut, liefert und wartet Technik von der Stromerzeugung bis zum Transport, deckt damit große Teile der Wertschöpfungskette ab – und erlebt so einen plötzlichen Boom. Die Umsätze steigen rasant und der Auftragseingang verspricht, dass sich dieses Wachstum noch länger fortsetzen wird.   

„Wir sehen überall auf der Welt, dass unser Portfolio in die Anforderung reinpasst, eine resiliente Energieinfrastruktur aufzubauen“, frohlockte Vorstandschef Christian Bruch kürzlich auf der Bilanzpressekonferenz in Berlin. Das spiegelt sich in einer deutlichen Prognoseanhebung wider. Für das laufende Geschäftsjahr 2025/2026 erwartet Siemens Energy zwar mit einem Umsatzplus von elf bis 13 Prozent etwas weniger als die 15,2 Prozent in den abgelaufenen zwölf Monaten, jedoch liegt natürlich das Ausgangsniveau deutlich höher und die bereinigte Marge soll sich von sechs auf neun bis elf Prozent im Best Case fast verdoppeln. Den Nettogewinn erwartet Siemens Energy bei drei bis vier Milliarden Euro. Im abgelaufenen Geschäftsjahr waren es 1,7 Milliarden Euro.

Siemens-Energy-Aktie

Längerfristiger Ausblick überzeugt – Bewertung verunsichert

Die eigentliche positive Überraschung war derweil der längerfristige Ausblick. Bis zum Geschäftsjahr 2027/28 soll der Umsatz jährlich im höheren Zehnprozentbereich zulegen und die Gewinnmarge 14 bis 16 Prozent erreichen. Das ist deutlich mehr als bislang veranschlagt und übertraf ebenso die Erwartungen der Analysten, die durchschnittlich mit einer Marge von 13,5 Prozent gerechnet hatten. Jefferies-Experte Lucas Ferhani lobte „voll aufgeladene“ Ziele bis 2028, die dynamisches Wachstum versprächen und höhere Margen. Ferhani sieht dahingehend noch 20 Prozent Luft nach oben, was die Erwartungen am Markt angeht.

An der Börse hatten die Prognoseanhebung und wenige Tage später die starken Quartalszahlen von Nvidia einen weiteren Kursanstieg ausgelöst. Dass der Auftragsbestand inzwischen einen Wert von 138 Milliarden Euro umfasst, dürfte Anleger zusätzlich ermutigt haben, zuzugreifen.

Was also kann da noch gegen die Siemens-Energy-Aktie sprechen? Eindeutig die hohe Bewertung. Das KGV liegt bei 65 und nach Monaten des steilen Anstiegs wirken die Papiere für den Moment überhitzt. So verwundert wenig, dass zum Wochenausklang Siemens-Energy-Titel plötzlich am Dax-Ende auftauchten – mit einem Minus von knapp sieben Prozent. Während die Geschäftsaussichten weiter stark sind, wird die Luft an der Börse für Siemens Energy dünner. Anleger sollten deshalb nicht blind kaufen, weil die Zukunftsaussichten rosig scheinen, sondern ihren Einstiegszeitpunkt klug wählen. Daran dürfte viel Rendite hängen.

 

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