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Märkte > Ausblick 2026

Darauf setzen die Finanzprofis im kommenden Jahr

| Oliver Götz

Börsenhändler an der NYSE.
Das Jahr 2026 könnte an der Börse für neue Rekorde sorgen - trotz vieler Risiken. (Foto: picture alliance / REUTERS | Brendan McDermid)

Aktien aus Deutschland, Europa und den Schwellenländern könnten positiv überraschen, der Bitcoin könnte sich verdoppeln, die Private Markets boomen. Viele Spitzen-Banker blicken optimistisch nach vorn.

Die Kurse stehen nach einem starken Börsenjahr vielerorts hoch, besonders in den USA sind die Bewertungen der Unternehmen zuletzt emporgeschnellt. Anleger sorgen sich zudem vor einer möglichen KI-Blase, die platzen könnte, wie einst die Dotcom-Bubble zur Jahrtausendwende. Ein Großteil der Kursgewinne jenseits des Atlantiks schließlich geht auf wenige Highflyer zurück, darunter bekannte Namen, wie Nvidia, Broadcom, Alphabet oder Palantir. Hinzu gesellen sich viele ungelöste geopolitische Konflikte, nach wie vor die Weltwirtschaft hemmende Handelsstreitereien, im Wesentlichen zwischen den USA, Europa und China. Und dann ist da natürlich noch die hohe Staatsverschuldung der USA und vieler europäischer Länder, Frankreich mit an vorderster Front, die gemeinsam mit zum Teil mauen bis gar keinen Wachstumsraten und, wie in der Autoindustrie, teils deutlichen Ergebniseinbrüchen der Unternehmen, vor Rezession und großer Schuldenkrise warnt.

Schwungvolle Prognosen

Kann man dies zugrunde gelegt noch positiv ins neue Kapitalmarkt-Jahr blicken? Man kann. Die Prognosen und Einschätzungen der Top-Banker und großen Vermögensverwalter lesen sich erstaunlich schwungvoll. Viele Experten warnen aber gleichzeitig vor Sorglosigkeit und blindem Investieren in den breiten Markt. „Anlagedisziplin ist angesagt“, fasst es Ulrich Stephan, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, zusammen. „Dazu gehören eine individuelle Sektorauswahl, eine aktive Portfoliogestaltung und ein Risikomanagement inklusive entsprechender Absicherungsmechanismen.“ Heißt: wer 2026 am Markt erfolgreich sein will, der muss am Ball bleiben. Kaufen und liegen lassen, könnte, wer nicht über sehr lange Zeiträume anlegt, im kommenden Jahr schief gehen. Zu sehr unterscheiden sich die Investment-Cases zwischen den großen Wirtschaftsregionen, zu sehr das Zins-, Wachstums- und Inflationsumfeld.

Weltwirtschaft vor kräftigem Wachstum?

Was aber für den fast überall zu findenden Grundoptimismus sorgt, sind die Wachstumsprognosen fürs kommende Jahr. Während es in diesem Jahr vor allem der KI-Hype und die Zinssenkungen waren, die die Börsen nach oben bewegten, könnten 2026 die fundamentalen Umsatz- und Gewinnentwicklungen der Unternehmen für Aufwind sorgen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), erwartet in den kommenden zwölf Monaten eine um drei Prozent wachsende Weltwirtschaft, in den USA könnte das BIP um 1,7 Prozent zulegen, in Europa um 1,2 Prozent. Deutschland traut die OECD nach langer Stagnation ein Plus von einem Prozent zu.  JPMorgan-Kapitalmarktstratege Tilman Galler hält die OECD-Prognosen für realistisch. „Noch nie zuvor haben wir Haushaltsdefizite oder Zinssenkungen in diesem Ausmaß außerhalb von Rezessionen erlebt. Diese fiskal- und geldpolitischen Anreize werden das Wachstum in den USA, Europa und Asien ankurbeln“, prognostiziert er in seiner jüngsten Markteinschätzung. Steigende Kurse könnten Folgen, so die Analyse.

