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„Verteidigungspolitik ist faktisch Industriepolitik“

| Oliver Götz

Militärfahrzeug auf Schwimmbrücke.
Militärfahrzeuge werden bei einer Großübung der Bundeswehr auf einer Schwimmbrücke über den Rhein gebracht. (Foto: picture alliance / dpa / Uwe Anspach)

EY-Experten fordern Verteidigung als strategisches Kernfeld europäischer Politik ein. Neben öffentlichen Investitionen müsse zudem mehr privates Kapital fließen.

Ein Interview mit Andreas Frank, Leiter Defense Initiative, EY und Jan Kallmorgen, Leiter Geostrategische Beratung, EY-Parthenon. 

BÖRSEamSonntag: Ist Deutschland aus Ihrer Sicht sicherheitspolitisch auf dem richtigen Weg, oder bleibt vieles bislang Symbolpolitik?

Andreas Frank: Deutschland ist mit den beiden Sondervermögen und der Änderung fiskalischer Leitplanken einen historischen Schritt gegangen. Es zeigt sich jetzt, dass der Engpass nicht mehr im Haushalt liegt, sondern Verzögerungen in der Umsetzung auftreten. Der zentrale Hebel ist jetzt Bürokratieabbau: kürzere Entscheidungs- und Vergabeschleifen, klare Verantwortlichkeiten und ein Prozessdesign, das auf Geschwindigkeit, Standardisierung und Skalierung ausgelegt ist – nicht auf Einzelfallperfektion. Industrie, Beschaffung und Lieferketten sind noch nicht auf das Tempo eingestellt, das die geopolitische Lage eigentlich verlangt. Damit es keine Symbolpolitik bleibt, sind alle Beteiligten gefordert, schnell skalierbare industrielle Strukturen aufzubauen.

Wo wäre das viele, zusätzliche Geld am wirksamsten eingesetzt – und über welche Summen sprechen wir?

Jan Kallmorgen: Die zentrale Erkenntnis aus unseren Analysen – auch gemeinsam mit der DekaBank – ist, dass Verteidigungsausgaben kein kurzfristiges Konjunkturprogramm sind, sondern ein langfristiger Industrialisierungs‑ und Investitionszyklus. Europa will bis Mitte der 2030er Jahre in Verteidigung und Sicherheit mehrere Billionen Euro investieren. Allein die europäischen NATO‑Staaten werden ihre jährlichen Ausgaben deutlich auf über 3,5 Prozent des BIP ausweiten. Für Deutschland bedeutet das: dauerhaft hohe zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr. Am wirkungsvollsten ist dieses Geld dort eingesetzt, wo es Produktionskapazitäten dauerhaft erhöht, technologische Souveränität stärkt und europäische Wertschöpfungsketten stabilisiert. Verteidigungspolitik ist damit faktisch Industriepolitik – mit erheblichen gesamtwirtschaftlichen Effekten.

Welche Rolle spielen Privatwirtschaft und Kapitalmärkte?

Jan Kallmorgen: Eine zentrale. Unsere Studien zeigen sehr klar: Öffentliche Investitionen entfalten ihre volle Wirkung nur, wenn sie auch von privatem Kapital flankiert werden. Verteidigungsinvestitionen sichern nicht nur Fähigkeiten, sondern stabilisieren Wertschöpfung, Beschäftigung und Innovationskraft - selbst in konjunkturell schwierigen Phasen. Der Kapitalmarkt hat das erkannt: Verteidigung ist kein zyklisches Randthema mehr, sondern ein langfristiger Investitionsbereich mit planbaren Cashflows. Ohne private Finanzierung werden weder der notwendige Kapazitätsaufbau noch die technologische Erneuerung in der erforderlichen Geschwindigkeit gelingen.

Wie realistisch ist eine stärkere europäische Verteidigungsautonomie?

Andreas Frank: Europäische Autonomie darf nicht als Abkopplung von den USA missverstanden werden. Realistisch und notwendig sind aber deutlich höhere europäische Fähigkeiten und Kapazitäten. Ein zentrales Ergebnis unserer Analyse ist, dass bereits heute ein großer Teil der zusätzlichen Ausgaben europäischen Unternehmen zugutekommt – dieser Trend wird sich verstärken.
Autonomie bedeutet: in Europa entwickeln, produzieren, skalieren können – und damit auch verlässlicher Bündnispartner zu sein. Das ist kein Bruch mit den USA, sondern eine Voraussetzung für eine belastbare transatlantische Partnerschaft auf Augenhöhe.

Braucht Europa einen stärkeren Verteidigungsfokus, um geopolitisch Gewicht zu haben?

Jan Kallmorgen: Ohne Zweifel. Geopolitisches Gewicht entsteht nicht allein durch Diplomatie, sondern durch glaubwürdige Handlungsfähigkeit und eigene Resilienz. Resilienz ist dabei mehr als militärische Ausrüstung: Sie umfasst robuste Lieferketten, Energie- und Rohstoffsicherheit, Schutz kritischer Infrastrukturen, Cyber‑Widerstandsfähigkeit sowie industrielle Durchhaltefähigkeiten, zum Beispiel bei Ersatzteilen, Wartung, Munitions- und Serienkapazitäten. Die aktuellen geopolitischen Krisen machen deutlich, dass Europa dort an Grenzen stößt, wo industrielle Tiefe, Durchhaltefähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit fehlen. Am Ende zählt nicht nur Budget, sondern Resilienz‑Output gleichermaßen: kürzere Durchlaufzeiten, höhere Verfügbarkeit, planbare Serienraten und belastbare Reaktionsfähigkeit in Krisen.

Was ist jetzt die wichtigste politische Entscheidung?

Andreas Frank: Die wichtigste Entscheidung ist, Verteidigung dauerhaft als strategisches Kernfeld europäischer Politik zu behandeln – nicht als Sonderfall. Das bedeutet: langfristige Haushaltsplanungen, verlässliche Abnahmezusagen und beschleunigte Beschaffung. Beschleunigung heißt end‑to‑end: von Bedarf über Vergabe und Zulauf bis zur Nutzung. Dafür braucht es schlankere Genehmigungen, mehr Standardisierung und Modularität, digitale Prozesse sowie weniger Abstimmungsschleifen zwischen den beteiligten Institutionen. Generell muss es eine bewusste Verzahnung von Industrie‑, Sicherheits‑ und Kapitalmarktpolitik geben – damit aus Einzelmaßnahmen ein tragfähiges Ökosystem wird. Die Zeitenwende entscheidet sich nicht in Sonderprogrammen, sondern in der Fähigkeit, über Jahre hinweg konsequent zu investieren und umzusetzen.

Die Fragen stellte: Oliver Götz 

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