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Märkte > Ludwig-Erhard-Gipfel 2026 - Tegernsee Summit

Neue Machtachsen der Weltwirtschaft

| Britta Kuschnigg | Lesezeit: 3 Min.

Podiumsdiskussion auf einer Bühne vor Publikum.
Podiumsdiskussion vor Publikum auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee. Im Mittelpunkt standen Handels- und Industriepolitik, neue Allianzen und Afrikas wachsende Rolle in der Weltwirtschaft. (Foto: Weimer Media Group)

Globale Machtpolitik, neue Allianzen und der Wirtschaftsboom Afrikas verändern die Weltwirtschaft. Warum Europa seine Handels- und Industriepolitik neu ausrichten muss, war Thema auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee.

Machtpolitik, Allianzen und Afrika-Boom: Warum Globalisierung neu gedacht werden muss, war Thema auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee.

Von Britta Kuschnigg

Die Globalisierung hat ihre Unschuld verloren. Und plötzlich gelten Gewissheiten, die jahrzehntelang tragfähig schienen, nur noch unter Vorbehalt. Was lange als Fortschritt galt, entpuppt sich zunehmend als Segen mit Verfallsdatum. Die Weltwirtschaft ordnet sich neu, und sie tut das nicht leise, sondern unter dem Druck von geopolitischen Konflikten und Kriegen, zersplitternden Lieferketten und einer Sanktionspolitik, die ganze Märkte neu vermisst. Damit ist die Handels- und Industriepolitik nicht länger Randdisziplin ökonomischer Feinsteuerung, sondern das zentrale Machtzentrum politischer Gestaltung geworden.

Ob die Ära der freien Globalisierung gescheitert ist, debattierten führende Vertreter aus Politik und Wirtschaft beim Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee. Dabei spielte besonders die zukünftige Handels- und Industriepolitik eine zentrale Rolle: Wie können offene Märkte, strategische Interessen und wirtschaftliche Resilienz miteinander in Einklang gebracht werden?

Gleichzeitig rückte die unbequeme Frage in den Mittelpunkt, ob Europa im globalen Machtpoker bereits ins Hintertreffen geraten ist und womöglich zum Verlierer der neuen Weltordnung wird. Gerade mit Blick auf eine zunehmend interventionistische Handels- und Industriepolitik in den USA und China wurde diskutiert, wie Europa seine bisherigen Ansätze anpassen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die Diskussion zeigte schnell: Die Zeiten einfacher Antworten sind vorbei. Industriepolitik, einst beinahe ein Tabubegriff in liberal geprägten Volkswirtschaften, erlebt eine bemerkenswerte Renaissance. Doch mit ihr wächst auch die Unsicherheit. „Eigentlich ist vieles von dem, was wir jetzt diskutieren – Zölle, staatliche Eingriffe, Subventionen – genau das, was wir nie wollten“, sagte Hubertus Bardt, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft, und alle Diskussionsteilnehmenden nickten. Und dennoch sei man gezwungen, sich genau dieser Instrumente zu bedienen. Die entscheidende Frage laute nicht mehr ob, sondern wie weit der Staat gehen dürfe – und wie lange.

Besonders eindringlich fiel der Blick aus Großbritannien aus. Greg Hands, ehemaliger britischer Handelsminister sowie Strategischer Berater der tschechischen EP Group erklärte, dass die aktuelle Energiekrise, verschärft durch geopolitische Spannungen etwa im Nahen Osten, rasch in eine neue globale Wirtschaftskrise münden könne. Er verglich die Situation mit der Pandemie. Gleichzeitig wachse die Abhängigkeit vom internationalen Handel weiter. Die Antwort darauf liege nicht im Rückzug, sagte Hands, sondern in neuen Allianzen: „Multilateralismus ist unter Druck. Deshalb brauchen wir flexible Koalitionen der Willigen“, lautete seine Diagnose. Handelsabkommen wie das transpazifische CPTPP, an dem auch Großbritannien beteiligt ist, könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen, möglicherweise sogar als Brücke für eine engere Zusammenarbeit mit der EU.