Europa mit viel Potenzial für positive Überraschungen

Doch nicht überall dürften sich die Aktienmärkte im Gleichschritt in eine Richtung bewegen. „Im Hinblick auf die Marktstruktur sehen wir derzeit in Europa eine günstigere Situation als in den USA, in erster Linie aufgrund geringerer Konzentrationsrisiken“, sagt Michael Heldmann, CIO Equity bei Allianz Global Investors. „Im Gegensatz zu den USA, wo relativ wenige Mega-Cap-Aktien die wichtigsten Indizes dominieren, bieten die europäischen Börsen derzeit ein breiteres und diversifizierteres Spektrum an Anlagemöglichkeiten.“ Darüber hinaus sind Aktien aus Europa sektorübergreifend attraktiver bewertet als viele ihrer US-Pendants. „Das macht sie sowohl in Bezug auf Wert als auch auf Wachstum attraktiv.“ Heldmann hält US-Aktien insgesamt für teuer. „In Verbindung mit einem nahezu rekordverdächtigen Konzentrationsgrad ist ein selektiver Anlageansatz erforderlich. Dieser sollte den Fokus auf Unternehmen legen, die einen Bewertungsaufschlag rechtfertigen.“ Gleichzeitig gelte es, das Engagement in Firmen, deren Bewertungen fundamental nicht hinreichend unterstützt sind, zu reduzieren.

Auch Kapitalmarktstratege Berndt Fernow von der Landbank Baden-Württemberg (LBBW) sieht die Risiken in den USA und die Chancen in Europa. „Eine sinkende Gewinndynamik dürfte die Bewertungen der US-Börsenstars unter Druck setzen“, so Fernow. „Anleger, die in Euro rechnen, sollten zudem das Währungsrisiko im Auge behalten.“ Im Weißen Haus bestehe die klare Intention, Geld- und Währungspolitik zum eigenen Nutzen zu instrumentalisieren – eine weitere Quelle der Unsicherheit. Fernow und sein Research-Team erwarten daher für 2026 eine längere Phase der Risikoaversion, wobei die Indizes ihre Jahresanfangsstände deutlich unterschreiten dürften. „Angesichts der zollbedingt zu erwartenden höheren Inflation und der gedämpften Wachstumsprognosen stehen die USA zu Beginn des Jahres 2026 vor Stagflationsrisiken“, warnt auch Allianz Global Investors-Analyst Heldmann.

Abseits des US-dominierten Mainstreams sehen die LBBW-Experten aber Chancen. „Asiatische und europäische Werte sind deutlich günstiger als amerikanische. Nachhaltig dividendenstarke Titel verdienen Beachtung, ebenso Aktien der zweiten Reihe.“ Michael Reuss, Vorstand der Vermögensverwaltung HRK LUNIS, sieht in Europa ebenso einen potenziellen Überraschungskandidaten und nennt günstige Pharmawerte wie Novartis und Roche sowie die Maschinenbauer GEA, Krones und ABB als mögliche Börsengewinner. Sollte die Weltwirtschaft, wie von der OECD prognostiziert, deutlich wachsen, hält Reuss unter anderem auch die zuletzt arg schwächelnden Papiere von BASF für einen Comeback-Kauf. Nicht zuletzt lauern zudem bei vielen kleineren Unternehmen in Deutschland und Europa Kursanstiege. „Small und Mid Caps sind nicht nur günstiger bewertet, sondern punkten mit höheren Wachstumsraten und starker Innovationskraft“, sagt Christoph Ohme, Leiter Deutsche Aktien bei ODDO BHF.

KI weiter im Blickfeld, europäische Industriewerte mit Comeback?

Deutsche Bank-Chefvolkswirt Stephan glaubt derweil weiter an einen „anhaltenden KI-Boom“, woraufhin die bedeutendsten US-Digitalunternehmen auch 2026 weiter an absoluter Stärke gewinnen sollten und viele andere Branchen innerhalb der Wertschöpfungskette profitieren würden. Die Fondsexperten der Union Investment gehen davon aus, dass KI auch 2026 ein zentraler Wachstumstreiber am Kapitalmarkt bleiben wird. Ihrer Erwartung nach dürften die Investitionen in KI-Infrastruktur und -Kapazitäten fortgesetzt werden, sodass der KI-Megatrend weiterhin intakt bleibt und langfristig durch mögliche Produktivitätssteigerungen ein erhebliches Anlagepotenzial bieten könnte.

Stephan nennt etwa die Baubranche, die Energieversorger sowie Industrie- und Grundstoffwerte und Unternehmen aus dem Bereich Robotics als mögliche Gewinner. Auch Aktien von Banken dürften sich dem Ökonomen zufolge weiterhin gut entwickeln. „Pharma und Luxuskonsum könnten interessante Sektoren abseits der Kerninvestments sein“, so Stephan weiter. Aufgrund der möglichen Sonderkonjunktur in Europa erschienen zudem Industriewerte interessant.

