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Aktien > Rüstungsdeal beflügelt Aktie

Heidelberger Druck: Aktie explodiert durch Rüstungsfantasie – nur heiße Luft?

| Thomas Behnke

Hand mit Nadel vor platzender .com-Blase als Symbol für Spekulationsblasen
Symbolbild zur Dotcom-Blase: Wie bei Heidelberger Druck sorgt ein Schlagwort für Kursexplosion – doch was steckt wirklich dahinter? (Foto: shutterstock)

Heidelberger Druck überrascht mit einem Kursplus von 40 Prozent nach einem Einstieg ins Rüstungsgeschäft. Doch wie tragfähig ist die Fantasie rund um die HDD-Aktie wirklich?

Es wirkt fast wie ein Déjà-vu aus den Zeiten der Dotcom-Blase: Ein Unternehmen kündigt plötzlich eine neue Ausrichtung an und der Aktienkurs explodiert. Damals reichte das Schlagwort „Internet“, heute sorgt das Etikett „Rüstung“ für Kursfantasien. Jüngstes Beispiel: Heidelberger Druckmaschinen AG (WKN 731400, ISIN DE0007314007, Ticker HDD). Nach einer Absichtserklärung mit einem Unternehmen aus der Rüstungsbranche schoss der Aktienkurs um fast 40 Prozent in die Höhe. Doch was steckt wirklich hinter dem plötzlichen Hype und ist die Euphorie der Anleger gerechtfertigt?

Umsatz halbiert, Gewinn kaum messbar – Heidelberger Druck in der Krise

Wie der Name schon verrät, ist Heidelberger Druckmaschinen im Bereich Drucktechnik tätig. Maschinen für Verpackungs- und Digitaldruck bilden weiterhin die Kernbereiche, ergänzt durch Softwarelösungen und das sogenannte Lifecycle-Geschäft, also Service und Verbrauchsmaterialien. Das Problem: Seit Jahren läuft es operativ schlecht. Klassische Druckmaschinen sind nicht mehr so gefragt. Der Umsatz stagniert oder zeigt übergeordnet sogar eine rückläufige Tendenz. Vor mehr als 20 Jahren lag er noch bei über 4 Milliarden Euro. Im letzten Geschäftsjahr 2024/25 (per Ende März) waren es nur noch 2,28 Milliarden Euro.

Viel Gewinn blieb davon nicht: Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) lag bei mageren 43 Millionen Euro. Unter dem Strich stand ein Nettogewinn von gerade einmal 5 Millionen Euro. Weil Sondereffekte das Bild regelmäßig verzerren, lohnt sich der Blick auf den operativen Cashflow. Mit 113 Millionen Euro war es immerhin der höchste Wert seit 2016/17 mit damals 139 Millionen Euro. Richtig überzeugen kann aber auch das nicht, ebenso wenig wie die zuletzt vom Vorstand betonte deutlich verbesserte Auftragslage.

Strategische Neuausrichtung: Traditionskonzern steigt mit VINCORION ins Rüstungsgeschäft ein

Um endlich wieder auf einen profitablen Wachstumskurs zu kommen, arbeitet Heidelberger Druckmaschinen bereits seit einiger Zeit an tiefgreifenden Einsparungen, etwa durch Stellenabbau und eine strategische Neuausrichtung. Ein zentraler Bestandteil ist der Ausbau neuer Geschäftsfelder im industriellen Bereich. Dazu zählt unter anderem der hochpräzise Anlagenbau mit integrierter Steuerung, Automatisierungstechnik und Robotik.

In dieses Bild passt die kürzlich verkündete strategische Partnerschaft mit der VINCORION Advanced Systems GmbH, einem Technologieunternehmen mit Schwerpunkt auf innovativen Energiesystemen für sicherheitskritische Anwendungen. Dazu gehören Generatoren, elektrische Motoren und Antriebe, Aggregate, Leistungselektronik sowie hybride Energiesysteme.

Seit Juni 2022 gehört VINCORION zum STAR III Fonds der britischen Private-Equity-Gesellschaft STAR Capital Partnership LLP. Die Zugehörigkeit zu einem renditeorientierten Investor bringt finanzielle Ressourcen und strategische Steuerung mit sich, könnte jedoch auch Auswirkungen auf die mittelfristige Ausrichtung und Stabilität der Partnerschaft haben – je nach künftiger Exit-Strategie.