Auch Kanada setzt unter Premierminister Mark Carney auf eine aktivere Industriepolitik. Mit strategischen Fonds, gezielten Investitionen und einer Neujustierung der Beziehungen zu den USA versucht das Land, wirtschaftliche Abhängigkeit zu verringern. Yvonne Denz, Präsidentin & CEO der Deutsch-Kanadischen Industrie- und Handelskammer (per Video-Schalte aus Ottawa) stellte fest: „Kein Staat kann diese Transformation allein bewältigen. Wir müssten enger kooperieren, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können.“

Ein weiterer Perspektivwechsel kam aus der Debatte über Afrika. Der Kontinent sei längst kein Zukunftsmarkt mehr, sondern ein wirtschaftliches Kraftzentrum der Gegenwart, sagte Anna Sophie Herken, Vorstandsmitglied Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. 13 der 20 am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegen dort, doch nur ein Bruchteil globaler Investitionen fließt nach Afrika. „Wir sehen eine enorme Lücke zwischen Potenzial und Realität“, stellte Herken fest. Während andere Länder wie China, die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate längst massiv auf dem afrikanischen Kontinent präsent seien, agiere Europa vielerorts deutlich zu zögerlich. Dabei ginge es längst nicht nur um Rohstoffe, sondern auch um Innovation. Afrikanische Unternehmen überspringen Entwicklungsstufen und schaffen digitale Lösungen mit globaler Strahlkraft – vom Mobile Banking bis zur Gesundheitsversorgung. Für alle Podiums-Teilnehmer war klar: Wer diese Dynamik ignoriert, riskiert nicht nur wirtschaftliche Chancen, sondern auch geopolitischen Einfluss. „You are too late...“, lautete die zugespitzte Warnung aus der Afrika-Debatte.

Bardt fasste zusammen, dass der Staat zwar Rahmenbedingungen setzen, aber keine Zukunftstechnologien planen könne. Die Rolle des Staates liege vielmehr darin, Wettbewerb zu sichern, Infrastruktur bereitzustellen und Innovation zu ermöglichen. „Der Staat kann nicht wissen, welche Geschäftsmodelle morgen erfolgreich sind“, sagte er, wohl aber könne er die Voraussetzungen schaffen, damit sie entstünden.

Im globalen Spannungsfeld zwischen den USA und China wächst gleichzeitig der Druck auf Europa, eine eigene strategische Position zu finden. Während China gezielt Standards setzt und seine Marktmacht ausspielt, wirken die transatlantischen Beziehungen zunehmend fragil. Umso wichtiger ist es, dass Europa gemeinsam mit Partnern wie Kanada, Japan oder Großbritannien neue Formen der Zusammenarbeit etabliert.

Trotz aller Unsicherheiten blieb am Ende der Diskussion ein vorsichtiger Optimismus. „Wenn jeder das tut, was er am besten kann, profitieren am Ende alle“, lautete eine der Kernbotschaften mit Blick auf neue Allianzen. Die Zukunft der Globalisierung werde eine andere sein – fragmentierter, strategischer, politischer. Doch sie sei nicht zwangsläufig eine schlechtere. Entscheidend werde sein, ob es gelingen wird, neue Bündnisse und Partnerschaften zu schmieden.

Sie können den Ludwig-Erhard-Gipfel live unter https://www.leg-live.de/ verfolgen.

Tegernsee Summit: Der Ludwig-Erhard-Gipfel 2026

Ludwig-Erhard-Gipfel | Tegernsee Summit, findet vom 28. bis 30. April 2026 unter dem Leitthema „Zurück an die Weltspitze: Wie gelingt Deutschland der wirtschaftliche Aufschwung?“ statt. Die Konferenz gilt als etabliertes Forum für Debatten über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Sämtliche Programmpunkte werden im Livestream auf der Website des Gipfels übertragen:

Mehr als 100 Speaker an drei Tagen

Gastgeber der dreitägigen Konferenz ist die Verlagsgruppe WEIMER MEDIA GROUP, Co-Veranstalter des ersten Tages ist die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. Der Gipfel begeht in diesem Jahr seine 12. Auflage. Unter dem Motto „Zurück an die Weltspitze: Wie gelingt Deutschland der wirtschaftliche Aufschwung?“ sind mehr als 100 Speaker auf der Bühne zu hören, über 1000 Gäste werden erwartet. Die komplette Veranstaltung ist via Live-Stream auf www.ludwig-erhard-gipfel.de verfolgbar.

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