Wachstumsmotor Asien – Indien und China im Fokus

Stephan lenkt den Blick zudem auf China, Indien und weitere Schwellenländer, besonders in Asien. „Asien als Wachstumsmotor der Weltkonjunktur könnte Aktienanlegern interessante Investmentziele bieten.“ Heldmann von Allianz Global Investors glaubt in der Region ebenfalls eine Menge Rendite zu holen. Der indische Aktienmarkt steche aufgrund mehrerer günstiger Faktoren heraus, so der Experte. Neben sehr günstigen demografischen Faktoren boome unter anderem die digitale Infrastruktur des Landes. Der indische Aktienmarkt sei sehr vielfältig, liquide und weise viele Gemeinsamkeiten mit den Börsen weiter entwickelter Volkswirtschaften auf. „Bei über 200 Aktien übersteigt die Marktkapitalisierung jeweils fünf Milliarden US-Dollar, und die Bewertungen erscheinen im Vergleich zu globalen Indizes niedrig.“ Die Konsensschätzungen für das Wachstum des BIP und des Gewinns pro Aktie würden Indien vor anderen aufstrebenden Ländern sehen, was seine soliden Fundamentaldaten, die politische Stabilität und die dynamische Unternehmenslandschaft widerspiegele. Trotz potenzieller Hindernisse aufgrund der Spannungen mit den USA geht Heldmann daher davon aus, dass Indien noch einige Zeit ein attraktives Ziel für aktives Aktienmanagement bleibt. „Jüngste Kursrückgänge aufgrund der US-Zölle haben unseres Erachtens ebenfalls zu attraktiven Einstiegsmöglichkeiten beigetragen.“

Auch für China ist Heldmann positiv gestimmt. „Die Komplexität des chinesischen Marktes sollte nicht von den langfristigen Chancen ablenken, die diese vitale, dynamische und innovative Wirtschaft bietet.“ Mit seinem vielfältigen und attraktiv bewerteten Aktienmarkt sowie erheblicher politischer Unterstützung stelle China weiterhin einen attraktiven Baustein in einer zukunftsorientierten Aktienallokation dar. Zudem sei der chinesische Aktienmarkt bei ausländischen Anlegern noch unterrepräsentiert, was konträre Chancen im Hinblick auf langfristige Kapitalzuflüsse eröffne. „Die Innovationskraft des Landes, speziell im Bereich Künstliche Intelligenz, wird nach wie vor unterschätzt“, meint Heldmann. Erhöht werde die aktuelle Attraktivität des Landes gleichzeitig durch die Möglichkeit einer weitreichenden Rentenreform und wichtige strategische Allianzen außerhalb der USA. „Der langfristige Trend dürfte positiv bleiben und insbesondere Anleger anziehen, die sich auf Innovation, Binnenkonsum und strategische Sektoren konzentrieren“ schließt Heldmann.

Private Markets als essenzielle Säule in der Geldanlage

Große Chancen sehen Banker und Analysten für 2026 aber auch erneut abseits der Aktienmärkte. Private Markets, lautet dabei das Stichwort. „Anlagen an den Private Markets sind nicht länger nur ‚alternative‘ Investments, sondern unseres Erachtens mittlerweile von grundlegender Bedeutung für den Aufbau langfristig ausgerichteter Portfolios“, erklären die Allianz Global Investors-Experten Michael Krautzberger und Edouard Jozan. Private Markets boomen und sind in den letzten zehn Jahren rasant gewachsen. „Die auf Private Markets verwalteten Vermögenswerte haben sich seit 2010 verfünffacht und sind inzwischen weltweit auf über 13 Billionen US-Dollar angestiegen“, schreibt die US-Bank JPMorgan. Der Grund: „Der Charakter von Unternehmensfinanzierungen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend verändert. Früher fand das Wachstum erst nach dem Börsengang statt, heute bereits davor.“

Mussten Unternehmen ihr Wachstum früher vor allem über die Kapitalmärkte finanzieren, stehen ihnen heute mit Venture Capital und Private Equity umfangreiche private Finanzierungsquellen zur Verfügung. Dadurch findet ein erheblicher Teil der Unternehmensentwicklung inzwischen außerhalb der Börse statt. Was zunächst nach Übertreibung wirkt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Ausdruck eines strukturellen Wandels in der Unternehmensfinanzierung. Firmen entscheiden sich immer häufiger bewusst gegen einen Börsengang. „Für schnell wachsende Unternehmen kann die Entscheidung im Privatbesitz zu bleiben, mehr Flexibilität bieten und eine längerfristige Entscheidungsfindung ohne den Druck des vierteljährlichen Berichtszyklus ermöglichen“, so JPMorgan. Unterdessen hätten institutionelle Anleger wie Pensionsfonds, Versicherungen, Stiftungen und Staatsfonds aktiv nach privaten Vermögenswerten gesucht, um ihre Erträge zu steigern. „Dieser Kapitalzufluss hat ein sich selbst verstärkendes Ökosystem geschaffen.“ Mehr Kapital führe zu größeren Transaktionen auf dem Private Market. Diese wiederum ermöglichten es Unternehmen, länger privat zu bleiben. Die daraus resultierende Expansion des Private Market ziehe wiederum noch mehr Kapital an. Neben dem allgemeinen Trend spricht für Investitionen in die Private Markets auch, dass sinkenden US-Zinsen die Kreditaufnahmen verbilligen. „Das führt zu höheren Erträgen und stützt die aktuellen Bewertungen.“