Im Rahmen der mehrjährigen Zusammenarbeit soll Heidelberger Energieregelungs- und -verteilungssysteme für VINCORION entwickeln und fertigen. Laut Vorstandschef Jürgen Otto handelt es sich um das erste konkrete Projekt des Unternehmens im Verteidigungssektor. Er erklärte zudem: „Die Partnerschaft mit VINCORION stellt einen Meilenstein für Heidelberger dar und unterstreicht unsere Fähigkeit als Technologieunternehmen, komplexe Produkte effizient zu industrialisieren.“ Damit hebt der Vorstand erneut die technologische Kompetenz des Unternehmens hervor – als Hoffnungsanker für künftige Projekte, auch jenseits des klassischen Druckbereichs.

Zwischen Hoffnung und Hype: Viel Fantasie, wenig Substanz

Klingt vielversprechend. Doch ob sich die neue Partnerschaft auch tatsächlich positiv in den Geschäftszahlen niederschlagen wird, ist völlig offen. Bislang handelt es sich bei der angekündigten Zusammenarbeit lediglich um eine Absichtserklärung. Konkrete Auftragsvolumina oder Zahlen wurden nicht genannt. Auch aus finanzieller Sicht erscheint das Potenzial überschaubar: VINCORION erzielte im Geschäftsjahr 2024 nach eigenen Angaben einen Umsatz von rund 200 Millionen Euro. Der mögliche Anteil für Heidelberger dürfte entsprechend begrenzt sein.

Zwar könnte das Projekt durchaus als Referenz dienen, um die eigene industrielle Fertigungskompetenz auch außerhalb der Druckbranche und speziell im Verteidigungsbereich unter Beweis zu stellen. Doch das bleibt bislang Spekulation. Die starke Kursreaktion erscheint daher übertrieben und ist wohl vor allem dem aktuellen Hype um Rüstungsaktien geschuldet. Allein das Etikett „Rüstung“ reicht jedenfalls nicht aus, um die Aktie von Heidelberger Druck zu einem Kaufkandidaten zu machen.

HDD-Aktie: Teuer nach KGV, günstig nach Cashflow – doch Risiken bleiben hoch

Auch aus Bewertungssicht liefert Heidelberger Druckmaschinen kein durchgehend überzeugendes Bild. Mit einem aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 26,4 liegt die Aktie deutlich über dem Zehnjahresdurchschnitt von rund 16,5. Deutlich besser fällt dagegen das Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV) aus: Mit einem Wert von 4,7 wirkt die Aktie nicht nur absolut attraktiv, sondern auch relativ günstig im Vergleich zum historischen Mittelwert von knapp 10.

Doch reicht das, um die Aktie als Investment in Betracht zu ziehen? Zweifel bleiben. Der Konzern befindet sich weiterhin mitten in einer tiefgreifenden Umbruchphase, deren Ausgang offen ist. Ob der Übergang zu nachhaltigem Wachstum gelingt, bleibt abzuwarten. Die Risiken der vergangenen Jahre bestehen fort und müssen in jeder Analyse berücksichtigt werden.

Das Geschäftsmodell ist strukturell unter Druck: Der Rückgang gedruckter Medien, lange Investitionszyklen bei den Kunden und hoher Innovationsdruck belasten die Perspektiven. Zusätzlich wirken projektbezogene Umsatzschwankungen, sinkende Nachfrage und technologische Disruptionen als zentrale Risikofaktoren. Sie gefährden nicht nur den Umsatz und die Marge, sondern auch die langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Daran ändert auch die angestrebte Öffnung hin zu neuen Geschäftsfeldern, wie der Kooperation mit VINCORION, zunächst wenig.

Zukunft bleibt offen: Hoffnung ist keine Investmentstrategie

Die Partnerschaft mit VINCORION weckt zweifellos Fantasie – vor allem vor dem Hintergrund eines boomenden Rüstungssektors und der erhofften industriellen Neuausrichtung. Doch bislang steht lediglich eine Absichtserklärung im Raum. Konkrete wirtschaftliche Effekte für Heidelberger Druckmaschinen sind weder absehbar noch quantifiziert.

Auch die Bewertung bietet kein klares Signal: Während der Cashflow attraktiv erscheint, spricht das hohe KGV eher für Vorsicht. Hinzu kommen strukturelle Risiken im Kerngeschäft, lange Investitionszyklen und der Druck zur technologischen Erneuerung. Ob es dem Traditionskonzern gelingt, sich über neue Geschäftsfelder wie den Verteidigungsbereich nachhaltig zu stabilisieren, ist offen.

Damit erinnert vieles an das eingangs beschriebene Szenario: Ein Schlagwort entfacht kurzfristige Euphorie, der Aktienkurs schießt nach oben – doch die Substanz muss erst noch folgen. Anleger sollten sich von der momentanen Rüstungsrhetorik nicht blenden lassen. Denn ein Etikett allein ersetzt keine tragfähige Strategie.

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