Bitcoin nach Durststrecke vor Verdopplung?

Verluste und sinkende Bewertungen erfuhr zuletzt der Bitcoin. Auf Jahressicht steht die bekannteste Kryptowährung mit fast 20 Prozent im Minus. Im vierten Quartal stürzte der Kurs um rund ein Drittel nach unten. In der Vergangenheit waren solche Einbrüche immer Einstiegschancen. Auch diesmal könnte 2026 die Erholung gelingen, glaubt JPMorgan.

Die wertvollste US-Bank wies ihre Kunden vor kurzem in einem Schreiben darauf hin, dass es in den kommenden zwölf Monaten auch ziemlich zügig wieder nach oben gehen könnte mit dem Kurs. Und zwar bis auf 170.000 US-Dollar. Damit hätte der Bitcoin aktuell ein Kurspotenzial von mehr als 120 Prozent. „Unsere volatilitätsbereinigte Bitcoin-zu-Gold-Vergleichskennzahl deutet weiterhin auf einen theoretischen Bitcoin-Preis von nahe 170.000 US-Dollar hin, was für Bitcoin in den nächsten 6–12 Monaten erhebliches Aufwärtspotenzial suggeriert“, schrieben Strategen der Bank unter der Woche in einer Mitteilung. Hinzu kommt die bedeutende Rolle von Strategy, einem Unternehmen, das einen erheblichen Teil seiner Bilanz in Bitcoin investiert. Aufgrund dieser Position gilt Strategy als wichtiger Indikator für den institutionellen Bitcoin-Markt: Jede Andeutung, dass das Unternehmen Teile seiner Bestände verkaufen könnte, erzeugt Unsicherheit und kann den Kurs kurzfristig stark belasten. Gleichzeitig signalisiert ein Halten der Bestände Vertrauen in Bitcoin, was für den Markt stabilisierend wirken kann.

Strategy setzt seinen Bitcoin-Bestand ins Verhältnis mit dem eigenen Marktwert. Der dabei entstehende Indikator sollte nicht unter 1,0 fallen. Aktuell liegt er bei 1,1. Die JPMorgan-Strategen betonen, dass Strategy kürzlich seine Barreserven um 1,4 Milliarden Dollar aufgestockt hat. Mit diesem Polster könnte das Unternehmen etwa zwei Jahre lang laufende Kosten wie Dividenden oder Zinszahlungen decken, ohne Bitcoin verkaufen zu müssen. Die Experten sehen in den Reserven ein starkes Argument dafür, dass ein erzwungener Verkauf zunehmend unwahrscheinlich ist. Sollte das Verhältnis von Marktwert zu Bitcoin-Beständen über 1,0 bleiben und Strategy den Verkauf vermeiden, könnten die Märkte beruhigt werden und das Schlimmste für den Bitcoin-Kurs wäre vermutlich überstanden.

Anfang kommenden Jahres wird darüber hinaus entschieden, ob Unternehmen wie Strategy, die mehr als die Hälfte ihrer Vermögenswerte in digitale Assets gesteckt haben, in den MSCI-Indizes verbleiben dürfen. „Wenn die MSCI-Entscheidung am 15. Januar positiv ausfällt, dürften sowohl MicroStrategy als auch Bitcoin zu den Niveaus vor dem 10. Oktober zurückkehren“, schrieben die JPMorgan-Experten.

Viel Optimismus also von den Profis, insofern sich Anleger mutig positionieren. Viel Rendite könnte 2026 dort lauern, wo es besonders für Privatanleger häufig risikoreich wird. Umso wichtiger, sich nicht auf große Wetten einzulassen, gleichzeitig aber auch den eigenen Anlagehorizont über US-Technologiewerte und einen ETF auf den MSCI World hinaus zu erweitern.

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